Favoriten der Woche:Klassische Unruhe

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Favoriten der Woche: Blick in die Ausstellung "Donatello. Erfinder der Renaissance" in Berlin.

Blick in die Ausstellung "Donatello. Erfinder der Renaissance" in Berlin.

(Foto: Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker)

Eine großartige Donatello-Ausstellung in Berlin zeigt den Meisterbildhauer der Mütter, Kinder und Schmerzen: Diese und weitere Empfehlungen der Woche aus der SZ-Kulturredaktion.

Von SZ-Autorinnen und -Autoren

Ausstellung in Berlin: "Donatello - Erfinder der Renaissance"

Die große Donatello-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie ist natürlich auch so schon ein Ereignis. Atemberaubend ist die Menge an Spitzenwerken der Frührenaissance (nicht nur von Donatello), die aus Florenz nach Berlin geliehen wurden, wo es ja ebenfalls erstaunlich hochkarätige Bestände gibt. Und wie einst im Kaiser-Friedrich-Museum werden die Skulpturen hier mit den Gemälden derselben Ära konfrontiert. So zeigt sich Donatello als Anreger wie als Angeregter - und als ein Bildhauer, der mit seinen Flachreliefs und seinen Material-Eskapaden oft selber fast schon den Tatbestand der Malerei erfüllt. Als Meister der Mütter, Kinder und Schmerzen zeigt er sich sowieso. Es hat ja kaum jemand so intensiv am Typus der Madonna gefeilt wie er, kaum jemand so realistisch auch das Zappeln von Babys und die Übellaunigkeit von Kleinkindern ins Bild gesetzt. Seine melodramatischen Gesten und Mienen wiederum wirken fast wie ein Alphabet von Emoticons aus dem 15. Jahrhundert. Aber überraschend, hochkarätig und anregend und ein Ereignis eigener Güte ist am Ende sogar auch der Katalog aus dem E.A. Seemann Verlag. Das muss man den Kuratoren schon deswegen danken, weil Kataloge mit einem gewissen akademischen Anspruch zuletzt selten geworden sind. Oft herrscht jetzt eher ein museumspädagogischer Ton, der sich an eigentlich anderweitig interessierte Jugendgruppen zu richten scheint. Hier dagegen mal wieder kunstwissenschaftliche Aufsätze, die über die Ausstellung hinausweisen und auch jenseits davon noch von Belang sein dürften: Thomas Gaehtgens über die Renaissance im deutschen Kaiserreich zum Beispiel oder Frank Fehrenbach über die selbstreflexive Technik des Verschwindens in Donatellos oft an die Grenzen des Sichtbaren abgeflachten Flachreliefs. Und Georges Didi-Huberman hat einen Essay beigesteuert, der die Torsion von Figuren etymologisch und inhaltlich mit Folter, Verdrehung, Spannung kurzschließt, mit Nietzsches Pathos und Warburgs Scheinwiderspruch von der "klassischen Unruhe"... In der befindet man sich beim Lesen schnell ebenfalls, denn dem sinnlichen Vergnügen der Ausstellung fügt ihr Katalog noch ein intellektuelles hinzu. Peter Richter

Vorlesungen online: Die Harvard Norton Lectures von Laurie Anderson

Schon immer will der Mensch fliegen. Die Musikerin, Künstlerin und Filmemacherin Laurie Anderson aber lehrt uns, das ist Nonsens. Schweben sollte man können, nicht fliegen, sich aus leicht entfremdend wirkender Distanz spielerisch an die Dinge herantasten. Klingt soft, ist für das Format der renommierten Harvard Norton Lectures - in denen berufene Schriftsteller, Musiker und Kunsthistoriker jedes Jahr an der prestigereichsten Universität der Welt die Gelegenheit bekommen, aus ihrem Werk eine eigene Wissenschaft abzuleiten - aber ein gewaltiges wie gelungenes Wagnis. Heraus kamen dabei statt klassischer Poesie-Vorlesungen sechs Performances, in denen Laurie Anderson das Publikum durch virtuell animierte Traumlandschaften ihrer Seele führt. Nebenbei ordnet sie spontan, aber druckreif die politischen Geschehnisse der vergangenen fünf Jahre ein und lässt en passant wieder greifbar werden, was man schnell vergisst: Die Absurdität des Lebens wirkt befreiend, akzeptiert man sie erst einmal. Carlotta Wald

Alte Musik: Jordi Savalls Bestiarium

Favoriten der Woche: Das Album "Codex Las Huelgas" des Gambisten Jordi Savall.

Das Album "Codex Las Huelgas" des Gambisten Jordi Savall.

