Filmstarts der Woche:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

Jungle Cruise Film Disney

"Jungle Cruise" mit Jack Whitehall, Emily Blunt and Dwayne Johnson (v.l.) ist die Verfilmung einer Disneyland-Attraktion - und trotzdem gut.

(Foto: AP)

"Jungle Cruise" mit Emily Blunt und Dwayne Johnson ist erstaunlich unterhaltsam. Franka Potente debütiert mit "Home" als Filmemacherin.

Von den SZ-Kritikern

Die Adern der Welt

Juliane Liebert: In beeindruckenden Bildern erzählt Byambasuren Davaa die Geschichte von Amra, einem jungen Nomaden in der mongolischen Steppe, der davon träumt, bei der Starshow "Mongolia's Got Talent" aufzutreten. Seine Welt ist die Schule, das Internet, die Tiere, die Steppe. Doch diese Welt ist bedroht, internationale Firmen wollen Amra und seine Eltern vertreiben, um in dem Land nach Gold zu schürfen. Ein liebenswerter, manchmal trauriger Film, der einen in eine ganz andere Lebenswelt eintauchen lässt.

Alles ist eins. Außer der 0.

Max Muth: Er war der Pionier der deutschen Computer-Hacker und ihr größter Idealist: Herwart "Wau" Holland, Pfadfinder, Fernmeldetechniker und Mitbegründer des Chaos Computer Clubs (CCC). Im Jahr 2001 starb er, aber die Erinnerung an ihn lebt weiter: in Mitstreitern wie Peter Glaser und in zahlreichen Homevideos der Freunde. Daraus haben Tanja Schwerdorf und Klaus Maeck eine Dokumentation gemacht. Sie ist eine absolut sehenswerte Liebeserklärung an den frühen deutschen Computernerd, auch wenn die digitalen Konflikte der letzten zwanzig Jahre etwas schematisch abgehandelt werden.

Der Atem des Meeres

Sarah Zapf: Ein Dokumentarfilm des niederländischen Filmemachers Pieter-Rim de Kroon über die Unesco-Welterbe-Region Wattenmeer. Die bildgewaltige und klangvolle Sprache des Films beschreibt den Rhythmus von Ebbe und Flut, Stille und Sturm, Ein- und Ausatmen. Die gegensatz- und detailreiche und teils unwirklich erscheinende Darstellung beleuchtet Menschen, Flora und Fauna und zeigt so einen besonderen Mikrokosmos für alle Sinne. Ein Film, der ein direktes, meditatives Erleben schafft und dabei auf eine zusätzliche Kommentierung verzichtet.

Cash Truck

Doris Kuhn: Jason Statham fährt als Geldtransportbewacher durch Los Angeles, kriegt den Mund kaum auf und bleibt im Ernstfall der schnellere Schütze. Klingt nicht neu, ist aber inszeniert von Guy Ritchie. Will heißen, ein Actionplot wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, damit man das Rachemotiv dahinter versteht. Das passiert in prachtvollen Bildern, die stetig an Licht verlieren, während die Menschen darin sich mal mehr, mal weniger bereitwillig in Monster verwandeln.

Censor

Sofia Glasl: Zwischen Horror-Hommage und B-Movie-Geschichtsstunde wogt Prano Bailey-Bonds Debütfilm klug hin und her. Mit Freude an Psychospielchen beschwört sie das verheißungsvolle Grauen der "Video Nasties" herauf, jener VHS-Schocker, die im Großbritannien der Achtzigerjahre für Aufsehen sorgten. Bailey-Bond schickt dafür die biedere Jugendschutzbeauftragte Enid auf einen Trip zwischen Zensurskandal und persönlichem Trauma, das diese in einem ihr vorgelegten Film endlich aufgeklärt wähnt.

