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Doku "Mama illegal":Frauen aus dem Nirgendwo

Wenn die Kinder hungern, keine Schuhe kaufen können und das Dach über dem Kopf in Gefahr ist, sind Mütter zu großen Opfern bereit: Der Dokumentarfilm "Mama Illegal" folgt über Jahre hinweg moldawischen Migrantinnen, die im Westen den Lebensunterhalt ihrer Familien sichern - und sich von ihrem alten Leben entfremden.

Wieder zuhause: Die Kinder sind fast schon erwachsen.

(Foto: Poool Filmverleih)

Der Film hat ihr gut getan, sie ist selbstbewusster geworden. Trägt jetzt Kontaktlinsen anstelle der dicken Brille für ihre 13 Dioptrien, ihre Haut ist nicht mehr so fleckig, sie lacht mehr. Im Österreichischen Konsulat haben sie ihr ohne weiteres ein Besuchervisum ausgestellt, sie wie eine Berühmtheit behandelt und nicht mehr wie eine Bittstellerin - Aurica ist jetzt jemand.

Sieben Jahre lang war Aurica niemand gewesen. Sie war eine Illegale aus Moldawien in Österreich, putzte und hütete anderer Leute Kinder, wohnte mit der Schwester und ein paar anderen Frauen in einer kleinen Wohnung. Mehrte anderer Leute Wohlstand, sparte ihren eigenen Lohn für die eigene Familie.

Die war weit weg, in einem Dorf in Moldawien, da, wo kurz vor dem Schwarzen Meer Europas Welt und Wertesystem sich mit den Relikten der Sowjetunion, mit einem neuen, brutalen Alltag und der alten Verwahrlosung überschneiden, wo 80 Prozent aller Menschen keine Arbeit haben. Ihre Kinder hatte sie dort zurückgelassen, ihren Mann, ihre Eltern. War mit einem Schlepper über mehrere Grenzen gegangen. Hatte die Kinder nur gesehen, wenn sie skypte. Dann versicherte sie ihnen: Mama hat euch lieb. Und Mama kommt heim, bald schon. Mama tut das alles nur für euch.

Ob die Kinder ihr glaubten? Zu viele Mütter und auch Väter aus dem Dorf hinter Chisinau waren der Armut entflohen, um im Westen Geld zu verdienen, damit es die Kinder daheim besser haben, damit sie Schuhe kaufen können und Schulbücher. Aber manch eine war nicht zurückgekommen. Das Leben im Westen frisst sich in einen hinein, die sauberen Straßen und das fließende Wasser, und die Erinnerung an die Kinder daheim verblasst.

Aurica ist ein-, zweimal zurückgekehrt - nur, um ihre Kinder fast erwachsen vorzufinden, den Mann entfremdet. Sie hat Geschenke mitgebracht und ihr alter Vater hat gerufen: Das brauchen wir doch gar nicht, einen neuen Fernseher mit Fernbedienung, besser wäre, du wärest hier bei deinen Kindern. Dann hat Aurica geweint. Aber nicht gezweifelt, dass richtig ist, was sie tut.

Vorführung in Parlamenten

Heute sagt sie, ohne ihr Geld hätte ihre Familie Hunger leiden müssen. Und kein Dach über dem Kopf gehabt. Sie habe ein tolles Verhältnis zu ihrer Tochter und ihrem Sohn, der studiert mittlerweile im Westen. Ihr Mann hat sich damals umgebracht. Während sie auf Heimatbesuch war. Bis heute weiß niemand, warum.

Nun gibt es also einen Film über Aurica, und sie ist stolz darauf - nachdem sie lange gezweifelt hatte, ob es nicht zu gefährlich ist, sich zu öffnen, sich als Illegale vor eine Kamera zu stellen. Die Gefahr, die Scham . . . Ed Moschitz, vielfach ausgezeichneter ORF-Redakteur, hat aus Auricas Geschichte und zwei ähnlichen Schicksalen einen Kinofilm gedreht, "Mama Illegal", und der räumt derzeit kräftig an Preisen ab auf Dokumentarfilmfestivals.

Demnächst ist er auf der Dok Leipzig zu sehen, dann auch im Wiener Parlament, Amnesty International bereitet eine Vorführung im Europaparlament vor. Die Begründung der Jury des Freiburger Festivals "Der neue Heimatfilm 2012" nimmt die Emotionen auf, die "Mama Illegal" zu einer fast unerträglich traurigen Dokumentation machen: Eigentlich habe der Filmemacher vom "Verlust der Heimat" erzählt.

