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Erzählband "Die Ermordung Margaret Thatchers":Der Tod fährt mit bis Waterloo

Geliebt, gehasst, bewundert: Meryl Streep als "Iron Lady" Margaret Thatcher.

(Foto: Concorde Filmverleih)

In "Die Ermordung Margaret Thatchers" führt Hilary Mantel durch eine ungemütliche und menschenfeindliche Welt. In England sorgten die Kurzgeschichten für Furore; jetzt sind sie auf Deutsch erschienen.

Ich will es sehen. Das verpasse ich nicht", sagt die Frau, und der Attentäter tut ihr den Gefallen. Er lässt sie zuschauen, wie er sich hinkniet und seine Position einnimmt: "Er sieht, was ich sehe, den glitzernden Helm ihres Haars. Er sieht ihn wie eine Goldmünze in der Gosse leuchten, groß wie den vollen Mond." Dieser Haarhelm ziert einen Kopf, auf den der Attentäter gleich seine Waffe richten wird. Wessen Kopf das ist, und wie das Ganze ausgehen wird, darüber lässt der Titel der Kurzgeschichte, der diese Szene entstammt, keinen Zweifel: "Die Ermordung Margaret Thatchers".

Aus ihrem "kochenden Ekel" vor der Tory-Ikone hat Hilary Mantel nie einen Hehl gemacht

Es ist nicht unbedingt ein Wunschtraum, den Hilary Mantel da beschreibt, obwohl sie nie einen Hehl aus ihrem "kochenden Ekel" vor der Tory-Premierministerin gemacht hat. Sie spinnt nur ein Szenario weiter, das einmal in ihrem Hirn aufblitzte, als sie Thatcher 1983 zufällig aus dem Fenster ihrer Wohnung in Windsor sah. "Ich dachte, wenn nicht ich es wäre, sondern jemand anders, wäre sie jetzt tot", verriet die britische Autorin dem Guardian. Mehr als drei Jahrzehnte danach ist der mörderische Impuls in eine verstörende Kurzgeschichte eingeflossen, in der eine wohlhabende Frau in ihrer Wohnung in Windsor auf den Klempner wartet, und stattdessen versehentlich einen Attentäter einlässt. Der Mann, vermutlich von der IRA, will von ihrem Schlafzimmerfenster aus Margaret Thatcher erschießen, die gerade in der privaten Augenklinik gegenüber operiert worden ist.

Vielleicht war es Hilary Mantel etwas zu gemütlich geworden. Vielleicht hatten die britischen Leser am konservativen Ende des politischen Spektrums sie für ihren Geschmack ein bisschen zu sehr ins Herz geschlossen. Vielleicht brauchte sie auch einfach einen literarischen Gaumenreiniger zwischen dem zweiten und dritten Band ihrer phänomenal erfolgreichen Thomas-Cromwell-Trilogie. Wie auch immer, mit dem Kurzgeschichtenband "Die Ermordung Margaret Thatchers" hat die zweimalige Booker-Preis-Gewinnerin einen boshaften kleinen Fuchs im publizistischen Hühnerstall losgelassen.

Die titelgebende Geschichte wurde vom Daily Telegraph, der sich anscheinend ohne Ansicht des Textes für viel Geld die Erstveröffentlichungsrechte gesichert hatte, entsetzt abgelehnt. Thatchers Weggefährten regten sich mächtig auf. Dabei wird es ihnen herzlich egal gewesen sein, dass die Kurzgeschichte, in der die imaginäre Ermordung vorbereitet (aber nicht gezeigt) wird, zum Besten gehört, was Hilary Mantel geschrieben hat. Wie in ihren Historienromanen spürt man in der "Ermordung" eine machiavellistische Nüchternheit, die auch die Tudorwelt von "Wölfe" und "Falken" durchzieht. Sie vermischt sich mit einem Gefühl geradezu erotischer Genugtuung, die das Gedankenspiel mit alternativen Realitäten und der Entfernung eher unliebsamer Personen aus dieser Parallelwelt bereithalten kann.

Wenn etwas die zehn vordergründig disparaten Stories in dem 158-Seiten-Band verbindet, dann ist es das Gefühl einer meist ebenso unkonkreten wie tief sitzenden Unzufriedenheit mit der Existenz ihrer Protagonisten und Erzähler. Nur im Falle Thatchers werden - sehr radikale - Maßnahmen ergriffen, diese Unzufriedenheit zu lindern. In der ersten Geschichte "Der Besucher", die bereits 2009 als Erinnerung der Autorin an ihre Zeit im saudiarabischen Dschidda im London Review of Books erschien, greift diese Unzufriedenheit auf die Physis der Erzählerin über: "Das Herz wurde mir schwer. Es war ein körperliches Gefühl, ein Gefühl verlorener Monate, in denen ich wenig natürliches Licht abbekommen hatte."

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