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Neu im Kino:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

Kino neu Filme

Ein Sport für "krasse Typen"? Jedenfalls, wenn man auch neunjährige Mädchen dazuzählt, wie sie Doku "Glitzer und Staub" vorstellt.

(Foto: Julia Lemke / Port au Prince Pictures)

Eine Doku zeigt neunjährige Mädchen, die in den USA auf Bullen reiten. "Forrest Gump"-Regisseur Robert Zemeckis hat Roald Dahls "Hexen hexen" neu verfilmt.

Von den SZ-Kritikern

The Booksellers

Etwas verstaubt klingt das ja schon: ein Dokumentarfilm über Buchantiquariate in New York. Doch "The Booksellers" von D. W. Young ist ein überaus lebendiger Blick in eine eingeschworene Gemeinschaft aus Sammlern und Schatzmeistern, die sich der Bewahrung eines ganzen Bündels von Kulturtechniken verschrieben haben. Selten hat ein Film die stoffliche und die emotionale Bedeutung des Buchs als Artefakt so greifbar gemacht. Das hat eine tröstliche Wirkung, weil hier eine oft vergessene Fähigkeit des Dokumentarfilms durchscheint, die ihn mit den Büchern verbindet: Er ist nicht nur ein Fenster in die Welt, sondern auch in die Seele derer, die sich ihm öffnen.

Sofia Glasl

Clara und der magische Drache

Ein grummeliger Zwerg, ein Waschbär mit therapeutischen Ambitionen und Clara, eine junge Frau mit Gedächtnisverlust, die vielleicht eine Fee ist oder auch nicht, wollen ein Drachenbaby nach Hause bringen, auf das es ein böser Zauberer abgesehen hat. Um diese recht dünne Story zu erzählen, springt der ukrainische Animationsfilm von Oleksandr Klymenko von Szene zu Szene. Im besten Fall lernen junge Zuschauer zumindest, dass man lieber nicht mit Feuer spielt. Wobei nicht einmal das so ganz klar wird.

Ana Maria Michel

Glitzer und Staub

Bullenreiten ist eine Sportart für "krasse Typen", heißt es in dieser Dokumentation. Die Gefahr, im Ring von einem mehr als eine Tonne schweren Stier zertrampelt zu werden, ist real, schwere Verletzungen gehören zur Tagesordnung. Trotzdem gibt es sie, die bullenreitenden Mädchen. Der Film begleitet drei junge Frauen in den USA beim Training, beim Wettbewerb, zu Hause mit ihren Eltern. Die Jüngste ist erst neun. Die Filmemacherinnen Anna Koch und Julia Lemke kreieren kleine Milieustudien von Bauern, vom Leben im Reservat; zeigen Sexismus, Armut und Kampfgeist und die nostalgischen Reste des Wilden Westens.

Magdalena Pulz

Hexen hexen

Der kleine Charlie zieht nach dem Tod seiner Eltern zu seiner Großmutter und bald sind ihm Hexen auf den Fersen. Die Flucht in ein Luxushotel am Meer nützt gar nichts, weil dort die Oberhexe (Anne Hathaway) gerade einen Kongress abhält und alle Kinder in Mäuse verwandeln will. Charlie hat sie bald erwischt. Regisseur Robert Zemeckis ("Forrest Gump") hat Roald Dahls Vorlage neu verfilmt, mit viel Sechzigerjahre-Charme und Octavia Spencer als hinreißend patenter Großmutter. Am Drehbuch hat Guillermo Del Toro mitgeschrieben - das Ergebnis hat trotzdem nichts mit "Pans Labyrinth" gemein, dafür viel mit "Stuart Little": Niedlich, glatt, unterhaltsam. Kinder in Mausgestalt sind eben ungeheuer süß und werden nie so recht erwachsen. Vom 7. November an auf Sky zum Streamen.

Susan Vahabzadeh

Ruben Brandt

Ein ganzes Leben lang hat der ungarische Maler und Multimediakünstler Milorad Krstić Motive und Geschichten aus Kunst und Film gesammelt, um mit 60 als Regiedebüt einen kunstvoll animierten Film vorzulegen, der vor Ideen nur so strotzt. Der Held leitet ein mondänes Sanatorium für die Heilung künstlerischer Seelen, wird aber selber im Traum vom Personal berühmter Bilder gequält, von Botticellis Aphrodite bis zu Warhols doppeltem Elvis. Seine Patienten stehlen ihm die berühmten Bilder aus Museen, während sie von einem einsamen Detektiv, einem Gangster-Nosferatu und dem italienischen Mob gejagt werden. Der Film ist Neo-Noir, Heist-Movie, Kunsträtsel und Filmquiz, in schönsten Farben und Formen von Kubismus und Surrealismus.