Sieben Jahre Dauerbeobachtung

Produziert wurde das Werk von der Golden Girls Filmproduktion, sechs Kameraleute begleiteten Moschitz über die Jahre. Der Reporter kannte Aurica privat, er überredete sie, sich ihm anzuvertrauen, er machte für das ORF zuerst eine Reportage über ihr Leben und ihr Dorf, "Dorf ohne Mütter". Daraus wurde eine Dauerbeobachtung, sieben Jahre lang begleitete Moschitz drei Illegale aus Bologna und Wien durch ihr Leben und nach Hause.

Er war dabei, wenn die Frauen Klos putzten und verzweifelt weinten, weil sie keinen Tag frei bekamen, die Feiertage durcharbeiten mussten, nicht zum Arzt konnten. Raia, die in Bologna mehrere Jobs in 24 Stunden quetschte, um zu überleben, betreute unter anderem ein altes Ehepaar, deren Nichte war ihre Ansprechpartnerin. "Sie ist Richterin", sagt Raia. "Weil sie mich braucht, übersieht sie das Gesetz. Aber wenn ich etwas brauche, kennt sie die Gesetze sehr genau."

Moschitz war mit der Kamera dabei, als Natasa ihren Abschiebebescheid bekam und im Ausländeramt ohnmächtig wurde - sollten all die Entbehrungen umsonst gewesen sein? Er war dabei, wenn die Frauen ihre riesigen Plastiktaschen in den Bus nach Hause schleppten mit all dem Alltagskram des Westens, der im moldawischen Nirgendwo so viel wert ist wie ein Koffer voller Gold. Und er war dabei, wenn sie ankamen, sich in die Arme fielen mit all dieser Freude, dieser aufgesparten Liebe - und dem Schock. Wie sieht es hier aus? Warum ist all die Jahre so wenig repariert worden?

Die arbeitslosen Männer, die die Kinder großgezogen hatten, die doch selbst arbeiten wollten und nicht Brot backen, sie verstummen. Und die Kinder? Die konnten Mamas Gegenwart nicht so recht genießen, sie fuhr ja allzu bald wieder.

Eine der eindrucksvollsten Szenen ist jene, als die Kamera die Lehrerin durch ein Klassenzimmer begleitet. Die Kinder üben Gedichte für den Muttertag. Jedem Kind legt die Lehrerin die Hand auf den Kopf: "Maschas Mutter ist in Italien, Iras Mutter und Vater sind in England, sie lebt bei der Oma, Saschas Mama ist in Italien, Nastjas Mutter ist in Österreich, Mischas Mama und Papa sind in Deutschland . . .", so geht das dahin. Kaum ein Kind, das mit beiden Eltern aufwächst, kaum eines, das nicht bei der Nennung des Namens der Mutter oder des Vaters in Tränen ausbricht.

Moschitz hält sich mit einem Urteil zurück. Wer wollte beurteilen, ob der Preis zu hoch ist? Und vor allem: Wer im Westen wollte sich anmaßen, ein solches Urteil zu fällen - hier, wo das halbe Sozialsystem und die Privatwirtschaft nur mit illegalen Putzfrauen, Kindermädchen und Altenpflegerinnen überlebt?

Bei den alten Videos kommen die Tränen

Moldawien ist das ärmste Land Europas. Das Durchschnittseinkommen liegt bei etwas mehr als 100 Euro im Monat, eine mittlere Rente bei 15 Euro. Mittlerweile hat sich die Situation für Migranten entspannt. Da die meisten Moldawier rumänische Wurzeln haben, haben viele nun einen rumänischen Pass und können - zeitlich begrenzt - in die EU einreisen.

Aurica lebt inzwischen mal in Wien, mal in ihrem Heimatdorf. Mit dem in der Illegalität verdienten Geld hat sie das Haus auf Vordermann gebracht. Ist sie glücklich? Moschitz hält sich auch in dieser Frage diskret zurück. Und zeigt eine weinende Aurica, die alte Videos anschaut, damals waren die Kinder noch klein, der Mann lebte noch. Und sie war auf dem Sprung nach Westen.