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EZB-Zentrale in Frankfurt:Festung für 1,3 Milliarden

Imposanter Bau: Die neue Zentrale der Europäischen Zentralbank ist euphorisierend - aber auch stark geschützt. Ungewollt wird der Bau damit zu einem Symbol.

(Foto: Paul Rafferty)

Die Europäische Zentralbank hat sich ein riesiges Symbol-Gebäude in Frankfurt gebaut. Es ist euphorisierend, für die, die drin sind. Aber was ist mit denen, die draußen sind?

Schillernd wie ein Gletscher ragen die beiden Türme in den Frankfurter Himmel. Ihre scharfkantige Form sieht aus, als hätten hier Naturgewalten gewirkt. Kein Stockwerk gleicht dem anderen. Statt die immer selben Etagen endlos übereinander zu stapeln, wie das sonst bei fast allen Hochhäusern bis zur vollkommenen Ermüdung der Fall ist, stemmen sich hier zwei Türme kraftvoll gegenseitig in die Höhe. Als würden sie einer exakt ausgeklügelten Choreografie folgen, bewegen sie sich mal zueinander hin, dann wieder drehen sie sich voneinander weg. Aus jedem Blickwinkel hat der Wolkenkratzer deshalb ein anderes Gesicht.

Klingt kompliziert? Ist es auch. Die Torsion der bis zu 185 Metern hohen Glasfassaden ist auch ein Meisterwerk der Statik.

Eisenzaun, Pförtner, Graben, Bäume und Poller sind zu überwinden

Jeder kann das in Frankfurt am Main aus der Ferne bewundern. Viel näher werden die meisten Menschen dem neuen Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) auch nicht kommen. Die EZB hält nichts von allzu großer Volksnähe. Es ist erstaunlich, was die europäische Institution auf dem Grundstück der ehemaligen Großmarkthalle im Osten der Stadt alles auffährt, um sich unliebsame Besucher vom Leib zu halten. Erst wer den Eisenzaun, das Pförtnerhaus mit Sicherheitskontrolle wie am Flughafen und danach noch einige Hundert Meter Sperrzone mit Graben, Bäumen und einer Armee aus Pollern überwunden hat, darf die EZB aus der Nähe betrachten. Forsch ragt hier ein asymmetrischer Glasriegel durch die Klinkerfassade der Markthalle von Martin Elsaesser. Der Keil markiert den Haupteingang der EZB.

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Videorundgang

Die EZB-Zentrale im Kontext der Stadt

Der neue Sitz der EZB liegt im Osten der Stadt, auf dem Gelände der ehemaligen Großmarkthalle und in gehöriger Distanz zum Frankfurter Bankenviertel.

Aber was heißt schon Eingang, wenn hier fast keiner rein darf - außer man schmuggelt sich getarnt als Wirtschaftsjournalist in eine Pressekonferenz der Notenbank, wie das kürzlich einer Hamburger Femen-Aktivistin gelang. Die EZB schützt sich wie eine Festung. Ungewollt wird der Bau damit zum Symbol, wie es Europa momentan mit seinen Nachbarn hält: Schotten dicht, Poller hoch. Residierte die europäische Institution noch bis zum Herbst vergangenen Jahres mitten in der Frankfurter Innenstadt, hat sie jetzt einen Sicherheitsgraben um sich gezogen.

Es ist kein Zufall, dass die Bilder von den Ausschreitungen, die es zur Einweihung des Gebäudes Mitte März gab, allesamt die Frankfurter Innenstadt zeigen und nicht die EZB selbst. Die kleine Eröffnungsrunde dort bekam von den brennenden Autos, den fliegenden Pflastersteinen und den Sitzblockaden ja auch nichts mit, keiner durfte sich den eisblauen Türmen nähern. Nur sehen konnte sie jeder, selbst aus der Ferne und während schwarze Rauchschwaden durch das Bankenviertel zogen.

Die Wut der Demonstranten über die verhasste Geldmarktpolitik der Europäischen Zentralbank dürfte die Distanz nicht gemildert haben. Im Gegenteil. Den vermeintlichen Feind unerreichbar, aber ständig vor der Nase zu haben, müsste den Zorn eher noch geschürt haben. Doch der Sicherheitswall zeugt nicht von Selbstvertrauen, wie das die Türme mit ihrer kristallinen Gestalt weithin sichtbar tun, vielmehr ist er ein Zeichen der Angst. Nur vor wem?