(Foto: Alia Vox/Alia Vox)

Nie wieder hat Musik einen derartigen Optimismus verbreitet, war derart Zuversicht und Zukunft. Das vor 700 Jahren in und für das nordspanische Königskloster Las Huelgas geschriebene gleichnamige Manuskript verbreitet in 148 Liedern die Stimmung eines milden Sonnenaufgangs im Sommer. Eine Gesamtaufnahme aber würde jedes Aufnahmeprojekt sprengen. Jordi Savall, der legendäre Meistergambist, Musikologe und Visionär ist jetzt 81 Jahre alt, hat eine raffinierte Auswahl getroffen, hat sich auf zehn von ihm arrangierten Tier-Stücke konzentriert. Tiere, vom Mittelalter gern in Bestiarien zusammengestellt, hatten eine allegorische Bedeutung und waren hilfreiche Vehikel bei der hier von Savall inszenierten "Reise in das eigene Innere", die von Pelikan (Opfertod Christi), Drachen (Weltenwächter), Adler, Fisch, Taube und Fliegen, den Compagnons des Teufels, begleitet wird. Reinhard J. Brembeck

Kochen ist Krieg: Serie "The Bear"

Favoriten der Woche: Schlachtfeld Kühlkammer: Jeremy Allen White, Lionel Boyce und Ebon Moss-Bachrach ín "The Bear"

Schlachtfeld Kühlkammer: Jeremy Allen White, Lionel Boyce und Ebon Moss-Bachrach ín "The Bear"

(Foto: FX)

"The Bear" ist großes Seriendrama auf kleinstem Raum. Sternekoch Carmen Berzatto kehrt aus New York nach Chicago zurück. Dort übernimmt er nach dem Suizid seines Bruders Michael den Sandwichladen der Familie. Dort arbeitet aber auch Michaels bester Freund Richie. Ein Machtkampf entbrennt, der das Küchenpersonal in Lager aus Verbündeten und Feinden teilt. Die Intensität, mit der die Serie das Sandwichmachen und den Streit um Töpfe, Pfannen und Zutaten inszeniert, erinnert dann eher an legendäre Kriegsfilme als an das "Kochduell". Da wird die Grillfläche zum Normandiestrand und die Kühlkammer zu Verdun. Leute aus der Gastrobranche können bestätigen, dass noch niemand den Stress in einer Restaurantküche, die Enge, die Hitze, die Erschöpfung so authentisch gezeigt hat. Selten gingen acht mal dreißig Minuten so schnell vorbei. Selten waren sie so anstrengend. Läuft in Deutschland auf Disney Plus. Andrian Kreye

Klassikkonzert: Trifonov als Orchestermuntermacher

Favoriten der Woche: Das schiere Virtuosentum des russischen Pianisten Daniil Trifonov ist ein Erlebnis.

Das schiere Virtuosentum des russischen Pianisten Daniil Trifonov ist ein Erlebnis.

(Foto: Artyom Geodakyan/imago images/ITAR-TASS)

Dass der neue Konzertsaal der Münchner Isarphilharmonie nur eine Übergangslösung ist, merkt man schon an der relativ beengten Bestuhlung - die allerdings auch für den renovierten Gasteig vorgesehen ist. Andererseits ermöglicht er bei richtiger Bespielung großartige Hörerlebnisse, wie sich beim Konzert des genialischen Pianisten Daniil Trifonov mit dem Orchestre National de France zeigte. Das Orchestervorspiel mit Maurice Ravels Märchenstück "Ma mère l'oye" geriet allerdings etwas blass und faserig, die trockene Saal-Akustik schien kaum intensivere Klangfarben zuzulassen. Das galt auch für die abschließende d-Moll-Symphonie von César Franck. Das gemächliche Tempo, das Chefdirigent Cristian Măcelaru anschlug, erinnerte an seinen Landsmann Sergiu Celibidache, der 1973 bis 1975 Chef des Orchestre National war. Ob sich davon noch Traditionen erhalten haben?

Wenn man sich an die spezielle Zeitauffassung gewöhnt und die Erwartungshaltung weg von musikalischer Dramatik und hin zu in sich ruhenden Klanginseln verschoben hatte, konnte man die Erzählstrategie Măcelarus nachvollziehen. Allmählich fand auch das Orchester zu mehr Farbigkeit und etwas mehr klanglicher Intensität - auch wenn der Gesamtklang nie ganz ausbalanciert war und immer mit hörbarer Unwucht daherkam. Das änderte sich schlagartig mit Alexander Skrjabins fis-Moll-Klavierkonzert, genauer gesagt, mit Daniil Trifonov, der die Situation sogleich erfasste und das Problem auf ganz eigene Weise löste. Er konzentrierte sich zunächst darauf, die drei möglichen Positionen herauszuarbeiten: totale Integration ins Orchester, solistischer Gegenpart und eigenständiges Solistentum. Letzteres blieb selten, dafür gibt es das Spielfeld der Solokadenz, aber auch dabei hatte man oft den Eindruck, Trifonov denke das schweigende Orchester mit, oder spiele ihm vor, wie man einerseits lyrisch verinnerlicht und dennoch hochdramatisch agieren könne. Umgesetzt wurde genau dies dann gemeinsam im Andante-Satz, dessen lieblich-lyrischer Verlauf urplötzlich umschlägt in bösen Furor und klanglichen Aufruhr. Bei kaum einem Pianisten klingt das schiere Virtuosentum dabei so musikalisch sprechend wie bei Daniil Trifonov. Es ist nie leeres Geplapper. Helmut Mauró

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