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Haustiere und "Neo Nature":Wie lange werden Tiere noch Stoffwechsel haben?

Das geht letztlich nur, wenn Haustiere aufhören, Tiere sein zu wollen, um sich endgültig in das Haus zu fügen. Das Haustier von heute hat pflegeleicht, staubfrei und haarlos zu sein wie eine Küchenarbeitsplatte aus Laminat. Wie lange werden Tiere noch Stoffwechsel haben? Lässt der sich wegzüchten? Die nächste Stufe der haushaltsverträglich domestizierten Haustiere könnte dann Vintage sein: Tierpräparat, Steiff-Teddy, Tamagotchi.

Dass das Haus im Haustier auch abseits der Rassekatzen zunehmend von Bedeutung ist, dürfte man in diesen Tagen erleben. Nach Heiligabend, da ungeachtet aller Tierschutzvernunft (dafür dem Trend der letzten Jahre folgend) Hund, Katz und Maus, dazu auch Wellensittich, Meerschweinchen und Hamster als Geschenke unter dem Weihnachtsbaum platziert wurden. Ein Trost: Die Vogelspinne hat es im Ranking der Freizeit Revue nur auf den letzten Platz der aktuell beliebtesten deutschen Haustiere geschafft.

Im Haustier-Dorado Deutschland leben einer repräsentativen Erhebung des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe zufolge 34,3 Millionen Hunde, Katzen, Kleinsäuger und Ziervögel. Dazu kommen noch Zierfische und Terrarien-Tiere. Immer wieder zu lesen ist die Meldung "Giftschlange entwischt". Zuletzt, im Spätsommer, war das in Herne der Fall. Die geflüchtete Kobra animierte den Spiegel zur Zitat-Überschrift "Wir haben unsere Katzen eingesperrt". Das gilt natürlich nicht für Kater W., den lebenslänglich Gar-nicht-erst-Ausgesperrten.

Das Gebot der Stunde: Die Züchtung hypoallergener Hipster

In 22 Prozent aller Haushalte leben Katzen. Hunde bevölkern 18 Prozent der Wohnungen und Häuser. Seit Jahren steigt die Zahl der Haustiere in Deutschland bis zur Groteske. Bald muss man vielleicht überlegen, ob Haustiere wählen dürfen - und wann unsere Städte und Architekturen endlich tiergerecht sein werden.

Von dieser Entwicklung profitiert auch ein sich immer mächtiger plusternder Wirtschaftszweig, der über das mit Swarovski-Kristallen besetzte Lederhalsband für Bello längst hinausweist. Eine Studie der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Göttingen besagt, dass "Heimtiere ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sind". Der Umsatz entspricht dem des deutschen Buchhandels.

Die Wirtschaftswoche schreibt: "Das Geschäft mit den Tieren wächst in immer mehr Branchen. Ärzte, Physiotherapeuten, Kosmetiker, Hoteliers, Bestatter - von jedem erdenklichen Berufszweig gibt es mittlerweile eine Haustiervariante. Sie alle verdienen an der Tierliebe der Deutschen." Das schwedische Textilunternehmen H & M hat aktuell Hundekleidung in Form von Pullis, Mänteln und Kostümen im Angebot: "Verpasse deinem Hund ein schickes Outfit - mit unseren süßen und farbenfrohen Styles und Accessoires. Unsere gemütlichen Hunderegenmäntel und -jacken halten deinen Vierbeiner schön warm und trocken und mit einem Kostüm oder sonstigen Accessoires kannst du seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen." Da könnte auch die kanadische Nacktkatze nachdenklich werden. Dass es mittlerweile "Bauhaus"-Möbel für Hunde und ein von Luigi Colani entworfenes Katzenklo gibt: geschenkt.

Absurder-, möglicherweise aber auch logischerweise vermenschlichen wir die Tiere genau in dem Zeitpunkt, da wir uns selbst immer "natürlicher" geben. Der Megatrend der Epoche heißt "Neo Nature" und lässt die Barthaare der Hipster wachsen, die das Outdoor-Magazin Walden lesen, großes Karo tragen, Feuermach-Workshops besuchen und digitales Detoxing betreiben.

Im Sinne einer friedlichen Koexistenz und wegen der vermutlich schon bald aufkommenden Menschenhaareallergie unserer Katzen und Hunde ist die Züchtung haarloser, hypoallergener Hipster das Gebot der Stunde. Diese könnte man dann mit einem hoffentlich unterdurchschnittlichen Drang zum Aufenthalt in freier Natur den Haustieren zu Weihnachten schenken.

© SZ vom 04.01.2020/khil
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