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Sozialutopie "Die neuen Deutschen":Wie wir unseren Werten bei Zuwanderung treu bleiben

Bundeskanzlerin Merkel besucht Flüchtlingsunterkunft

Selfie mit der Kanzlerin: Offenheit begreifen die Münklers in ihrem Buch als zweiseitige Angelegenheit, die Alteingesessene und Neuankömmlinge betrifft.

(Foto: dpa)

Die Flüchtlingsfrage polarisiert - und die Politik weicht drängenden Fragen zur Einwanderung aus. Da kommt das kühl analysierende Buch "Die neuen Deutschen" von Marina und Herfried Münkler gerade recht.

Jeder, der sich heute mit dem Thema Flüchtlinge beschäftigt, stößt auf drei Kernfragen: Welche Rolle spielt der humanitäre Aspekt für die Aufnahme von Flüchtlingen? In welchem Maß sind Industriestaaten wie Deutschland aus demografischen Gründen auf Zuwanderung angewiesen? Inwiefern fällt die Frage nationaler oder kultureller Identität ins Gewicht, vor allem bei Zuwanderern aus islamischen Regionen?

Kein Einwanderungskonzept bekommt diese konträren Perspektiven widerspruchsfrei auf die Reihe. Selbst wer alles auf die nur scheinbar rein pragmatische Frage zuspitzt, welche Mengen von Flüchtlingen wir "verkraften" und integrieren können, muss klären, welcher der drei Perspektiven er de facto den Vorrang einräumt.

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"Wir schaffen das" ist die Parole des humanitären Affekts, der keine Obergrenzen kennt. Der Ruf nach einer Einwanderungspolitik, die den Zustrom nach dem Bedarf des Arbeitsmarkts steuert, aber auch deckelt, gehorcht der zweiten Sichtweise, dem ökonomischen Kalkül. Und für alle, die wegen massenhafter Zuwanderung den Verlust nationaler oder kultureller Identität befürchten, kann die Eingangsschleuse gar nicht eng genug sein.

Wie bei jedem Zielkonflikt zwischen unverträglichen Prioritäten ist auch dieser weder moralphilosophisch noch technokratisch zu lösen. Zu lösen ist er nur politisch.

Bislang allerdings weicht die deutsche Politik der grundsätzlichen Debatte aus, auch wenn alles Drumherumdrücken um das heiße Eisen nicht hilft, die Polarisierung des Landes über die wachsende Zahl von Fremden zu dämpfen. Im Gegenteil, das Verdrängen macht das Eisen nur heißer und die AfD nur größer.

Die Autoren wechseln nicht nur den Blickwinkel, sondern auch den rhetorischen Modus

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Da kommt der über weite Strecken kühl und besonnen analysierende Anstoß zu dieser Debatte von Marina und Herfried Münkler gerade recht. Dass sie ihr Buch unter den Titel "Die neuen Deutschen" stellen, heißt zuallererst, dass dieses Land seinen Werten nur treu bleiben kann, wenn es im Zuge der Immigration auch sein Selbstbild in Bewegung bringt.

Das erinnert an Tomasi di Lampedusas viel zitierte Weisheit im "Leopard" ("Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, muss sich alles verändern") und trifft auch hier den Punkt. Dass allerdings das Flüchtlingsproblem nur einen Ausschnitt dieser Weisheit abdeckt, weil der Veränderungsdruck auf alles Nationale ohnehin durch Globalisierung, Klimawandel, Europa, Internationalisierung der Kultur, Kosmopolitisierung et cetera unwiderstehlich ist, spart das Buch aus. Migration ist so gesehen nur das ausdrucksstärkste Bewegungsbild des laufenden Selbstwandels aller Nationalstaaten.

Das Buch ist ein Kompositum, dem die unterschiedlichen Handschriften der beiden Autoren anzumerken sind - sie, die Dresdner Literaturwissenschaftlerin, aber auch im schulischen Umgang mit Flüchtlingskindern erfahrene Lehrerin; er, der bekannte Berliner Politikwissenschaftler und Ideenhistoriker.

Die stilistische Flexibilität schadet freilich schon deshalb nicht, weil natürlich auch dieses Buch die drei zentrifugalen Kernfragen nicht auf einen narrativen Nenner bringen kann.

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