"Die Geschichte der getrennten Wege" Elena Ferrante gehört zu den besten Geschichtenerzählern unserer Zeit

Ferrante malt die Milieus ihres Romans farbig aus, vom Rione, dem Elendsviertel Neapels, bis zur Verlags- und Universitätsszenerie in Mailand und Florenz.

(Foto: Johannes Simon)

Der dritte Band ihres Romanzyklus' spielt im Italien der Siebzigerjahre, einer Zeit voll politischer und krimineller Gewalt - von links, von rechts und von der Mafia.

Von Martin Ebel

Die Qualität einer Ware bemisst sich danach, wie gut sie sich verkauft. Dieser Hauptsatz des Kapitalismus gilt in der Literatur nicht. Eine besonders gesinnungsstarke Fraktion der Literaturkritik geht so weit, nur seiner Umkehrung Gültigkeit zu bescheinigen. Was die Masse goutiert, könne nichts taugen; die Qualität eines literarischen Werks erweise sich vielmehr in seiner Schwierigkeit, Unzugänglichkeit, Exklusivität. Nun ist es ein Kennzeichen guter Literatur, dass sie alle Hauptsätze durch ein einziges Gegenbeispiel aushebeln kann - alle Hauptsätze und auch ihre Umkehrungen.

Elena Ferrantes "Die Geschichte der getrennten Wege", der dritte Band der neapolitanischen Saga um die Freundinnen Elena und Lila, ist direkt nach Erscheinen an die Spitze der Bestsellerliste geschossen, und Band eins und zwei stehen immer noch auf der Liste. Wer nicht das Brett des Umkehrungssatzes vor dem Kopf hat, wird zugeben müssen, dass der neue Band den vorangehenden an literarischer Qualität in nichts nachsteht, im Gegenteil. Wer immer das geschrieben hat - das Gerede und Geraune, wer hinter dem Pseudonym steht, ist nach der Enthüllungsstory, der Empörung darüber und dem Dementi zum Glück verstummt -, gehört zu den besten Wortkünstlern, Menschengestaltern, Geschichtenerzählern unserer Zeit.

Wer hinter dem Phantom Elena Ferrante steckt - eine Typologie

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Was die breite Leserschaft fasziniert, ist nicht schwer zu erklären. Es ist das komplizierte Frauen-Doppel-Schicksal in einer aufregenden Zeit (diesmal von 1968 bis 1976) voll politischer und krimineller Gewalt, linksterroristischer, faschistischer, Mafia-Gewalt; eingebettet in ein umfangreiches Personen-Tableau und verschiedene farbig ausgemalte Milieus, vom Rione, dem Elendsviertel Neapels, bis zur Verlags- und Universitätsszenerie in Mailand und Florenz.

Lilas Genialität ist zugleich ihr Fluch

Elena, Namenscousine des Autorenpseudonyms und Ich-Erzählerin aller vier Bände, stammt wie ihre Freundin Lila aus der Unterschicht, hat aber eine höhere Schulbildung bekommen und konnte in Pisa studieren. Am Ende des zweiten Bandes ist ihr erster Roman erschienen. Jetzt, im dritten, heiratet sie Pietro, einen Altphilologen am Beginn seiner Hochschulkarriere, bewegt sich in besseren Kreisen, wird zweifache Mutter und findet sich im goldenen Käfig eines bürgerlichen Hausfrauendaseins wieder.

Lila wiederum, Tochter des Schumachers, hatte nach der fünften Klasse von der Schule abgehen müssen und einen eigenen Weg aus Enge und Elend gesucht, über das Geld. Mit 16 heiratet sie den gut verdienenden, aber brutalen Stefano Caracci, verlässt diesen wieder, stürzt sich in eine Amour fou mit dem charmanten Windhund Nino, die bald ihr Ende findet. Am Ende von Band zwei ist sie als Arbeiterin in einer Wurstfabrik gelandet, wieder ganz unten. In "Die Geschichte der getrennten Wege" arbeitet sie sich dort wieder heraus und in die Methoden des Programmierens ein - wir befinden uns in der Computer-Steinzeit. Schließlich wird sie zur Leiterin eines Lochkartenzentrums, angestellt und gut bezahlt ausgerechnet von Michele Solara, dem dämonischen Camorrista der Saga, der nach und nach den ganzen Rione von sich abhängig macht.

Lila hasst Michele. Dieser ist scharf auf sie, seit sie einst, noch ein spilleriges Mädchen, seinem großen Bruder Marcello ein Schustermesser an die Kehle gesetzt und keinen Zweifel daran gelassen hatte, dass sie es auch gebrauchen würde. Natürlich würde er Lila auch gern ficken (wie es in der unverblümten Rione-Diktion heißt), so wie die 122 anderen Geliebten, derer er sich sogar vor seiner Frau rühmt. Aber Michele hat begriffen, was in Lila steckt: Sie hat "wie niemand sonst etwas Lebendiges im Kopf, etwas Starkes, das hin und her springt". Sie begreift schneller als jeder andere, kombiniert besser, denkt eigenständiger und kompromissloser. Sie, die Schulabbrecherin, hatte Elena beim Lernen geholfen, hatte sie gepusht, immer schon viel weiter in Gedanken als die disziplinierte, konventionelle, brave Freundin. Doch Lilas Begabung, ihre Genialität - das Attribut legitimiert sich vom Obertitel der ganzen Saga - ist auch ihr Fluch.

Sie verursacht eine tiefe Unzufriedenheit und quält sie bis zum Zerbrechen: Ihr Kopf droht zu platzen, sie fühlt sich "wie ein Rohr, wenn das Eis gefriert". Vor allem kollidiert sie mit den Verhältnissen, geprägt von struktureller und buchstäblicher Gewalt, von der Macht der Patrone, der Männer, der Mafia, die sich letztlich als stärker erweisen als Intellekt, Fantasie und Aggressivität, ihre Waffen. Indem sie Micheles Werben nachgibt, der ihre Begabung "kaufen will wie Perlen oder Diamanten", geht sie einen Teufelspakt ein, allerdings einen, bei dem sich der Leser gespannt fragt, wer der Teufel und wer die arme Seele ist.