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Konsumgeist:Und welche Axt darf's heute sein?

Ein "Ursymbol der Menschheit", findet zumindest der deutsche Axt-Blog (www.axt-collection.com).

(Foto: Jason Abdilla/Unsplash)

Einst schwang sie ein irrer Jack Nicholson in "The Shining", heute ersetzt sie als Hochzeitsgeschenk die olle Porzellanschüssel: Wie ein Werkzeug aus der Steinzeit zum hippen Alltags-Accessoire wurde.

Von Gerhard Matzig

Als vorweihnachtliche Friedensbotschaft kann man die Axt nicht auf Anhieb begreifen. Eine Auswahl von globalen Axt-News der letzten Zeit liest sich so: "Frau in Limburg mit Axt erschlagen", "Axt-Amok in Sydney", "Trump packt die Axt aus". Im direkten wie im übertragenen Sinn - gemeint ist die deftige Zollphilosophie der USA - kommt einem die Axt aus den Nachrichtenkanälen meist so grimmig entgegen wie jener junge Mann, der in der Münchner U-Bahn vor einigen Wochen einen Polizeigroßeinsatz verursachte. Als Computerspielfigur verkleidet irritierte der 25-Jährige die Öffentlichkeit durch das Schwingen einer überdimensionalen Schaumstoffaxt. Nach Polizeiangaben konnte er überwältigt werden, der Schaumstoff wurde "vorsorglich sichergestellt".

Dennoch durfte die Axt, die man als Werkzeug mindestens seit der Mittelsteinzeit und als kultisches Objekt spätestens seit der Antike durch die Odyssee Homers kennt, erst im Jahr 2019 endlich auch als Emoji begrüßt werden. Wobei die Microsoft-Axt aussieht wie aus Münchner Schaumstoffresten und viel warmer Luft gedengelt, während die Apple-Axt schon von der Größe her im Grunde ein Beil darstellt. Es ist sozusagen die kleine Schwester der Axt. Doch immerhin sieht die neue Google-Axt alles in allem so aus, wie man sich das, was soeben in der New York Times zum Must-have der Gegenwart und zur maßgeblichen Chiffre der 2010er-Jahre erklärt wurde, auch vorstellt.

Es ist eine formschön und ergonomisch geschwungene Axt mit langem Schaft, die an "Walden" denken lässt. Also an Henry David Thoreaus Bibel aller Aussteigersehnsüchte einerseits und an das gleichnamige Outdoormagazin (Untertitel: "Abenteuer vor der Haustür") andererseits. Ein Magazinbeitrag mit der sehr hübschen Überschrift "Schlagende Verbindung" informiert beispielsweise über "die richtige Axt für jeden Zweck". Wer also noch ein Last-minute-Geschenk benötigt, das auf rustikale Art praktisch und dystopisch wehrhaft aber zugleich auch hintersinnig konsumkritisch erscheint, der sollte jetzt zur Designer-Axt greifen.

Die Axt, kann man sagen, ist seit jeher gendergerecht

"Der amerikanische Axtfetisch", so die NYT, "ist allgegenwärtig". Er drückt sich aus in Designauszeichnungen, Holzhack-Workshops und, genau, NYT-Essays. Wie es aussieht, hat die Axt, die man lange nur mit Jack Nicholsons irrem Grinsen in "The Shining" assoziieren mochte, die Manschettenknöpfe als Ausdruck einer urban-zivilisatorischen Lebensweise abgelöst. Jungvermählte erhalten statt gefährlicher Porzellanschüsseln waffenscheinfreie Äxte - und auf Instagram sind vierhundert Dollar teure Manufaktur-Äxte als Präsentvariante für die Babyparty dokumentiert.

Das muss nicht irritieren. Dem deutschen Axt-Blog (www.axt-collection.com) zufolge handelt es sich beim Shining-Utensil in Wahrheit um ein "Ursymbol der Menschheit". In diesem Zusammenhang ist ein Felsbild in Simrislund bemerkenswert. Es stellt einen Zusammenhang zwischen Phallus und Axt her; doch wurden früher Äxte auch den Gebärenden unter die Betten gelegt - um eine leichte Geburt zu erflehen. Die Axt, kann man sagen, ist seit jeher gendergerecht.

Logischerweise ersetzt die Axt im Hause, wie das Sprichwort weiß, auch hierzulande nicht nur den Zimmermann, sondern den Zeitgeist. Zumal in Zeiten der Verstädterung, da sich Urbanism und Neo-Nature als gesellschaftliche Megatrends gegenseitig bedingen und steigern. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben.

Wenn immer mehr Menschen in Städten leben, die immer seltener Bäume kennen, dann ergibt sich die Gleichzeitigkeit von waldenhaft zauselbärtigen Großkaroträgern auf ihren Retro-Bikes, die in Tribeca handgeschmiedete Design-Äxte erbeuten, und Bestsellern, die gerne was mit Bäumen im Titel haben, als nachvollziehbare Substitution. Dirk Roßmanns Autobiographie "... dann bin ich auf den Baum geklettert!" lebt von dieser Nachbarschaft - wie auch Peter Wohllebens "Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren". Sollte sich an Heiligabend unterm Bio-Öko-Baum aus regionalem Anbau eine Axt als Geschenk befinden, so fühlt der Baum vielleicht: Das ist jetzt auch schon egal.

© SZ vom 23.12.2019/tmh
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