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Rassismus und Literatur:Als die Sklaverei im warmen Licht erstrahlte

Margaret Mitchell

Margaret Mitchell 1936 an ihrem Schreibtisch in Atlanta.

(Foto: dpa)
  • In einem eineinhalbjährigen Kraftakt haben Andreas Nohl und Liat Himmelheber Margaret Mitchells "Vom Winde verweht" neu übersetzt.
  • Trotz der Neuinterpretation demonstriert das Werk immer noch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten sozialen Fortschritts: Der Roman ist modern in der Frauenfrage und archaisch im Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß.

Eine neue Übersetzung ist wie eine neue Liebe, eine zweite Chance, die das Original nicht hat. Sie kann einen Text straffen und verjüngen. Aber sie schafft kein neues Buch. Und wenn ein Werk sich 30 Millionen Mal verkauft hat, fragt man sich: Warum sollte sie auch?

"Gone with the Wind", geschrieben von einer unbekannten Journalistin aus Atlanta, erschien 1936 und erreichte innerhalb von sechs Monaten eine Auflage von einer Million Exemplaren. Der Roman wurde in 37 Länder verkauft, die Verfasserin Margaret Mitchell bekam den Pulitzerpreis, und spätestens nach der Verfilmung mit Clark Gable und Vivien Leigh war das Südstaatendrama der Goldstandard für die Durchschlagskraft historischer Mythen.

Die Heldin Scarlett O'Hara mit der legendären 17-Zoll-Taille und ihr zum Platzen viriler Galan Rhett Butler, die welpenhafte Melanie und der anämische Schöngeist Ashley fanden mit der gesamten sklavereigestützten Feudalherrlichkeit so umstandslos den Weg ins kollektive Bewusstsein, dass es schien, als habe man diese Figuren und Geschichten immer schon gekannt, als sei der Süden so und nicht anders untergegangen. Wenn je ein Buch den totalen Charakter von Populärkultur bezeugte, dann dieses.

Anders als Mitchell pflegte ihr erster deutscher Übersetzer einen blumig-neoromantischen Stil

Schon Nathaniel Hawthorne, Autor von "Der scharlachrote Buchstabe", hatte gequengelt, "ein verfluchter Mob kritzelnder Frauen" dränge ihn vom Markt. William Faulkners Bürgerkriegsepos "Absalom, Absalom" erschien wenige Monate nach "Gone with the Wind", verkaufte nur ein paar Tausend Exemplare und verschwand dann aus den Regalen. Die literarische Moderne mit James Joyce und John Dos Passos - experimentell und schwer lesbar - wurde von einem frivolen Schinken über eine Southern Bitch in Korsett und Tournüre überstrahlt.

Auch die Nazis waren nicht glücklich. Zwar lag "Vom Winde verweht" bereits 1937 auf Deutsch vor. Aber dann ging den Faschisten auf, dass das Buch vor allem deshalb so populär war, weil der literarische Kampf gegen die Yankees den antifaschistischen Widerstand beflügelte. Von 1941 an war "Vom Winde verweht" verboten. Nach dem Krieg aber lag Deutschland in Trümmern wie der alte Süden, war besiegt, besetzt, belastet mit einem Menschheitsverbrechen. Da versprach "Vom Winde verweht" Trost und Hoffnung.

Aber ist das nicht alles sehr lange her? Der Süden wurde längst von anderen Autoren beschrieben - Carson McCullers, Harper Lee, Colson Whitehead. Sind über tausend Seiten flatternde Wimpern und lachende Sklaven nicht aus der Zeit gefallen? Nicht für Andreas Nohl. In einem eineinhalbjährigen Kraftakt haben er und seine Frau, die Opernsängerin Liat Himmelheber, das Buch neu übersetzt. Er kann dafür gute Gründe nennen. Ein Foto Margaret Mitchells beispielsweise, auf dem sie so schön und so streng blickte, dass es so gar nicht zu dem vermeintlichen Kitsch ihres Werkes passte. Dazu ihr früher Tod: Mitchell wurde 1949 mit nur 48 Jahren in Atlanta von einem betrunkenen Taxifahrer überfahren, eben dort, wo Scarlett litt und liebte. Zufall? Der Ku-Klux-Klan?

Aus einer historischen Dokumentation der Library of Congress über die Südstaaten: Plantage in Charleston County.

(Foto: Library of Congress)

Nohl forschte und entdeckte "eines der größten Werke der Weltunterhaltungsliteratur", einen Antikriegsroman aus weiblicher Perspektive. Mitchells Werk, so Nohl, war der Versuch einer literarischen Selbstidentifikation in einem Land, das sich nach dem großen, umfassenden Roman sehnte, der "Great American Novel". Es umfasste Vorkriegsjahre, Bürgerkrieg und die für den Süden so demütigende Zeit der "Reconstruction", fügte alles zu einem so tiefenscharfen Epochengemälde zusammen, dass Nohl das Werk - wirkungsgeschichtlich, nicht literarisch - in einem Atemzug mit Lew Tolstois "Krieg und Frieden" nennt.

Nohl hat mit seiner Frau Jugendbücher übersetzt und selbst Mark Twain, Rudyard Kipling und Bram Stoker übertragen. Die Neuübersetzung "eines der verkanntesten Bücher der Weltliteratur", wie er im Nachwort schreibt, war seine Idee (Kunstmann, München, 2020, 1400 Seiten, 38 Euro). Die erste Übersetzung hatte der deutsch-britische Schriftsteller Martin Beheim-Schwarzbach angefertigt, er war ein Schachexperte, der selbst mystische Romane schrieb und im Krieg nach London emigrierte. Er hatte nur ein Jahr Zeit, war allein, und daran liegt es womöglich, dass er manches ausließ, was Nohl und Himmelheber wieder einfügten.

Viel entscheidender aber war, dass Beheim-Schwarzbach zwar wie Mitchell im Jahr 1900 geboren war, aber einen ganz anderen Stil pflegte, einen blumig-neoromantischen mit "Herzliebchen", "Püppchen" und vielen angehängten "e" wie im Titel. Mitchell aber war Journalistin, Tochter einer Suffragette aus einer alten Südstaatenfamilie, Jazz-Baby. Zwischenzeitlich war sie mit fünf Männern verlobt und wahrscheinlich sammelte sie Pornos. Sie konnte wenig mit der repressiven Idealisierung der Südstaatenfrauen anfangen, das zeigte schon ihre Protagonistin: Scarlett O'Hara war eine erfolgreiche Geschäftsfrau, dreimal verheiratet, pragmatisch, unideologisch, unkaputtbar. Dabei hatte Mitchell sie als abschreckende Figur gemeint, und sie war fassungslos, als Millionen Frauen ihre Heldin vergötterten, als hätten sie nicht gemerkt, "dass Scarlett frigid ist". Aber auch Mitchells Erzählstimme war voller Bissigkeiten, wenn sie Scarletts Lebenshunger als soziale Anomalie beschrieb, denn "zu keiner Zeit, weder vorher noch nachher, legte man so wenig Wert auf weibliche Natürlichkeit", oder wenn sie die Empörung von Scarletts Gatten über ihren geschäftlichen Erfolg mit den Worten kommentierte: "Dazu kam die übliche männliche Enttäuschung darüber, dass eine Frau über ein Gehirn verfügt."

Für die sachlich-spöttische Mitchell finden die Übersetzer eine schlanke und elastische Sprache, sie erhält die enorme Zugänglichkeit des Buches und den rauschhaften Sog der Erzählung, ohne die Brutalität des Krieges und des Geschlechterkampfes zu mildern. Nohl und Himmelheber schaffen schöne neue Ausdrücke. Den offenbar erfundenen Ausruf "God's Nightgown" übersetzen sie als "Herrgott im Nachtgewand", wo Beheim-Schwarzbach noch auf "Heiliger Strohsack" zurückgriff.

So könnte "Vom Wind verweht" ohne "e" im Titel ein rundum gelungener Lesespaß sein, wenn Mitchell der Sklaverei gegenüber nur halb so viel Distanz an den Tag gelegt hätte wie gegenüber der Unterdrückung der Frau. Liat Himmelheber habe ihn vor der rassistischen Kontaminierung gewarnt, sagt Nohl, aber er sei nach wie vor der Überzeugung, dass "Gone with the Wind" ein "Roman über Rassisten in einer rassistischen Zeit" sei, "aber kein rassistisches Buch". Den alltäglichen Rassismus habe man entfernt, mehr von Mitchells Buch zu verlangen, hieße, etwas retrospektiv hinein zu "visionieren", was nie ihr Thema war, und das sei "historischer Blödsinn".

