bedeckt München 31°

Neuer Lisbeth-Salander-Film:Die neue Lisbeth Salander: Nur Pose statt echter Düsternis

Film

Lisbeth Salander, Version Nummer drei: Nach Noomi Rapace und Rooney Mara spielt die Engländerin Claire Foy ("The Crown") die begehrte Rolle.

(Foto: Sony)
  • "Verschwörung" basiert auf dem gleichnamigen vierten Teil der schwedischen "Millennium"-Krimireihe über Lisbeth Salander und ihren Mitstreiter Mikael Blomkvist.
  • Erfunden hat die Figuren der Schriftsteller Stieg Larsson, der drei Folgen schrieb - doch vor deren Veröffentlichung starb. Das vierte Buch stammt vom schwedischen Krimispezialisten David Lagercrantz.
  • Vor "Verschwörung" gab es bereits drei schwedische Verfilmungen der ersten Bücher sowie ein amerikanisches Remake von David Fincher.

Von David Steinitz

Was macht man mit Männern, die Frauen quälen und demütigen? Aus Sicht der einsamen Rächerin Lisbeth Salander gibt es nur eine Option: Man muss sie ebenfalls quälen und demütigen. Also knöpft sie sich zu Beginn dieses Thrillers einen schnöseligen Geschäftsmann vor, der in seiner Penthouse-Wohnung mal wieder seine Ehefrau verprügelt hat. Lisbeth hängt ihn kopfüber an die Zimmerdecke, bearbeitet ihn mit dem Elektroschocker und lässt ihn dabei zusehen, wie sie mit dem Smartphone sein Konto hackt und das Geld an die geschundene Gattin transferiert.

Diese Eröffnungssequenz am Anfang von "Verschwörung" steht in keinem Zusammenhang mit der restlichen Handlung, sondern kommt wie der typische Einstieg eines James-Bond-Films daher, in dem die Hauptfigur in einem kleinen Action-Aperitif zeigt, was sie so draufhat und wofür sie steht. Das ist zur Orientierung in diesem Fall auch vernünftig, weil die schwedische Borderline-Detektivin und Superhackerin Lisbeth Salander zwar längst eine Ikone der modernen Popkultur geworden ist. Aber ihre kommerzielle Auswertung hat mittlerweile doch etwas unübersichtliche Züge angenommen.

Die Traumrolle von fast allen weiblichen Hollywoodstars

"Verschwörung" ist der vierte Roman der schwedischen "Millennium"-Krimireihe über Salander und ihren Mitstreiter, den Journalisten Mikael Blomkvist. Erfunden hat die Figuren der Schriftsteller Stieg Larsson, der drei Folgen schrieb, aber den Welterfolg seiner Bücher gar nicht mehr mitbekam, weil er noch vor der Veröffentlichung des ersten im Jahr 2004 an einem Herzinfarkt starb. Im Auftrag seiner Erben setzt mittlerweile der schwedische Krimispezialist David Lagercrantz die Reihe fort, "Verschwörung" war seine Premiere. Außerdem gab es drei schwedische Verfilmungen der ersten Bücher mit der Schauspielerin Noomi Rapace als Lisbeth Salander sowie ein amerikanisches Remake des ersten Teils mit Rooney Mara in der Hauptrolle.

Jenseits der harten Fangemeinde kommt da natürlich kein Zuschauer mehr mit. Deshalb hat das Filmstudio Sony den Reset-Button gedrückt und wagt sich in "Verschwörung" mit neuer Besetzung vor und hinter der Kamera noch mal an die Welt der Lisbeth Salander heran, in Form einer Fortsetzung, die gleichzeitig auch ein Neustart für Neueinsteiger sein soll.

Das hatte vorab zu einem Casting-Hype geführt, weil Lisbeth Salander anscheinend die Traumrolle von fast allen weiblichen Hollywoodstars zu sein scheint. In den vergangenen Jahren haben sich unter anderem Natalie Portman, Jennifer Lawrence, Scarlett Johansson, Kristen Stewart, Keira Knightley und Alicia Vikander um die Rolle beworben. Deren Faszination mag vor allem daher kommen, dass Lisbeth Salander in den Büchern Opfer und Heldin zugleich ist, maskulin und feminin, sympathisch und unsympathisch, schön und hässlich, bisexuell. Die Figur lebt von einer Ambivalenz, die das moderne Mainstreamkino mit seinen Schablonenmenschen sonst kaum kennt und die mal eine echte schauspielerische Herausforderung darstellt.

Die neue Lisbeth ist eine sehr freie Interpretation der kantigen Vorlage

Bekommen hat die Rolle schließlich die britische Schauspielerin Claire Foy. Die 34-Jährige wurde als Elizabeth II in der gefeierten Netflix-Serie "The Crown" berühmt und ist derzeit auch im Neil-Armstrong-Film "Aufbruch zum Mond" zu sehen. Das ist insofern eine erstaunliche Wahl, als Claire Foy sich zu Lisbeth Salander ungefähr so verhält wie Roger Moore zum Original-James-Bond - eine sehr freie Interpretation der kantigen Vorlage.

Einmal äußerlich, weil sie mit ihren großen Augen und den weichen Gesichtszügen sowie der Helmfrisur, die nach einem schrecklichen Unfall beim Friseur aussieht, nicht auf die Stellenbeschreibung passt. Stieg Larsson hatte sie nach eigener Aussage als eine ausgemergelte Gothic-Version von Pippi Langstrumpf konzipiert. Aber auch inhaltlich hat man das Gefühl, dass die finstere Vorgeschichte dieses Mädchens - missbraucht als Kind, vergewaltigt als Jugendliche, erpresst und gedemütigt als Erwachsene - in dieser Interpretation mehr einer düsteren Pose gewichen ist.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite