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"No.6 Collaborations Project" von Ed Sheeran:Radio Ed

Ed Sheeran

Womöglich ein Kumpeltyp, ganz sicher aber ein manischer Geschäftsmann: Ed Sheeran.

(Foto: Mark Surridge/Warner Music)
  • Ed Sheeran, der erfolgreichste männliche Popstar seiner Zeit, aber auch einer der meistgehassten, hat mit "No.6 Collaborations Project" ein neues Album veröffentlicht.
  • Es hat auf 15 Songs 22 sehr prominente Gäste, darunter Cardi B, Skrillex, Travis Scott, Bruno Mars, Eminem, 50 Cent, Justin Bieber oder Chance The Rapper.
  • Das ergibt ein großes Stil-Sammelsurium, das in Summe eher an Top-40-Format-Radio erinnert, als ein stringentes Album - und denkt damit das Musikhören im Streaming-Zeitalter sehr konsequent zu Ende.

Vielleicht kommt man dem kommerziell so gewaltigen Phänomen Ed Sheeran über die Negation auf die Schliche. Wie absurd wäre es in diesen Tagen, nur zum Beispiel, wenn sich jemand noch mal als Falco am Weltruhm versuchte? Oder als Lemmy Kilmister? Oder als irgendein anderer eitler Superblender? Diese ganze aufgesetzte Verstellung. Dieses dauernde Prahlen mit der eigenen Verwegenheit. Immer zuviel Kokain und Haargel und "Oida, heeerst!". Ständig Whiskey-Cola und Weltkriegs-Memorabilia und dunkle Wolken unterm Cowboy-Hut, im goldensten kalifornischen Sonnenschein. Nähme einem gerade doch keiner mehr ab.

Jeder Trottel mit einem Instagram-Account vermarktet heute schließlich seinen grindig gestreckten Koks-Keta-Mix fürs Wochenende als glamourösen Drogen-Lifestyle (#CalvinKlein). Jeder Schnösel kann seine teure Frisur als Statement gegen den Pöbel ausgeben. Das trainiert beim Publikum das Gespür für peinliche Posen.

Als Songwriter ist er ein Großmeister des direktesten Wegs

Anders gesagt: Angeberei ist schwerer geworden. Eitelkeiten gehen nicht mehr so leicht durch. Die Welt gehört gerade eher den Netten, den Normalen. Der Internet-Star der Stunde ist Keanu Reeves, der beinahe religiös für seine Güte und Menschlichkeit verehrt wird.

Was nun direkt zu Ed Sheeran führt, der im Figurenkabinett des Pop ja sehr prominent in der Kumpeltyp-Ecke fläzt. Gefühlt besitzt er zwei Hosen, hatte dafür aber noch nie einen Haarschnitt. Im Grunde ist er also unerträglich sympathisch, was die Frage, warum er so irrsinnig erfolgreich ist, ja fast schon beantwortet. Aber eben nur fast.

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Denn der 28-jährige britische Sänger, Gitarrist und Songwriter ist zwar der erfolgreichste männliche Popstar seiner Zeit, aber er ist auch einer der meistgehassten. Für beides gibt es ein paar sehr gute Gründe.

Auf der einen Seite ist Sheeran ein Großmeister des direktesten Weges und der einfachsten Form. Er spielt seine Konzerte noch immer nur mit einer Gitarre, einem Keyboard und einem Looper, mit dem er sich auf der Bühne selbst aufnehmen und das Aufgenommene in Endlosschleife abspielen kann, um so Schicht für Schicht seine Songs zusammenzubauen. So komponiert er auch, was ihn manchmal zu einem Songwriter von fast zenhafter Banalität macht, in den Arrangements und noch etwas mehr den Texten. Wenn er in jemanden verliebt ist, singt er gerne: "Ich bin so verliebt in dich"; und wenn es etwas mehr zur Sache gehen soll, singt er: "Ich liebe deine Figur."

Auf der anderen Seite braucht man, auch wenn seine Songs natürlich wirklich fast alle zu ungefähr 20 Prozent peinlich sind, sehr gute Argumente, wenn man Ed Sheeran fundiert hassen will. In den verbleibenden 80 Prozent jedes Songs finden sich schließlich Melodien, die in ihrer brillanten Klebrigkeit oft unwiderstehlich sind. Außerdem muss sich jede Gehässigkeit über Sheeran oder seine Musik mit Zahlen messen, die in ihrer schieren Größe an Volkszählungen erinnern.

Sheeran ist ein "singender Hobbit" ( Die Welt)? Der Hobbit hat im vergangenen Jahr 432 Millionen Dollar eingenommen - nur mit seinen Konzerten. Seine Musik ist der Soundtrack "für das Leben in der Tempo-30-Zone" ( Die Zeit)? Billboard, das wichtigste Magazin der Pop-Branchen, kürte ihn als Nummer eins der Verkaufscharts 2017 zum Künstler des Jahres. "÷" (sprich: Divide) war ein eklektisches Album, das die flachsten Formen aller aktuell angesagten Genres bediente? Nun, es wurde 56,7 Millionen Mal gestreamt - am ersten Tag. Dann erreichte es Platz eins in 17 Ländern. Kein anderes Album eines männlichen Musikers hat sich in Großbritannien je schneller verkauft. Die Single "Shape of You" ist in der Geschichte des amerikanischen Top-40-Radios der meistgespielte Song.

