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Buch über US-Geschichte:Was heißt denn hier frei und gleich?

Ein Denkmal der amerikanischen Geschichte entsteht: Das aus dem Fels geschlagene Gesicht Abraham Lincolns am Mount Rushmore in South Dakota.

(Foto: Mauritius Images)
  • In "Diese Wahrheiten" erzählt die Historikern Jill Lepore die Geschichte der Vereinigten Staaten auf unterhaltsame und unprätentiöse Art.
  • Leider kommt es bei ihrer Darstellung nicht selten zu Fehlern - und letztendlich scheitert Lepore am Anspruch, eine Gesamtdarstellung zur Geschichte der USA zu geben.

Gastbeitrag von Michael Hochgeschwender

Mit "Diese Wahrheiten" hat die amerikanische Historikerin und Publizistin Jill Lepore eine weithin ungemein lesenswerte, in Teilen aber auch hochproblematische Gesamtdarstellung zur Geschichte der Vereinigten Staaten von der Kolonialzeit bis in unsere Gegenwart vorgelegt. Das rund eintausendseitige Opus magnum hat in den USA und in Europa zu Recht große Aufmerksamkeit erregt. Vorzüglich lesbar, wendet es sich ganz in angelsächsischer Tradition nicht allein an Fachleute, sondern an ein breites, allgemein gebildetes und interessiertes Publikum. Wer es in die Hand nimmt, wird sich keinesfalls langweilen und es allemal klüger als zuvor wieder zuklappen.

Lepore schreibt anschaulich, lebendig und mitunter poetisch. Dies entspringt vor allem ihrer Fähigkeit, die Quellen selbst zu Wort kommen zu lassen, während der analytische Rahmen eher unaufdringlich und jargonarm daherkommt. Ihr gelingt es, bekannte und unbekannte Figuren aus mehr als einem halben Jahrtausend zu Wort kommen zu lassen, sie klug und nachdrücklich einzuordnen und ihnen dabei stets ihre ganz eigene Würde zu lassen. Insbesondere geht es Lepore darum, auch einfache Menschen jenseits der großen Bühne der Politik in ihre Erzählung gleichberechtigt einzubinden.

Nicht umsonst stehen "Diese Wahrheiten", die Zentralwerte der Unabhängigkeitserklärung, im Mittelpunkt: der Anspruch auf klassen- wie rassen- und geschlechterübergreifende Freiheit und Gleichheit. Um sie herum bündelt sich eine komplexe Erzählung, der es insbesondere um die Ambivalenzen der amerikanischen Geschichte zu tun ist. Warum kämpften gerade Sklavenhalter im Namen der Freiheit gegen ein britisches Parlament, das sich doch denselben Freiheiten verpflichtet wusste? Wie wirkten sich die schwierigen, durch die Tradition der Sklaverei begründeten Beziehungen zwischen Weiß und Schwarz über die nächsten Jahrhunderte nach der Revolution von 1776 aus? Welche Rolle spielten Gewalt und Unterdrückung in der Freiheitsgeschichte?

Pessimismus ist ihre Sache nicht, aber ebenso wenig huldigt sie einem Optimismus

Lepore verzichtet sowohl auf den liberalen Triumphalismus früherer Jahrzehnte, als man noch eine eindimensionale Fortschrittsgeschichte erzählen konnte, als auch auf jene düsteren, pessimistischen und anklägerischen Narrative wie sie Howard Zinn oder Ibram X. Kendi vorgelegt haben. Sie arbeitet dagegen differenziert die Probleme und die immer nur vorläufigen Lösungsansätze in den spannungsreichen Rassenbeziehungen in den USA heraus. Pessimismus ist ihre Sache nicht, aber ebenso wenig huldigt sie einem Optimismus, der sich gegenüber den Fehlern der amerikanischen Gesellschaft blind stellt.

Dieser Nuancenreichtum macht den Wert der Darstellung aus, ohne dass Lepore auf eine eigene Stellungnahme verzichten würde. Das ist alles gewiss nicht neu, aber selten derart lebendig und konstruktiv erzählt worden. Natürlich, man hätte bestimmte Schwerpunkte im chronologischen Ablauf anders setzen können. Beispielsweise wird die gesellschaftlich formative Phase der Hochindustrialisierung und des Aufstiegs der USA zur ökonomischen Weltmacht etwas stiefmütterlich abgehandelt. Zudem handelt es sich überwiegend um eine eher traditionelle politisch-soziale Ideengeschichte. Für das 18. und 19. Jahrhundert, so der Eindruck, gibt es keine amerikanische Kultur, keine Rezeption von Walter Scott, keinen Nathaniel Hawthorne, keinen James Fenimore Cooper, keine Hudson River School, keine Transzendentalisten.