The Corrupted - Ein blutiges Erbe

Fritz Göttler: Der atmet ja noch, sagt der korrupte Polizeichef, über den Mann, dem die Gangster eben ein paar Kugeln verpasst haben. Das Opfer liegt in einem tiefen Loch am Strand. Darauf drückt einer der Gangster dem Chief eine Schaufel in die Hand. Timothy Spall ist der Gangsterboss im Film von Ron Scalpello, sein Gesicht ist erschreckend schmal und der tiefliegende Mund erinnert an ein Tier auf der Lauer. Er ist anders als archaische amerikanische Gangster, foltert zwischen aufgehängten Schweinehälften. Sam Claflin ist ein junger Boxer, der aus dem Gefängnis kommt und seine Frau und seinen Sohn schützen muss. Die Korruption in der kalten Glitzerstadt London ist brutal und zynisch, und ihre Triebkraft wird klar benannt: die Immobilien-Spekulationen im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 2012.

Die Dohnal-Frauenministerin / Feministin / Visionärin

Sofia Glasl: Wehmütig und auch ein bisschen neidisch macht Sabine Derflingers Dokumentarfilm über Österreichs erste Frauenministerin, die zwischen 1979 und 1995 die Sozialpolitik prägte. Wehmütig, weil man Johanna Dohnal nicht kennenlernen durfte. Neidisch auf diejenigen, die sie kannten und hier so herzlich und einnehmend von der feministischen Ikone erzählen. "Die Dohnal" ist Porträt und Geschichtsstunde, aber auch und aktuelle Standortbestimmung in Sachen Gleichberechtigung - und Dohnals süffisantes Lächeln immer noch notwendig: "Wir bleiben weiter lästig."

Generation Beziehungsunfähig

Nicolas Freund: Tim (Frederick Lau) steht eigentlich längst mitten im Berufsleben, hat sich aber ansonsten einen zwanglosen Studenten-Lifestyle bewahrt: Kiffen mit der Ex, Mario Kart mit dem Kumpel und natürlich jede Menge unverbindliche Dates. Bis ihm da auf einmal diese Ghost (Luise Heyer) das letzte Stracciatella-Eis an der Tanke wegschnappen möchte. Helena Hufnagel hat das Mann-trifft-Frau-Muster auf die Gegenwart gemünzt und schafft es, in einer eigentlich ganz klassischen Liebeskomödie mit einzelnen Szene und Sätzen die Bindungsprobleme, sexuelle Frustration und Ängste einer jungen Generation auf den Punkt zu bringen. Fängt leicht an und wird dann kompliziert, wie das mit der Liebe eben so ist.

The Green Knight

Anke Sterneborg: Die Ritter von König Artus Tafelrunde mal ganz anders, mit Dev Patel als Gawain, einem Ritter-Darsteller of color. Nach dem Horrorgenre in "A Ghost Story" bürstet David Lowry nun auch das epische Fantasy-Abenteuer gegen den Strich, nimmt Tempo und Thrill raus, zugunsten elegischer Ruhe und opulenter Atmosphäre. Statt den Gang der Handlung voranzutreiben, schwelgt er in prachtvoll düsteren, irischen Landschaften und zelebriert Umwege und Abschweifungen, Vorahnungen und Träume.

Himmel über dem Camino - Der Jakobsweg ist Leben!

Sarah Zapf: Der Film begleitet sechs Menschen über 42 Tage dokumentarisch auf ihrer persönlichen Reise auf dem Jakobsweg. Noel Smyth und Fergus Grady zeigen keinen verklärten, sondern einen zutiefst ehrlichen Blick auf Wünsche, Sehnsüchte und Ängste der Wandernden jenseits der spirituellen Erleuchtung. Ein bedachter Film über Trauer, Schmerz und Verlust, aber umso mehr auch Veränderung, Hoffnung und Durchhalten - leidensvoll und inspirierend zugleich.

Home

Tobias Kniebe: Verlorener Sohn kehrt auf dem Highway in seine Kleinstadt zurück - großer alter Hollwoody-Filmbeginn. Marvin (Jake McLaughlin) hat zur Fortbewegung allerdings nur ein Skateboard, damit beginnen die kleinen Irritationen. Franka Potente, Schauspielerin aus Dülmen, channelt ihre gesamten USA-Erfahrungen in dieses selbstgeschriebene Spielfilmdebüt, das so amerikanisch sein will wie Apple Pie und es mit Kathy Bates als Star auch fast ist. Am Ende kann ihre Geschichte eines Mörders, der Vergebung sucht, aber nicht von realer Erfahrung handeln. Sondern vom Wunsch, an tausend andere Filme anzuknüpfen und zugleich etwas Eigenes zu bewahren.