Und hier kommt nun das Problem: Sheeran hatte mit "Divide" den Höhepunkt seines Könnens erreicht. Sagt er selbst, in der sehr aufschlussreichen Doku "Songwriter", die den Entstehungsprozess des Albums begleitet. Künstlerisch bräuchte er eigentlich einen Bruch. Kommerziell nicht. Deshalb entscheidet er sich mit dem neuen Album dafür, Zeit zu gewinnen.

22 Gäste auf 15 Songs, darunter Superstars wie Cardi B, Bruno Mars und Justin Bieber

Was man in der Doku nämlich auch sieht, ist, dass der Brite wirklich der Kumpeltyp sein könnte, für den er sich ausgibt, ganz sicher ist er aber ein manischer Geschäftsmann. In der Anfangsszene kommt er verschwitzt von der Bühne, streift eilig durch Backstage-Katakomben, reicht sein Equipment den zahlreichen Helferhänden, biegt noch einmal ab und steht plötzlich in einem Raum, in dem sein Produzent Benny Blanco während der Show offenbar an neuem Material gearbeitet hat und ihn jetzt anblinzelt wie ein Reh grelle Scheinwerfer. Kommentar Sheeran: "I gave you two hours, Motherfucker!"

"Love Yourself", der sehr große Hit, den er Justin Bieber für dessen Album gegeben hat, entstand im Tourbus, in dem Blanco auch ein Studio aufbauen musste. Sein nächstes Ziel, sagt Sheeran am Ende des Films, sei es, größer zu werden als Adele.

Man sollte davon ausgehen, dass er das ernst meint. Man sollte aber auch davon ausgehen, dass es schwer wird. Nicht nur seine Möglichkeiten als Songwriter, auch Normalität stößt irgendwann ja an kommerzielle Grenzen.

Alben der Woche

Von einem, der kommende Woche wohl Rekorde brechen wird

Die Lösung des Geschäftsmanns Sheeran: Mit "No.6 Collaborations Project" (Warner Music), seinem am Freitag erschienenen neuen Album, denkt er zu beenden, was er mit dem Vorgänger perfektioniert hat. Das Problem, dass im Streaming-Zeitalter kaum noch ganze Alben gehört werden, schon gar nicht von Mainstreampop-Fans, versucht er zu lösen, indem er ein großes Stil-Sammelsurium anbietet, aus dem sich jeder herauspicken kann, was ihm gefällt. Und dazu Gäste, die ihm bei ihrem etwas weniger normalen Publikum auch noch Glaubwürdigkeit verschaffen sollen. 22 sind es, um genau zu sein, für 15 Songs; darunter Superstars wie Cardi B, Skrillex, Travis Scott, Bruno Mars, Eminem, 50 Cent, Justin Bieber oder Chance The Rapper.

Das Ergebnis hat mit einem Pop-Album im herkömmlichen Sinne nichts mehr zu tun und eigentlich auch nichts mit einem Mixtape, der aus dem Hip-Hop importierten Zwitterform aus Studioalbum und Playlist. Es ist vielmehr Formatradio. Ed Sheeran ist endgültig sein eigener Top-15-Sender geworden.

Auf dem läuft überraschend archetypischer Begattungs-Rock neben fröhlich elastischem Hip-Hop und dicht über den dampfenden Asphalt gleitenden Trap-Raps. Dazu von Dancehall inspirierte Party-Songs, düstere Grime-Sounds und durchaus schöne aber auch ganz schön oft gehörte Liebes-Schmachter. R'n'B, EDM, Spanisch: alles dabei. Einiges davon auch wieder sehr gut. Etliches allerdings vor allem sehr beliebig. Was aber wiederum alles unbedeutend ist, weil das Wesen des Formats dieses Album eben ist, dass es das Urteil über sich demokratisiert. Jeder sucht sich selbst zusammen, was alsbald Rekorde gebrochen haben wird. Ed für alle! Obwohl erstaunlich wenig noch genuin nach Sheeran klingt.

Und damit doch noch einmal Gehässigkeit: Der Hobbit klingt jetzt also endgültig wie alle? Könnte man sagen. Es gibt dazu aber auch die Sicht Elton Johns, bei dessen Management-Firma Sheeran unter Vertrag ist, und der den Gedanken womöglich vom Kopf zurück auf die Füße stellt: "Es ist unglaublich, wie locker er Melodien aus dem Ärmel schüttelt", sagte John etwa über den Sheeran-Hit "Thinking Out Loud". Und dass selbst Van Morrison stolz gewesen wäre, wenn er so einen Song geschrieben hätte. Und dann sagte er: "Das Dumme ist nur, dass jetzt alle so klingen wie Ed Sheeran: Shawn Mendes, Justin Bieber."

Noch ein sehr netter Mensch:
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