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Serie "Reisepioniere":Frau Lotter entdeckt Amerika

Historische Ansicht von Charleston Ende des 18. Jahrhhunderts

Ein Segelschiff erreicht die Stadt Charleston. So ähnlich wie auf diesem im Jahr 1776 gedruckten Kupferstich dürfte die Küste auch bei der Ankunft von Eberhardine Christiane Lotter ausgesehen haben.

(Foto: Library of Congress)

Seekrankheit, Stürme und Würmer im Essen: Die Schiffspassage über den Atlantik war vor 200 Jahren lebensgefährlich - erst recht für eine allein reisende Frau auf der Suche nach ihrem verschollenen Mann.

Eine Reise in die USA ist auch mal über ein verlängertes Wochenende möglich, sofern man sich keine Sorgen um den ökologischen Fußabdruck macht. Keine zehn Stunden dauert von Deutschland aus ein Direktflug an die Ostküste. Kreuzfahrtschiffe sind eine gute Woche unterwegs. Und für die klimaneutrale Variante mit dem Segelschiff brauchte die junge schwedische Aktivistin Greta Thunberg 14 Tage. Keine große Sache also, so eine Atlantiküberquerung.

Als sich Eberhardine Christiane Lotter vor gut 200 Jahren anschickt, den Ozean zu überqueren, sieht das anders aus. Die 39-Jährige aus der württembergischen Kleinstadt Herrenberg hat keine Ahnung, was sie im fernen Amerika erwartet, keine Informationen, wie lange die Reise dauern würde, keine Vorstellung, welche Gefahren drohen.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Und trotzdem macht sie sich auf den Weg. Allein. Nur ihre Schwester ist eingeweiht.

Eine Frau, die Ende des 18. Jahrhunderts ohne Begleitung auf Reisen ging, ist so ungewöhnlich, dass die beiden Historiker Katharina Beiergrößlein und Jürgen Lotterer zunächst Zweifel an der Echtheit des detaillierten Berichts hatten, auf den sie im Stuttgarter Stadtarchiv stießen. "Beschreibung meiner Reise nach Charlestown" ist er betitelt und könnte auch als Abenteuerroman durchgehen. Doch akribische Recherchen ergaben: Eberhardine Christiane Lotter hat diese Reise tatsächlich unternommen. Wie diese Frau aussah, ist nicht überliefert - dafür umso anschaulicher, wie sie sich fühlte, worauf sie hoffte und was sie fürchtete auf ihrer fast einjährigen Reise von Württemberg nach South Carolina und wieder zurück. Weil das so außergewöhnlich ist, hat das Stuttgarter Stadtarchiv "Die Reise der Frau Lotter aus Herrenberg nach America in den Jahren 1786 bis 1787" nun mit ausführlichen Anmerkungen und Erläuterungen der beiden Historiker als Buch herausgegeben.

Frauen als Reise-Pioniere

Räuber, Sümpfe, wilde Tiere? Nichts wie hin!

"Frau Lotter reist allein und autonom, und sie reflektiert über dieses Reisen. Das ist für das späte 18. Jahrhundert ein ausgesprochen seltener Fall", sagt Jürgen Lotterer. Zwar gibt es aus jener Zeit auch Reiseberichte von Frauen. Aber diese Autorinnen seien "wohlbehütet und von vornherein und durchgehend in - meist männlicher - Begleitung" unterwegs gewesen.

Abenteuerlust war es ganz sicher nicht, die Eberhardine Lotter aufbrechen ließ. Ein Jahr zuvor ist ihr Mann mit seinen Kaufmannsgeschäften gescheitert und nach Amerika ausgewandert, um "seines Glückes Besserung zu suchen", wie sie schreibt. Die Frau bleibt mit den drei kleinen Töchtern in Württemberg, "die Furcht vor der weiten Reise, vor dem Wasser, die Ungewißheit des dort zu findenden Glücks, und die Liebe zu meinen 3 noch zarten Kindern, die ich den Gefahren einer so beschwerlichen Reise nicht aussetzen mochte, hielten mich zurück".