Nun, Nohl und Himmelheber haben ihr Bestes getan. Aus "rollenden Augen" und "Wulstlippen" wurden aufgerissene Augen und volle Lippen. Das entwürdigende Radebrechen der Schwarzen - "Ich nicht wissen, was machen" - verwandelten sie in einen verschliffenen Slang: "Ich wusst überhaupt nicht, was ich machen sollt." Statt "Neger" schreiben sie "Sklave" oder "Schwarzer", manchmal bleiben sie auch beim klebrig-infantilen "Darky" des Originals. "Nigger" blieb nur übrig, wenn es von eindeutigen Rassisten gebraucht wurde - oder von den Schwarzen selbst. Gestrichen wurde nur ein Vergleich von Scarletts Haushälterin Mammy mit einem Affen.

Bei Mitchell wissen die Sklaven die Fürsorge der weißen Besitzer zu schätzen

Margaret Mitchell war mit dem aggressiv rassistischen Schwulst von Autoren wie Thomas Dixon aufgewachsen, dessen Buch "The Clansman" die Vorlage für den White-Supremacy-Film "Birth of a Nation" geliefert hatte. Dass sie Standardmotive wie die Vergewaltigung weißer Frauen durch befreite Schwarze umdeutete - im Buch wird Scarlett von einem Weißen überfallen und ein Schwarzer rettet sie - wertet Nohl als literarische Emanzipation.

Und doch. Und doch ist es ein rassistisches Buch. Denn es ist ja nicht so, als sei die Sklaverei nicht ihr Thema gewesen, wie frühere Verteidiger ihr zugutehielten. Sie behandelt sie lediglich auf jene verführerische Weise, die Toni Morrison "Romancing Slavery" genannt hat. Während der geschlagene Süden die Rassentrennung gerade gesetzlich verankerte, nahm Mitchells Buch den Weißen alle Schuldgefühle. Die Sklaverei strahlt im warmen Licht einer idealen Gemeinschaft. Mammy, Pork und die anderen Sklaven wissen die Geborgenheit und Fürsorge der weißen Besitzer zu schätzen und fürchten nichts so sehr wie die Yankees. "Die Besseren unter ihnen verschmähten ihre Freiheit und litten genauso wie ihre weiße Herrschaft", schreibt Mitchell. Es gibt keine Vergewaltigung einer Schwarzen durch einen Weißen in ihrem Buch, keine Grausamkeiten gegen Schwarze und keinen glücklichen Ex-Sklaven.

An der Universität hatte Mitchell ein Geschichtsseminar verlassen, weil ein schwarzer Kommilitone teilnahm, später finanzierte sie Stipendien für afroamerikanische Studenten. Das spricht für eine Entwicklung. Aber der Ku-Klux-Klan kommt in ihrem Buch nicht deshalb schlecht weg, weil Lynchmorde an Schwarzen abzulehnen wären, sondern weil er die Yankees gegen die weißen Südstaatler aufbrachte. Schwarze Intellektuelle wie Hilton Als lesen Mitchells Buch längst als Quelle, um zu begreifen, wie "rassistische Fantasien" entstehen. Ta-Nehisi Coates hat den Bürgerkrieg als nationale Tragödie gleich ganz erledigt. Er sei ein weißes Trauma, für die Schwarzen war er eine Erlösung. "Vom Wind verweht" demonstriert wunderbar die unterschiedlichen Geschwindigkeiten sozialen Fortschritts, ist modern in der Frauenfrage und archaisch im Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß.

In Scarlett O'Hara hat Margaret Mitchell eine Heldin geschaffen, die nicht nur ur-amerikanische Werte wie Pragmatismus und Konsumfreude verkörpert, sondern Amerika selbst. Darin, dass Scarlett den Übergang vom Südstaaten-Feudalismus zum Yankee-Kapitalismus meistert und eine weiblich Empfangende ist wie Lady Liberty und das junge Einwanderungsland selbst, sieht Andreas Nohl den Gedanken angedeutet, Amerika selbst sei womöglich eine Frau. Falls das so ist, dann wäre Amerika eine Weiße.

© SZ vom 02.01.2020/luch

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