Aber derartige Schwerpunktsetzungen sind wissenschaftlich und schriftstellerisch vollkommen legitim. Weit weniger legitim sind die zahlreichen sachlichen Fehler, die sich vorrangig in den Kapiteln zur Kolonialzeit und zur frühen Republik finden. Nein, die von antipuritanischen Baptisten und Quäkern gegründete Kolonie Rhode Island kannte keine Toleranz gegenüber Katholiken. 1680 lebte dort kein einziger Katholik, weil der Gründer dieses Staatswesens, Roger Williams, ganz im Sinne der Aufklärungsphilosophie von John Locke, die Anhänger des römischen Papsttums explizit von der religiösen Toleranz ausgenommen hatte. Echte Duldungstoleranz fand sich, von Lepore nicht erwähnt, einzig bei den Quäkern von Pennsylvania und - ausgerechnet - im katholischen Maryland bis in die 1680er-Jahre, als dort die Protestanten die Herrschaft übernahmen.

Nein, Benjamin Franklin war nicht nur ein Rassist, er hasste vor allem deutsche Immigranten, weil er sich bis in die 1760er-Jahre in erster Linie als britischer Patriot verstand, wie nahezu alle amerikanischen Kolonisten. Nein, Andrew Jackson war nicht der erste Präsident, der ein Veto einlegte und damit eine Verfassungskrise heraufbeschwor, sondern George Washington, der erste Präsident der USA, machte 1792, drei Jahre nach seiner Wahl, erstmals von seinem verfassungsgemäßen Vetorecht Gebrauch. Was Jackson von seinen Vorgängern unterschied, war die Häufigkeit, mit der er dieses Instrument im parteipolitischen Kampf einsetzte. Viel bedeutsamer war demgegenüber seine bewusste Missachtung des Obersten Bundesgerichts, die Lepore nur beiläufig erwähnt.

Es fällt auf, dass nicht nur die spanische Monarchie verkürzt und einseitig dargestellt wird, sondern mehr noch die britische

Nein, nicht nur Engländer, sondern auch die Spanier waren nach Amerika gekommen, um zu siedeln, auch wenn die Spanier es angesichts des Wirtschaftsbooms im Mutterland weniger nötig hatten, ihre gesellschaftlichen Konflikte nach Übersee zu exportieren. Überdies kamen die Engländer schon gar nicht, wie ein Text des englischen Geografen Richard Hakluyt suggerierte, um den Indianern die Freiheit zu bringen. Weil sie nicht über vertiefte Kenntnissen zur spanischen Kolonialpraxis verfügt, kann Lepore nicht erklären, warum es im spanischen Amerika trotz der Gräuel der Konquista weitaus mehr überlebende Indianer gab als in den britischen Kolonien. Mit Ausnahme von Bartolomé de Las Casas weiß sie nichts von den intensiven theologischen Kontroversen um die natürlichen Eigentums- und Herrschaftsrechte der Indianer, wie sie beispielsweise von Francisco de Vitoria angestoßen worden waren, und die man in Großbritannien deshalb nicht führte, weil Indianer schlicht zur Natur gerechnet wurden, weswegen sie gar nicht erst als eigentumsfähig angesehen wurden.

Liest man weiter, so fällt auf, dass nicht nur die spanische Monarchie verkürzt und einseitig dargestellt wird, sondern mehr noch die britische. Wieder einmal wird die Amerikanische Revolution zu Unrecht als Konflikt zwischen König und Kolonisten dargestellt, obwohl es sich in der Genese um einen Konflikt der Kolonisten mit dem britischen Parlament handelte. Dadurch versteht man dann nicht, warum neben den schwarzen Sklaven und vielen Indianern eine gehörige Anzahl gerade armer, sozial marginalisierter und subalterner Kleinbauern aus dem Hinterland der dreizehn Festlandskolonien erbittert für Krone und Parlament kämpften. Im Gegensatz zu Lepore war ihnen der oligarchische Charakter der amerikanischen Revolution vollkommen bewusst.