Julia muss sterben Film
(Foto: Der Filmverleih)

Julia muss sterben

Anna Steinbauer: Ihre Mitbewerber sind allesamt weiß, rezitiert werden fast ausschließlich Shakespeare und Schiller: Damit die kopftuchtragende Lya an der Schauspielaufnahmeprüfung teilnehmen kann, muss sie ihrem pflegebedürftigen Vater erstmal Schlaftabletten verabreichen. Marco Gadges unterhaltsame Integrationskomödie rührt schmerzhaft und treffsicher an einem echten gesellschaftlichen Problem, denn noch immer ist die deutsche Kunst- und Kulturlandschaft wenig divers. Nicht alle Pointen sitzen und manchmal schrammt der Film gefährlich nah an der Klischeefalle.

Jungle Cruise

Josef Grübl: Wenn eine alleinstehende Frau mit einem Draufgänger auf einem Dampfboot durch den Dschungel reist und dabei von bösen Deutschen verfolgt wird, denkt man sofort an "African Queen". Doch Jaume Collet-Serras Verfilmung einer Disneyland-Attraktion hat sich nur die Grundidee des Hollywood-Klassikers von 1951 geborgt, sie ist noch mehr: Ein Abenteuerfilm am Amazonas, der auf Action, Stars und Inklusion setzt, der Spaß an Pyrotechnik, Prügeleien und popkulturellen Referenzen hat - und nebenbei erstaunlich unterhaltsam ist.

Matthias & Maxime

Philipp Stadelmaier: Für einen Studentenfilm küssen sich Matthias (Gabriel d'Almeida Freitas) und Maxime (Xavier Dolan) vor der Kamera, was ungeahnte Gefühle zwischen ihnen freisetzt - kurz vor Maximes Abreise nach Australien. Anders als sonst porträtiert Xavier Dolan in seinem berührenden Film nicht sich selbst, sondern eine Gruppe von Freunden, die Abschied nimmt. Und widmet den Film einer Gruppe von Filmemachern, die tolle Filme über Homosexualität gedreht haben.

Ostwind 5 - Der große Orkan

Ana Maria Michel: Im fünften und letzten Teil der Filmreihe will Ari einem alten Pferd helfen, das im Zirkusmilieu gequält wird, und schlüpft dafür mit Hengst Ostwind in Doppelgänger-Rollen. Doch er fühlt sich hier nicht wohl; seine Besitzerin Mika (Hanna Binke) merkt selbst von Kanada aus, dass etwas nicht stimmt, während Ari im Scheinwerferlicht ihre Bestimmung sucht. Lea Schmidbauer, Autorin der Ostwind-Bücher, führt selbst Regie in diesem Finale, das neben seiner Esoterik auch spannende Momente hat.

Wer wir sind und wer wir waren

Anke Sterneborg: Das Ende einer Ehe, gesehen mit den Augen des einzigen Sohnes William Nicholson (oscarnominierter Drehbuchautor von "Shadowlands" und "The Gladiator"), der die Ereignisse Jahrzehnte später als Autor eines Theaterstücks und Regisseur der Verfilmung reflektiert. Lange Spaziergänge an der malerischen Kalkfelsenküste im Süden Englands bringen Luft und Licht ins Küchenkammerspiel. Ihre Liebe zur Poesie und seine Begeisterung für Geschichte heben die intime Beziehung in berührenden und klugen Gedanken über die Liebe, das Leben und den Tod auf eine universelle Ebene. Was ein spröder Diskurs sein könnte, wird vom Charisma von Annette Bening und Bill Nighy illuminiert.

© SZ vom 29.07.2021/khil
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