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Doku über NSU-Opfer aus Köln:"Demütigungen über sieben Jahre hinweg"

Viele glauben, dass die Polizei sowieso auf dem rechten Auge blind ist, dass dort eine rechtsgerichtete Gesinnung herrscht und man deshalb lieber links oder bei Migranten ermittelt. Denken Sie das auch?

Man darf nicht glauben, dass man rechtsgerichtete Beamte braucht, um rassistisch zu ermitteln. Diese Form von Rassismus hat nicht unbedingt mit Parteipolitik zu tun, sondern eher damit, dass jemand seinem eigenen Klischee aufsitzt und seine vorgefassten Meinungen nicht in Frage stellt. Dass der eine oder andere Beamte vielleicht eine Nähe hat nach rechts hat, will ich nicht bestreiten, aber ich würde das in diesem Fall gar nicht beschwören wollen.

Hat die Polizei in Ermittlungstätigkeiten grundsätzlich ein strukturelles Problem? Opfer werden ja immer wieder zu Tätern gemacht - auch ohne Rassismus.

Das würde ich so sehen. Wenn ein Beamter eine vorgefasste Meinung hat und nicht in der Lage ist, sich davon zu befreien, ist das keine professionelle Polizeiarbeit. Ich sage nicht, dass sie nicht in der Keupstraße hätten ermitteln sollen. Was ich ihnen aber vorwerfe, ist, dass sie immer wieder mit den gleichen Vorwürfen kamen. Ohne konkreten Anlass und mit Vorhaltungen, die erfunden waren. Das ist kein Versehen. Die Opfer hatten vorher großes Vertrauen in den Rechtsstaat. Das wurde komplett erschüttert durch die Sicherheitsbehörden, die sie wie Menschen zweiter Klasse behandelt haben.

Welche Vorhaltungen der Polizei waren erfunden?

Dass man die Türsteher verdächtigt hat, die in dem Friseurladen verkehrten, dass man von Mafia und Schutzgeldern sprach, ohne irgendeine Beweislage. Es ist für mich Ausdruck von Hilflosigkeit, dass man nach zwei Jahren die gleichen Menschen wieder ins Verhör schleift und sie mit ausgedachten Delikten konfrontiert, um einen Keil in die Familie und zwischen die Brüder zu treiben und irgendwann vielleicht ein Geständnis herauszupressen.

Vor allen Dingen ohne in die rechte Richtung zu ermitteln.

Es wurde auch nach rechts ermittelt, aber nur kurz. Man hat überlegt: Es gäbe da einen Rechten. Aber der war zu dem Zeitpunkt nicht da. Also wurde die Akte geschlossen. Die haben gar nicht darüber nachgedacht, dass an dieser Straftat Menschen beteiligt sein können, ohne am Tatort gewesen sein zu müssen, weil sie Teil eines Netzwerkes sind. Das hat man komplett vernachlässigt, während man innerhalb der türkischen Community nach genau diesen Strukturen gesucht hat.

Auch die Szene im Film, in der der ermittelnde Beamte verhört wird, wirkt wahnsinnig hilflos.

Das ist eine Szene aus dem NSU-Untersuchungsausschuss. Dieses Muster gab es überall, auch jetzt wieder in NRW nach Silvester: das Zurückziehen auf Wissens- und Gedächtnislückenlücken. Für mich ist das eine zweite Demütigung der Opfer. Die Sicherheitsbehörden weigern sich bis heute, Aufklärung zu liefern, während sich die Opfer des NSU bis aufs Unterhemd haben entblößen müssen.

In ihrem Film berichten die Protagonisten von schlimmen Nachwirkungen auch seelischer Art. Wie sollte Unterstützung aussehen?

Die Opfer sagen ganz klar: Wir brauchen professionelle Unterstützung psychologischer Art. Sie sind Opfer von Terror geworden und haben Symptome, die man aus Kriegen kennt, posttraumatische Belastungsstörungen. Eine kontinuierliche Unterstützung vor Ort mit geschulten Kräften, die Verständnis haben für die Schwierigkeiten der Menschen, sich zu öffnen, und wo sie auch in ihrer eigenen Sprache sprechen können.

Warum passiert das nicht?

Ich glaube, es fehlte die Sensibilität. Bis zum Auffliegen des NSU gab es gar nichts an Unterstützung. Wenn das in einer von Deutschen bewohnten Straße passiert wäre, hätte das ganz anders ausgesehen. Später war man sich immer noch nicht bewusst, wie stark die Menschen geblutet haben. Und zwar nicht nur, weil da eine Bombe explodiert ist, und sie verletzt wurden und ihre Laden zerstört, sondern durch die Demütigungen über sieben Jahre hinweg. Das hat nochmal zu einer Traumatisierung geführt, die die Verantwortlichen seitens Politik und Stadt gar nicht realisiert haben. 90 Prozent der Opfer haben sich aus dieser Gesellschaft zurückgezogen. Die muss man abholen.

Ein bisschen wurde gemacht: Es gab ein großes Unterstützungskonzert und der Bundespräsident kam zum Händeschütteln vorbei, wie im Film zu sehen ist. Mein Eindruck von diesen Bildern ist, dass das eine reine PR-Aktion war. Wie sehen Sie das?

Die Bilder sprechen für sich. Ich will dem Bundespräsidenten keine unlauteren Absichten unterstellen, aber diese Aufmerksamkeit ist wie eine große Welle über die Keupstraße gezogen und hat für viele Diskussionen unter den Opfern gesorgt. Weil plötzlich Leute auf der Bühne standen, die mit der Sache nichts zu tun hatten - und die Betroffenen saßen wieder am Katzentisch.

Sie leben selbst in Köln, die Kölner gelten eigentlich als weltoffen. Wie hat sich das Zusammenleben mit den muslimischen Communities geändert seit dem Anschlag, den Verdächtigungen und auch seit der Silvesternacht?

Bis zum Auffliegen des NSU war die Keupstraße ein Ort, der für die Kölner keine Rolle gespielt hat. Die Menschen blieben da unter sich. Aber das Vertrauen in der Straße ist zerrüttet worden. Jeder dachte: Es muss einer von uns gewesen sein, sonst würden die Sicherheitsbehörden nicht so lange in diese Richtung ermitteln. Insofern hat die Bombe ihr Ziel erreicht. Sie hat eine aufstrebende funktionierende Community und türkisch geprägte Gesellschaft mitten in Köln zerstört. Nach dem Auffliegen des NSU gab es die Erleichterung: Seht her, wir waren es nicht, wir haben es euch immer gesagt. Trotzdem blieb eine Grunderschütterung, weil keine echte Aufklärung geliefert wurde.

Heute versucht man einerseits, die Straße wieder zu beleben. Und gleichzeitig ist durch die Silvesterereignisse eine Angst zurückgekehrt: Können wir wieder in den Fokus geraten von Anschlägen? Auch das Attentat in der Türkei hat Auswirkungen auf eine türkische Community wie in Köln. Da herrscht große Unsicherheit. Einige merken, dass sie plötzlich wieder als Muslime schief angesehen werden. Obwohl sie schon als Kind in dieser Straße gespielt haben, werden sie als potenzieller Feind für die Gesellschaft wahrgenommen.

Kinostart - 'Der Kuaför aus der Keupstraße'

Nachgestellte Szene aus dem Kinofilm: Am Nachmittag des 9. Juni 2004 explodierte vor dem Friseurgeschäft von Özcan Yildirim in der Kölner Keupstraße eine Nagelbombe - ein rechter Terrorakt des NSU.

(Foto: dpa)
© SZ.de/rus/pak/jab
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