Eine Unwucht, die erzählerisch nicht mehr aufgefangen werden kann

Nicht einmal am Rande erwähnt Lepore die gewalttätigen sozialen Konflikten zwischen 1760 und 1798, die nicht unmittelbar mit der Revolution oder der ansonsten im Vordergrund stehenden Sklavenfrage verknüpft waren. An dieser Stelle rächt es sich, dass sie die Rassenbeziehungen narrativ derart konsequent in den Vordergrund stellt, dass soziale Konflikte innerhalb der Weißen erst knapp in den 1830er- und 1840er-Jahren mit der Immigration katholischer Iren und dann nach 1865 ausführlicher behandelt werden. Damit aber entsteht eine Unwucht, die erzählerisch nicht mehr aufgefangen werden kann. Die Ambivalenz der amerikanischen Geschichte umfasst viele Ebenen, und Rassenkonflikte bezeichnen nur eine davon.

Diese Unwucht des Buches verdankt sich nicht etwa einer schlampigen Recherche. Sie entspringt den in der Einleitung dargelegten Grundannahmen zur amerikanischen Geschichte. Sie erweisen sich als tragfähig für die Entwicklungen ab 1865, für die Zeit davor aber oft genug als anachronistisch. Lepore geht davon aus, die Hinwendung der amerikanischen Revolutionäre zum aufgeklärten Naturrecht habe eine entsakralisierte, nichttheologische, gewissermaßen naturwissenschaftliche Herleitung universaler, rational erfassbarer Menschenrechte mit den Idealen von Freiheit und Gleichheit im Zentrum ermöglicht. Zum einen hat aber etwa Michal Rozbicki anhand intensiver Quellenanalysen nachweisen können, dass das Gros der amerikanischen Revolutionäre unter Freiheit etwas ganz anderes, sehr viel begrenzteres verstand als wir Heutigen. Und J. C. D. Clark hat gezeigt, dass der revolutionäre Vordenker Thomas Paine primär der Vergangenheit und nicht der liberalen Zukunft verhaftet war.

"Rechte freier Engländer" statt universale Menschenrechte

Zum anderen klärt Lepore nicht, was überhaupt, abstrakt und zu einem jeweiligen Zeitpunkt, unter Freiheit verstanden wurde. Die Unterscheidung zwischen instrumenteller Freiheit von oder Freiheit zu etwas und einer absolut gesetzten Freiheit des autonomen Subjekts, wie sie erst im Laufe des 18. Jahrhunderts überhaupt denkbar wird, taucht ebenso wenig auf wie die theologisch verortete gnadenbewirkte Freiheit von der Sünde.

Ähnliches gilt für das Gleichheitskonzept. Geht es um Gleichheit der Lebensumstände, Gleichheit vor dem Recht, Gleichheit vor Gott, Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit? Unter der Hand, und das ist erstaunlich für eine Historikerin, führt Lepore einen transhistorischen, überzeitlichen, inhaltlich unbestimmten, essenzialistischen Begriff von Freiheit und Gleichheit ein und folgt damit Thomas Jeffersons ebenso vagen Vorgaben aus der Unabhängigkeitsbegründung, in der beide Zentralwerte im Anschluss an John Locke mehr behauptet als begründet werden.

Wie wenig es den Amerikanern mehrheitlich um ein abstraktes Verständnis von Freiheit und Gleichheit ging, zeigen die Quellen. Sie sprechen bevorzugt von den "Rechten freier Engländer", also von partikularen Bürgerrechten, nicht von universalen Menschenrechten. Vor die Wahl gestellt, die Konzepte zu historisieren oder sie philosophisch zu vertiefen und damit zu relativieren, verweigert Lepore die Diskussion und flüchtet sich in eine inhaltsarme Apodiktik.

Die negativen Effekt dieser Verweigerung lassen freilich nach, je näher die Darstellung an die Gegenwart heranrückt und die sozial und kulturell grundgelegten Intuitionen, die wir in der Gegenwart mit beiden Zentralbegriffen verbinden, besser zu den Quellenaussagen passen. Kurz, den Anspruch des Buches, eine Gesamtdarstellung zur Geschichte der Vereinigten Staaten zu geben, wird man relativieren müssen. Jill Lepore hat eine großartige Geschichte der USA von 1865 bis zur Gegenwart geschrieben, deren Vorgeschichte aber durch ihre weltanschaulichen Prämissen eher verzerrt als geklärt wird.

Michael Hochgeschwender lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2016 veröffentlichte er "Die Amerikanische Revolution. Geburt einer Nation 1763 - 1815".

© SZ vom 04.11.2019/qli
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