Das ändert sich, als Gatte Tobias Gottlieb bald nichts mehr von sich hören lässt - weder in Form von Nachrichten noch in Form von Geld. Ganz ähnlich ergeht es Eberhardine Lotters Schwester. Auch deren Mann ist in Amerika abgetaucht und die beiden Frauen haben den Verdacht, dass für den versiegten Nachrichtenfluss nicht nur die Post verantwortlich ist. "Um sie nun in ihrem Leichtsinn zu stören, sie an ihre Gattinnen und Kinder, und die Pflichten gegen sie zu mahnen, Unterstützung zu erhalten und für die folgende Zeit zu sichern, fassten wir den Beschluß, daß eine von uns beiden zu ihnen nach Amerika reisen sollte" - in ein Land, das sich nach Ende des Unabhängigkeitskriegs gegen Großbritannien gerade als Vereinigte Staaten von Amerika konstituierte. Bei der Gelegenheit, so der Plan, lasse sich auch leichter entscheiden, ob dieses Land ein geeigneter Aufenthaltsort für eine schwäbische Familie wäre.

Reisepioniere "Ich dachte, ich erreiche den Gipfel nie"
Reisepionierin Amelia Stewart Knight

"Ich dachte, ich erreiche den Gipfel nie"

Amelia Stewart Knight reiste 2000 Meilen im Planwagen auf dem Oregon Trail in den Wilden Westen, durch reißende Flüsse und über die Rocky Mountains - mit sieben Kindern und schwanger mit dem achten.   Von Katja Schnitzler

Am 15. Juni 1786 bricht Eberhardine Lotter auf. Heimlich, damit niemand auf die Idee kommt, sie zurückzuhalten. Ihre Kinder, neun, vier und zwei Jahre alt, bringt sie unter einem Vorwand bei verschiedenen Verwandten unter. Schon die knapp 700 Kilometer bis zur Küste sind ein Abenteuer: Zu Fuß, mit der Postkutsche und mit dem Schiff geht es über Frankfurt nach Köln und weiter nach Rotterdam. Was die Reisende am meisten beschäftigt, ist die Frage: Wie sind die Zufallsbekanntschaften einzuschätzen, die sie unterwegs macht? Mancher wird unangenehm zudringlich, mancher hilft der unerfahrenen Alleinreisenden. Aus Freundlichkeit? Oder doch mit unlauteren Absichten? Könnte es einer der berüchtigten "Seelenverkäufer" sein?

Denn unter den Daheimgebliebenen hat sich einiges herumgesprochen über die Umstände und Risiken der Auswanderung. Über jene Geschäftemacher zum Beispiel, von denen man sich, wenn das eigene Geld nicht reicht, die Schiffspassage über den Atlantik bezahlen lassen kann. Natürlich nicht ohne Gegenleistung: Nach der Ankunft muss der Kredit unter oft ausbeuterischen Bedingungen abgearbeitet werden. 130 Gulden hat Eberhardine Lotter dabei, eingenäht in ihr Hemd. Das Geld reicht gerade, um ohne fremde Hilfe die Reise antreten zu können. 100 Gulden verlangt der Kapitän, rund 30 Gulden hat die Anreise gekostet. Nur ein paar Münzen hat sie noch in der Tasche, als sie in Rotterdam an Bord der Dispatch geht.

Für Vorräte hatte sie kein Geld mehr

Die Passagierliste des Segelschiffs liegt in den Pennsylvania State Archives und lieferte den Historikern im Stuttgarter Stadtarchiv den Beweis, dass die ungewöhnliche Reise der Frau Lotter tatsächlich stattgefunden hat: Darauf ist ihr Name verzeichnet, außerdem berichteten Zeitungen in den Niederlanden und in den USA von Abfahrt und Ankunft der Dispatch.

"Bauern und Handwerksleute mit ihrem Familien" trifft Eberhardine Lotter an Bord, mit einer Zimmermannsfamilie teilt sie die Kabine. Finanzielle Sorgen, die Hoffnung auf Wohlstand, manchmal auch religiös motivierte Repressionen lassen die Menschen ihre Heimat verlassen. Noch ist die Zahl überschaubar, die große Welle sollte erst rund 50 Jahre später einsetzen: Zwischen 1830 und 1930 wanderten geschätzt sechs Millionen Deutsche in die USA aus.

Viele der Mitreisenden schleppen Säcke mit Verpflegung an Bord der Dispatch, bevor das Schiff am 2. Juli 1786 in Rotterdam ablegt. Eberhardine Lotter hat dafür kein Geld mehr. Kein Grund zur Sorge, denkt sie sich, die Verpflegung sollte schließlich im Preis inbegriffen sein: "Die Unwissenheit dessen, was mir bevorstand, machte mich in dieser Hinsicht sorglos."

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