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Enthüllungen über Femen:"Dieser Film enthüllt nichts"

Eine andere erzählt ohne Umschweife, neben ihrer Arbeit für Femen arbeite sie als Tänzerin in einer Nacktbar. Dass dies nicht ganz der offiziellen Femen-Ideologie entspricht, ist ihr klar, deshalb fügt sie an, sie lasse sich nicht für Sex bezahlen. Immerhin verdiene sie selbst ihr Geld, statt sich von reichen Ausländern aushalten zu lassen. Zwischen ihren Statements sieht man ihre Stretching-Übungen für eine Striptease-Nummer.

Ist nun also das freiheitlich-kratzbürstige Image von Femen dahin? Entlarvt, blamiert, diskreditiert?

Femen-Gründerin Anna Hutsol, 28, und Filmemacherin Kitty Green sehen das anders. "Dieser Film enthüllt nichts, er zeigt einfach den internen Kampf innerhalb von Femen", sagte Hutsol dieser Zeitung. "Der Zuschauer sieht den Kampf von uns Frauen gegen einen Mann, und wir gewinnen diesen Kampf."

Gegen Ende des Films sagt eine Aktivistin: "Wir müssen uns jetzt von ihm befreien. Vielleicht gehen wir nach Paris, machen im Ausland weiter."

Den Kampf gegen den "Patriarchen" haben die Frauen tatsächlich gewonnen. Der Kern der Gruppe wohnt inzwischen in Paris, Viktor lebt im südukrainischen Odessa, wo er kürzlich zum wiederholten Mal von Unbekannten zusammengeschlagen wurde.

Wer ist dieser Viktor Swjazkij? Anna Hotsul sagt, sie habe ihn kurz nach der Gründung von Femen 2008 zur Gruppe geholt, weil sie ihn als "einen klugen Politologen" geschätzt habe. "Er sollte uns erstens ideologisch unterstützen ,und zweitens wollten wir unseren Feind, den Mann, besser verstehen.

"Eigentlich sind wir Freunde geblieben"

Am Anfang lief es ganz gut. Dann wurde er immer dominanter, aber das ist normal, er ist ein Mann. Er hat genervt. Vor einem Jahr bat ich ihn, die Gruppe zu verlassen. Er war traurig, entschuldigte sich und ging. Wir telefonieren immer noch, eigentlich sind wir Freunde geblieben. Er hat bloß keinen Einfluss mehr auf uns."

Ende Juli, das war bereits einige Monate nach der Trennung, besuchte Viktor Swjazkij Femen in ihrem Büro in Kiew. "Er arbeitet als Politikberater in Odessa und hatte in Kiew zu tun", erzählt Anna Hutsol. "Er fragte, ob er bei uns im Büro schlafen kann, wir haben da eine Luftmatratze und eine Duschkabine. Er ist zwei Wochen bei uns geblieben, und wahrscheinlich haben die Geheimdienste gedacht, er arbeitet wieder für uns."

Swjazkij wurde am Abend des 24. Juli unweit des Femen-Büros von Unbekannten mit Schlagring übelst zugerichtet, er verlor viele Zähne und viel Blut. Drei Tage später wurde Anna Hutsol ihr Hund geklaut, dann schlug ihr ein Mann im Café ins Gesicht und entriss ihr den Laptop. "Ende August kamen Polizisten zu uns und fanden eine Granate und eine Pistole", sagt Hutsol.

"Ich weiß nicht, wer die Dinger bei uns im Büro versteckt hatte, aber die Leute wussten genau, wo sie zu suchen hatten. Nun läuft ein Terror-Verfahren, wir sind zwar noch im Zeugenstand, aber wir haben uns entschieden, nach Paris zu ziehen."

Regisseurin Kitty Green hält ihren Film ebenfalls für kein Enthüllungswerk. "Eigentlich wollte ich zwar eine Dokumentation über mutige Feministinnen drehen. Als ich feststellte, was für eine immense Rolle dieser Viktor spielte, war ich sehr überrascht. Aber ich habe gesehen, dass sich die Frauen gegen ihn auflehnen, und ich habe diesen Kampf dokumentiert."

Heute arbeiten immer noch einige Männer bei Femen (finanziert durch Spenden Gleichgesinnter weltweit, sagt Anna Hutsol): ein Rechtsanwalt, ein Buchhalter, ein Fotograf. "Aber auf der ideologischen Ebene lassen wir keinen mehr ran."

© SZ vom 06.09.2013/pak
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