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DDR-Filmarchiv: "Open Memory Box":415 Stunden Normalität

Open Memory Box

Das digitale Filmarchiv "Open Memory Box" macht Tausende Amateur-Aufnahmen aus der DDR zugänglich.

(Foto: Bild: Open Memory Box)
  • Ein neues Digitalarchiv gewährt Einblicke in den DDR-Alltag: Auf der Webseite "Open Memory Box" zeigen Tausende private Clips, wie Familien in der DDR gelebt haben.
  • Das Projekt wendet den Blick ab von Stereotypen und Klischees und beleuchtet stattdessen die innerostdeutsche Perspektive.
  • Nach sechs Jahren Vorbereitung ist das Archiv aus Super-8-Filmen am Montag online gegangen.

Ein Blick in die "Open Memory Box" ist wie ein Blick durchs Schlüsselloch auf 40 Jahre deutsche Geschichte. Und, was sieht man, verpixelt, verschwommen, in Schwarzweiß und in Farbe? Purzelnde Kleinkinder, saufende Arbeiter, sonnenbadende Frauen, raufende Kätzchen, pinkelnde Jungs, knutschende Pärchen. Viele Momente Leben in der DDR, eingeschickt von 150 Familien aus mehr als hundert verschiedenen Orten. 415 Stunden Material auf 2238 Filmrollen, das, statt auf Dachböden vergessen zu werden, seit Montag für immer digital auf einer Webseite konserviert ist.

Entstanden ist das Projekt schon vor sechs Jahren - gefördert unter anderem von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst. Der deutsch-schwedische Filmemacher Alberto Herskovits und der kanadische Politologe Laurence McFalls hatten damals die Vision, die DDR-Vergangenheit frei von Stereotypen zu erzählen. Sie starteten einen deutschlandweiten Aufruf, Hunderte private Videos wurden eingeschickt und aus einer Vision wurde ein lebendiges Zeitzeugnis, das es schon viel früher hätte geben sollen.

Besucher der Seite haben die Wahl zwischen einem chronologischen Archiv, und einem "Anti-Archiv", wie die Macher es genannt haben, aufgebaut wie ein trippiger Bewusstseinsstrom. Darin reiht sich Schlagwort an Schlagwort, "Angst" steht neben "Arbeit", "Glücklich" neben "Grenze" und "Trabi" neben "Traurig". Bruchteile persönlicher Familiengeschichten zwischen 1947 und 1990, übergangslos aneinandergeschnitten. Ein Zufallsgenerator generiert immer neue Montagen, die in Loops über den gesamten Bildschirm flimmern. Nichts ist gelenkt, nichts emotionalisiert.

In einer Zeit, in der jede Debatte hitzig, jeder Kommentar bissig und jeder Streit laut ist, tut das Projekt damit genau das Richtige: Es lässt Bilder sprechen. Die Acht-Millimeter-Aufnahmen kommen ohne Audiokommentar, dafür mit subtilen Klangteppichen und sekundenkurzen Originaltonschnipseln aus. Und, noch wichtiger: Statt die immer wieder bemühte Sicht des Westens auf den Osten (Mauer, Trabi, Stasi) zu bebildern, lässt das Archiv allein die inner-ostdeutsche Perspektiven auf ganz normales Familienleben (Spaziergänge, Kindergeburtstage, Badetage, Beerdigungen, Besäufnisse, Sex) über den Bildschirm rauschen.

Natürlich taugt dieses "assoziativ-intuitive" Projekt, wie Herskovits und McFalls es nennen, nicht als Unterrichtsmaterial zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit, nach dem Motto: "Schaut, wie normal es bei uns war." Vielmehr lassen sich die Amateuraufnahmen als Ergänzung einer Geschichte erzählen, die die meisten aus der eigenen Erfahrung, aus Museen, Dokumentationen, Spielfilmen oder Zeitzeugen-Interviews kennen. Verharmlost wird trotzdem nichts in diesem Mikroskop, immer wieder lassen Anspielungen die Schattenseite des SED-Regimes erahnen: ein Grenzübergang, ein Stacheldraht, eine Demonstration, ein Fluchtversuch.

Kurz vor dem dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls durchkreuzt aber vor allem die Normalität der Bilder die müden Ossi-Wessi-Stereotypen, die oft beschworene "Mauer im Kopf". Selbst als nach der Wiedervereinigung Geborener kann man das gut finden - weil es so zeitgenössisch in seiner Ästhetik, gleichzeitig aber so unzeitgenössisch unpädagogisch ist. Nicht mehr und nicht weniger als ein Rauschen.

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