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Animationsfilm "Ruben Brandt" im Kino:Kunst kann gefährlich sein

Filmstills

Die Animationskunst des ungarischen Malers Milorad Krstic streift kreuz und quer durch die Kunstgeschichte.

(Foto: Verleih)

In Milorad Krstics "Ruben Brandt" entwickeln Gemälde und Skulpturen ein surreales Eigenleben.

Von Anke Sterneborg

Zwei Sportwagen liefern sich eine halsbrecherische Jagd durch die Gassen des Montmartre. Die Zirkusartistin und Stuntfrau Mimi hat im Louvre den wertvollen Fächer der Kleopatra entwendet, Privatdetektiv Kowalski verfolgt sie, zu Fuß geht es weiter über Treppenhäuser und Feuerleitern in den Himmel über der Stadt und über Abflussrohre wieder herunter, zum Showdown auf einem schnittigen Ocean-Liner.

Diese vier Minuten aus Milorad Krstics Animationsfilm "Ruben Brandt" können in Tempo, Witz und Kühnheit mit den großen Verfolgungsjagden des Kinos mithalten. Doch jede Wohnung, die auf der Flucht sekundenlang durchquert wird, birgt zusätzliche Geschichten, im Museumscafé erspäht man eine Szene wie von George Grosz, und im Kinderwagen, den eine an Allen Jones' Skulpturen erinnernde Amazone schiebt, kräht ein wütend rotes Köpfchen, das Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" entsprungen sein könnte.

Ein verschwenderischer Reichtum an Einfällen offenbart sich hier, der aber Milorad Krstic nie den Drive und die Logik des Erzählens aus den Augen verliert lässt. Man muss auch die Originale gar nicht kennen, um Spaß damit zu haben. Es ist, als hätte der ungarische Maler und Multimediakünstler ein Leben lang Ideen und Eindrücke gesammelt, um sie nun im Alter von sechzig Jahren zu einem furiosen Gesamtkunstwerk zu verschmelzen.

Es ist, als hätte der Filmemacher ein Leben lang Ideen und Eindrücke gesammelt

Die Spur der Louvre-Diebin führt bald zum Titelhelden Ruben Brandt, einem Psychotherapeuten, der sich in seiner "Polyart"-Klinik mit der gefährlichen Wirkung von Kunstwerken befasst. "Die Kunst ist der Schlüssel zu den Verwirrungen des Geistes" lautet sein Credo - und er weiß nur zu genau, wovon er spricht.

In der Einstiegszene des Films rast Brandt selbst im Zug durch die Landschaft, als ein kleines Mädchen hilfesuchend von außen durchs Fenster greift. Es ist die spanische Infantin Margarita, so wie Velasquez sie porträtiert hat, die ihn plötzlich mit scharfen Piranha-Zähnen attackiert. Schweißgebadet erwacht er in einem bizarr futuristischen Bau, der eines Bond-Bösewichts würdig wäre. Immer wieder wird er vom Personal berühmter Gemälde attackiert, Botticellis Aphrodite wird zum aggressiven Oktopus-Ungeheuer, die Katze zu Füßen von Manets Olympia zerkratzt ihm das Gesicht, und Warhols doppelter Elvis zwingt ihn zum Revolverduell.

"Bemächtige dich deiner Probleme, um sie zu überwinden" - mit dieser Idee zieht nun Mimi mit vier anderen Patienten der "Polyart"-Klinik durch die berühmten Museen der Welt zwischen Chicago, New York, Madrid und Florenz, um die dreizehn Kunstwerke zu stehlen, die Ruben Brandt im Traum quälen.

Es folgt eine Serie von Einbrüchen, aber der Kunstraubthriller schraubt sich immer tiefer in die Gefilde des Unterbewussten, hin zu einer Familiengeschichte und einem Mad Scientist, der im Kellerlabor mit den eigenen Kindern experimentiert, und zu zwei Gegnern, die in Wirklichkeit Doppelgänger sind und das Kino und die Kunst verkörpern.

Ruben Brandt, a gyujto, Ungarn 2018 - Buch, Regie, Production-Design, Schnitt: Milorad Krstic. Musik: Tibor Kari. Drop-Out Cinema. 96 Min.

© SZ vom 29.10.2020
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