Anke Sterneborg

Schlaf

Wenn Filme hierzulande doch nur öfter die politische Kraft des Horrorkinos so heraufbeschwören würden wie dieses Schauermärchen von Michael Venus! Albträume scheinen die Gesetze der Realität zu verbiegen und die Protagonistinnen Sandra Hüller und Gro Swantje Kohlhof sowohl um den Verstand als auch um die Kontrolle über den eigenen Körper zu bringen. Die Suche nach der Verbindung dieser Chimären mit ihrer Familiengeschichte führt sie in ein abgelegenes Hotel im Wald. Dort laufen Grimmsche Märchen, deutschtümelnde Untergrundbewegungen und die individuelle Aufarbeitung von Schuld in einem die Sinne raubenden Taumel zusammen.

Sofia Glasl

Schwesterlein

Lars Eidinger spielt den Schaubühnen-Schauspieler und Hamlet-Darsteller Sven, also eigentlich sich selbst, mit dem gravierenden Unterschied, dass Sven todkrank ist. Seine Schwester Lisa (Nina Hoss) verzweifelt über der Krankheit des Bruders, während sie versucht Familie, Karriere und Partnerschaft zusammenzuhalten. Katastrophen, persönliche oder globale, das haben wir von Corona gelernt, lassen alles wie unter einem Brennglas erscheinen. Die Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond erkunden in stillen und lauten Szenen mit oft nur kleinen Gesten die Probleme und Beziehungen ihrer Figuren, was vor allem wegen der schauspielerischen Weltklasse von Hoss und Eidinger funktioniert, die sogar noch dem Tod etwas Beruhigendes abringen können.

Nicolas Freund

Srbenka

Die Theateraufführung ist vorüber, ein Mädchen sitzt allein noch auf seinem Platz im leeren Zuschauerraum. Bewegt, erschüttert. Erzählt stockend von ihren Erfahrungen, wie sie gemobbt wurde in der Schule, man beschimpft sie, stellt ihr ein Bein ... Sie ist Serbin, die Mitschüler Kroaten. Im Stück bekam sie vorgeführt, wie im Bürgerkrieg Anfang der Neunziger kriminelle Kroaten Serben brutal umbrachten - ein fanatisches, nationalistisches, tödliches Mobbing. Der Film von Nebojša Slijepčević zeigt die Arbeit des Regisseurs Oliver Frljić und seiner Akteure - ein aufregendes Stück Kino. Schmerzhafte Arbeit gegen das Vergessen, gegen das Trauma, auf allen Seiten. Wieso, wird auch gefragt, gibt es kein Stück über die kroatischen Opfer.

Fritz Göttler

Und morgen die ganze Welt

Die Welt ist ungerecht und Luisa ist wütend. Vieles kommt zusammen, als sie sich einer Antifa-Gruppe anschließt. Nach einer Protestaktion liegt sie auf dem Beton, mit der Hand eines Nazis zwischen den Beinen und seinem Knie auf dem Hals. Julia von Heinz hat für dieses intim gefilmte Radikalisierungsdrama im linken Milieu aus persönlicher Erfahrung geschöpft. Das spürt man - als Kloß menschlicher Kälte im Hals, der explodieren will. Aber auch als Skrupel und Verwirrung: Ist es nicht gerade der Hass, dieses Blinde, das man so sehr an den Faschos hasst?

Philipp Bovermann

Wildherz

Für ihre 18 Jahre weiß Simone Hage ziemlich genau, was sie nicht will: ein konventionelles Leben mit Ausbildung und festem Wohnsitz. Deshalb reitet die Pferdenärrin aus Bayern einfach los und schaut, wohin es sie treibt: an die Ostsee bis nach Dänemark, später nach Andalusien. Caro Lobigs Doku beginnt vielversprechend als Selbstfindungstrip eines ungewöhnlichen Teenagers auf der Suche nach einem Leben in Freiheit und Einklang mit der Natur, endet allerdings mit seltsamen Schamanenritualen und fragwürdigen, esoterischen Coachings. Man möchte nicht wissen, wie viel Geld mit orientierungslosen Jugendlichen verdient wird.

Anna Steinbauer

Yakari

Vor rund 50 Jahren wurden die Comics um den Sioux-Jungen in der Schweiz erfunden. Eine Fernsehserie sorgt auch heute noch dafür, dass Yakari bei Kindern bekannt ist. Nun erzählen Xavier Giacometti und Toby Genkel, wie es dazu kam, dass er mit Tieren sprechen kann und das Pony Kleiner Donner sein Freund wurde. Die angenehm zurückhaltende Animation sorgt für schöne Bilder. Dennoch fragt man sich, ob es 2020 wirklich einen Kinderfilm braucht, der auf Klischees über die Ureinwohner Nordamerikas basiert.

Ana Maria Michel

© SZ vom 29.10.2020/khil

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