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Festspiele in Bayreuth und Salzburg:Gegenprogramm zum Kulturballermann

Festspielhaus in Bayreuth

Bayreuth, Festspielhaus: Festspiele, die diesen Namen verdienen, finden abseits der großen Metropolen statt, in der Provinz und in der Ruhe, die zu Festspielhochzeiten in der oberfränkischen Stadt leicht zu finden ist.

(Foto: dpa)

Die Festspiele in Salzburg wie Bayreuth haben sich einem breiten Publikum geöffnet, via Public Viewing und Live-Streams. So sind sie zwar dem Zeitgeist näher gekommen, doch sie riskieren damit, ihren Nimbus zu verlieren. Denn der kann nur in den beschaulichen Festspielorten selbst aufrecht erhalten werden.

Noch immer sind die Festspiele in Bayreuth und Salzburg vom Nimbus des Außergewöhnlichen umgeben. Beide gelten als Nonplusultra dessen, was klassische Musik und Theater leisten können. Als Gipfeltreffen der wichtigsten, teuersten und besten Künstler. Und das, obwohl beide seit dem Tod ihres jeweiligen Patriarchen, Herbert von Karajan und Wolfgang Wagner, einen extremen Wandel erlebt haben und die genannten Superlative schon lange nicht mehr immer der Realität entsprechen - und ihr vielleicht sogar nie entsprochen haben.

Salzburg wie Bayreuth haben sich einem breiten Publikum geöffnet, via Public Viewing und Live-Streams, Jugendarbeit und Marketing. Das alles ging Hand in Hand mit den gesellschaftlichen, ästhetischen und technologischen Umbrüchen der letzten 20 Jahre.

So sind die diesjährigen Festspiele näher am Zeitgeist denn je. Darin liegt die Gefahr begründet, dass der eingangs erwähnte Nimbus in absehbarer Zeit völlig aufgerieben werden könnte. Nicht nur, weil die Festspielaufführungen irgendwann jederzeit übers Internet zugänglich sein können. Auch, weil Bayreuth und Salzburg schon lange keine Monopolstellung mehr einnehmen. Alles, was dort gezeigt wird, ist längst weltweiter Standard, zumindest an den großen und ambitionierten Häusern.

So setzt der aufgrund von Querelen jetzt vorzeitig nach drei Jahren scheidende Salzburg-Chef Alexander Pereira jene Politik fort, mit der er fast 20 Jahre das Opernhaus in Zürich geleitet hat, während er den Konzertbetrieb wieder zunehmend wie zu Karajans Zeiten in Abstimmung mit den Plattenfirmen ausrichtet.

Es geht vor allem um große arrivierte Künstler und durchgesetztes Repertoire. Zum Glück findet sich dieses Jahr auch Seltenes wie Schuberts hinreißender "Fierrabras", den Pereira mit Erfolg in Zürich ausprobiert hat, und endlich auch eine der angekündigten Uraufführungen, "Charlotte Salomon".

Festspiel zielt auf Nachdenken und Neubesinnen ab

In Bayreuth ist die Lage eine ganz andere. Nach dem vom Dirigenten Kirill Petrenko und Regisseur Frank Castorf im letzten Jahr auf die Bühne gestellten grandiosen "Ring", gibt es dieses Jahr keine Neuproduktion, dann geht es wieder mit einer pro Jahr weiter.

Festivalchefin Katharina Wagner, die sich offenbar für immer in Bayreuth einzurichten gedenkt, hat schon, zum Leidwesen konservativer Operngänger, zu Lebzeiten ihres Vaters Wolfgang auf junge und/oder unerfahrene Opernregisseure gesetzt - und sie fährt diesen Kurs unter Anfeindungen weiter. Das immer Neue als Dauerbrenner. Christian Thielemann, Petrenko und eine Riege unverdächtig guter Sänger garantieren, dass auch Regiekonservative weiterhin nach Bayreuth pilgern, wenn auch mit Missbehagen.

Eröffnung der Bayreuther Festspiele

"Ein bisschen Spaß muss sein"

So haben sich diese einst so elitären Festivals zu fast normalen Kunstinstitutionen gewandelt, deren Hauptzweck zunehmend darin besteht, die örtliche Wirtschaft zu stärken.

Aber ursprünglich und der Idee nach sollten Festspiele etwas ganz anderes sein: ein Atemholen im und ein Ausscheren aus dem gewohnten Lauf der Dinge. Deshalb finden die Festspiele, die diesen Namen verdienen, auch nicht in den großen geschäftigen Metropolen statt, sondern abseits von ihnen, in der Provinz und in der Ruhe, die zu Festspielhochzeiten in Bayreuth leicht, und sogar im wuseligen Salzburg noch zu finden ist. Festspiel zielt nicht auf einen Kulturballermann ab, sondern auf Nachdenken und Neubesinnen.

Der Kunstfreund muss leibhaftig die Reise ins Provinznest auf sich nehmen

Der Besucher wird aufgefordert, über grundsätzliche Fragen nachzudenken. Warum bannen mich diese alten Stücke und die artifizielle Klassik? Warum ist diese Kunst für mich so wichtig (und für viele andere Menschen nicht)? Was macht Kunst mit mir? Ist das bloß eine Form von Unterhaltung und Freizeitgestaltung, genauso wie Kino, Popmusik, Bergsteigen? Bietet diese Kunst die Chance, eine Auszeit zu nehmen, die im Alltag verloren gegangen ist? Im Festspielhaus quatscht einen niemand mit den neuesten Projekten voll, und klingelt einmal ein Handy, dann ist es hoffentlich nicht das eigene.

Um sich solche Fragen aber überhaupt zu stellen, kann der Kunstfreund nicht auf die digitalen Segnungen des Internets vertrauen. Er muss leibhaftig und zur besten Urlaubszeit die Reise in Provinznester auf sich nehmen, er muss für viel Geld bei Badetemperaturen stundenlang schwitzend in überfüllten Sälen verbringen, er muss sich über diese Sängerfehlbesetzung und jene Regieidee ärgern.

Um danach ins Freie zu kommen, mit einem an Sprachlosigkeit grenzenden "Herrlich!" auf den Lippen. Aber so banal dieses "Herrlich!" auch klingt und so wenig die meisten Menschen in der Lage sind, diese Stimmung zu erfahren, in diesem "Herrlich!" kondensieren alle Antworten auf die oben gestellten und andere Fragen.

Dieser Ausruf beinhaltet aber auch alle Zweifel angesichts der Anstrengungen, die solch ein flüchtiges Kunsterlebnis mit sich bringt. Und auch wer danach keine Antwort auf die Frage "Warum Klassik?" weiß, der wird wiederkommen. Vielleicht sogar als Süchtiger.