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Filmfestival Cannes:Kampf um die Zukunft des Kinos

The giant canvas of the official poster for the 71st Cannes Film Festival is seen outside the Palais des Festivals in Cannes

Das Plakat der diesjährigen Filmfestspiele ist traditionsbewusst angelegt und ehrt einen Klassiker: Jean-Luc Godards "Pierrot le Fou".

(Foto: Jean-Paul Pelissier/Reuters)

Zu Beginn des Filmfestivals von Cannes haben sich die Verantwortlichen mit dem Streamingdienst Netflix überworfen. Es geht um die große Frage, wer die Filmgeschichte weiterschreiben wird.

Wie schafft man es, in die Filmgeschichte einzugehen? Das ist die gar nicht so geheime Frage, die bei einem Festival wie Cannes alle umtreibt, ganz gleich, ob sie als ernste Künstler gelten oder doch eher als leichtgewichtige Glücksritter. Bevor die 71. Edition der legendären Filmschau an diesem Dienstabend losgeht, hat sich das Thema aber noch mit zusätzlichem Drama aufgeladen.

"Wer Teil der Filmgeschichte werden will, muss durch die Filmtheater gehen", hat Festivalchef Thierry Frémaux in einem Interview verkündet - und die Wege zum Ruhm geradezu lyrisch ausgeschmückt. "Er muss an den Kassenhäuschen vorbei, an den Kritikern, an den leidenschaftlichen Kinogängern, er muss in Preisverleihungskampagnen auftauchen, in Büchern, Katalogen, Filmografien, in den kollektiven Diskussionen in den Cafés, in den Kinofoyers, im Radio. Aus all diesen Traditionen wird Filmgeschichte geformt."

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Was aber treibt den Mann zu solchen Grundsatzreden? Der Anlass ist tatsächlich eine Art Kampf um die Zukunft des Kinos, der in diesem Jahr hinter den Kulissen ausgetragen wird.

Das Stich- und Reizwort heißt Netflix. Frémaux hatte im vorigen Jahr zwei Originalproduktionen des Streaming-Giganten ins Allerheiligste seines Festivals eingeladen, in den offiziellen Wettbewerb - "Okja" des Südkoreaners Bong Joon-ho und "The Meyerowitz Stories" des New Yorkers Noah Baumbach. Diese waren dann wenig später schon auf dem Streamingdienst zu sehen, kaum aber in den Kinos der Welt, und schon gar nicht, wegen strenger gesetzlicher Bestimmungen, in den französischen. "Traurigerweise haben diese schönen Filme in Frankreich und im Bewusstsein der Filmliebhaber nicht existiert", sagt Frémaux. "Sie gingen in den Algorithmen von Netflix verloren."

Soll heißen: Sie könnten heute schon Teil der Filmgeschichte sein, aber sie sind es nicht, weil sie keine Chance hatten. Das kann und darf nicht sein, und es schädigt auch den Anspruch von Cannes. Weswegen Netflix-Produktionen in diesem Jahr aus dem Wettbewerb und den Nebenreihen verbannt sind. Ted Sarandos, Netflix' mächtiger "Chief Content Officer", verstand das allerdings als direkten Angriff, als Aufruf an die Filmemacher der Welt, das schwarze Loch seiner Streaming-Algorithmen in Zukunft lieber zu meiden. Seine wütende Reaktion: Dann läuft eben gar nichts von uns in Cannes, nicht einmal außer Konkurrenz in Spezialvorstellungen.

Die Programm-Highlights 2018

Eröffnet wird das Festival am Dienstagabend von dem iranischen Filmemacher und zweifachen Oscarpreisträger Asghar Farhadi. Er zeigt seinen Thriller "Everybody Knows" mit Penélope Cruz und Javier Bardem in den Hauptrollen.

Nach siebenjähriger Zwangspause darf der Stammgast Lars von Trier zurück an die Croisette. Er hatte 2011 auf einer Pressekonferenz verkündet, er sympathisiere "ein bisschen" mit Hitler. Alles Satire, behauptete er hinterher, das Festival fand's nicht so lustig. Nun das Comeback, außer Konkurrenz läuft sein Serienkillerdrama "The House That Jack Built" mit Matt Dillon und Bruno Ganz.

Aus Deutschland sind Wim Wenders mit der Doku "Papst Franziskus - ein Mann seines Wortes" vertreten (außer Konkurrenz) sowie Ulrich Köhler mit dem Drama "In My Room", das in der Reihe "Un Certain Regard" läuft. Auch Disney darf mit einem Blockbuster nach Südfrankreich. Gezeigt wird "Solo: A Star Wars Story" von Ron Howard.

Im Wettbewerb sind wie immer diverse große Namen des Autorenfilms vertreten, es laufen unter anderem Filme von Spike Lee, Alice Rohrwacher und Kirill Serebrennikow.

Und dann wäre da noch die Sache mit dem Abschlussfilm. Terry Gilliam soll seine Tragikomödie "The Man Who Killed Don Quijote" zeigen. Das Projekt gilt als verflucht, seit Jahrzehnten versuchte er, es umzusetzen, Darsteller erkrankten, Kulissen gingen im Sturm unter, Finanziers sprangen ab. Nun hat er den Film fertig - aber wird von Produzent Paulo Branco verklagt, der in die Entstehung involviert war, alte Rechte verletzt sieht und die Premiere verhindern will. Eine Gerichtsentscheidung, ob der Film am 19. Mai gezeigt werden kann, steht noch aus.

David Steinitz

Was wiederum kein Problem wäre, würde Netflix nicht inzwischen einen Teil seines gigantischen Acht-Milliarden-Dollar-Einkaufsbudgets (allein für 2018) in beinharte Filmkunst investieren, die Cinephilen das Wasser in die Augen treibt. Zum Beispiel in die posthume Fertigstellung der sagenumwobenen letzten Regiearbeit des Hollywood-Giganten Orson Welles. "The Other Side of the Wind" heißt das Ding, von dem bisher nur vierzig Minuten im Rohschnitt existierten und jede Menge zwar abgedrehte, aber nie montierte Szenen. Frank Marshall hat das Material nun mit diversen Oscargewinnern zu Ende geschnitten, und die Weltpremiere dieses Cineasten-Ereignisses hätte - wo sonst - in Cannes stattfinden können.

Daraus wird nun nichts. Wie auch aus weiteren Screenings von mit Spannung erwarteten Netflix-Filmen. Alfonso Cuaróns mexikanische Familienchronik "Roma" etwa oder Paul Greengrass' "Norway", eine Filmbiografie des norwegischen Massenmörders Anders Breivik. Wenn es derart schmerzliche Opfer gibt, kann man dann nicht sogar von einem Krieg sprechen? Oder ist das Ganze doch eher von eine Tragödie im klassisch-griechischen Sinn, mit der unvermeidlichen Kollision zweier Grundsätze, die beide Gutes enthalten?