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Deutsche Nominierungen für den Oscar 2013:Mit der DDR Staat machen

Faszination Diktatur: Den letzten Auslandsoscar für Deutschland holte Florian Henckel von Donnersmarck mit dem Stasi-Film "Das Leben der Anderen". 2013 bewerben sich acht deutsche Filme und wieder ist die autoritäre Vergangenheit des Landes das vorrangige Thema. Welchen Film sollten die Experten für Los Angeles vorschlagen?

Kandidaten in Bildern

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Quelle: Piffl Medien

Faszination Diktatur: Den letzten Auslandsoscar für Deutschland holte Florian Henckel von Donnersmarck mit dem Stasi-Film "Das Leben der Anderen". Für den Academy Award 2013 bewerben sich nun acht deutsche Filme, und wieder ist die autoritäre Vergangenheit des Landes das vorrangige Thema. Welchen Film sollten die Experten für Los Angeles vorschlagen? Die Wahl fällt am heute Abend.

"Barbara" von Christian Petzold

Ganz langsam erst sickern die Zeichen der Zeit in die Bilder dieses Films, kann man verorten, wovon Regisseur Christian Petzold hier erzählt: Es sind die Achtziger, Barbara kommt in ein Dorf in der DDR, strafversetzt aus der Berliner Charité. Sie wollte in den Westen, zu ihrem Freund, Antrag abgelehnt.

Barbara wird gespielt von Nina Hoss, und sie gibt sich unzugänglich, sie ist misstrauisch und skeptisch. Sie ist selbst der ständigen Überprüfung ausgesetzt, und sie prüft zurück. André (Ronald Zehrfeld), ihr neuer Vorgesetzter, versucht sich mit Barbara anzufreunden, und das macht sie erst einmal richtig misstrauisch: Die DDR hat alles in ihrem Dasein definiert, und sie definiert auch ihr Verhältnis zu anderen Menschen. Doch sie ist Ärztin. Mit der selben Sturheit, die zu einer Unfügsamen macht, widmet sie sich ihren Patienten, und die sind nun mal in der DDR. Nach und nach kommt sie in ihrer eigenen Gegenwart an.

Nicht ohne weiter mit Schwierigkeiten konfrontiert zu werden: Im Keller hat Barbara ein altes Fahrrad gefunden, dass sie repariert, ein Stückchen Freiheit - damit haut sie ab, fährt durch die Felder, zu heimlichen Treffen mit dem Freund aus dem Westen.

Es entsteht ein Nebeneinander: die unfassbare Weite, die überwältigende Schönheit der Landschaft, die sie da durchkreuzt. Und dann kommt sie nach Hause, wo schon die Stasi-Leute warten. Hier beginnt ein hässliches Ritual, ein Spiel der Macht und der Erniedrigung: Die Männer verwüsten ihre schäbige Wohnung, und eine Frau ist immer dabei, die sie im Badezimmer erwartet, sich Gummihandschuhe überstreift.

Die Mechanik des Terrors funktioniert gnadenlos, doch wie Barbara trotzdem ihren eigenen - ganz individuellen - Weg findet, das war preiswürdig: Bei der Berlinale wurde Christian Petzold mit dem "Silbernen Regie-Bären" ausgezeichnet und beim Deutschen Filmpreis mit der "Silbernen Lola" für den besten Film. Reicht es nun auch für eine Oscar-Nominierung?

Nina Hoss als Barbara und Ronald Zehrfeld als Andre

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Deutsche Nominierungen für den Oscar 2013:"Die verlorene Zeit" von Anna Justice

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Quelle: Movienet Film

"Die verlorene Zeit" - das komplexe, mehrere Epochen überspannende Drama von Anna Justice ("Max Minsky und ich") hat seine intensivsten Szenen am Anfang: Die Berliner Jüdin Hannah und der Pole Tomasz (Alice Dwyer und Mateusz Damiecki) lieben sich und planen die Flucht aus dem KZ. Sie sterben beide fast, doch als sich die Gelegenheit bietet, fliehen sie.

In den Wäldern sind sie aber längst nicht in Sicherheit: Nicht einmal Tomaszs Mutter (die vor kurzem verstorbene Susanne Lothar) hilft ihnen. Sie ist Antisemitin, und ihre Lüge wird später dazu führen, dass sich die beiden, die sich in den Wirren verlieren, gegenseitig für tot halten. Dann, 1976, am Tag der Hochzeit von Hannahs Tochter in New York, entdeckt sie Tomasz im Fernsehen.

Der gefeierte Kameramann Michael Ballhaus hat sich an dem Projekt als Associate Producer beteiligt. Entsprechend ästhetisch interessant ist "Die verlorene Zeit" geworden. Auch wie der Soundtrack Hannah und Tomasz begleitet, in den Zeiten der gegenseitigen Nähe, auch in der schier unendlich langen Zeit der Trennung, ist gelungen. So kommt es, dass ein mal wieder ein deutscher Film mit NS-Problematik um den Oscar konkurrieren könnte.

Alice Dwyer als Hannah und David Rasche als ihr Mann Daniel

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Deutsche Nominierungen für den Oscar 2013:"Hannah Arendt" von Margarethe von Trotta

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Quelle: Heimatfilm

Wenn Gedanken dahin führen, wo sie wehtun: Obwohl sie selbst als Jüdin vor den Nazis fliehen musste, versuchte Hannah Arendt Adolf Eichmann uneingenommen wahrzunehmen, als sie als amerikanische Reporterin 1961 am Eichmann-Prozess in Jerusalem teilnahm. Die Philosophin und Schriftstellerin wollte durch den Prozess den Charakter des verantwortlichen Nazis verstehen. Zu diesem Zweck protokollierte sie akribisch das Verfahren, das weltweit für Aufsehen sorgte.

Ihre Erkenntnisse beschreibt sie in dem umstrittenen Buch "Eichmann in Jerusalem - Ein Bericht von der Banalität des Bösen", das auf viel Unverständnis stößt. Denn wie der Titel schon anklingen lässt, betrachtet Arendt den SS-Obersturmbannführer nicht als das große Monster, das er als Organisator des Holocaust zu sein scheint. Vielmehr sieht sie in ihm einfach nur einen Täter, der seine Befehle bestmöglich ausführen wollte. Diese Sicht der Dinge bezahlt Arendt teuer - Freunde lösen sich von ihr und die Öffentlichkeit straft sie mit Ächtung und Ausgrenzung. Doch sie bleibt standhaft, ihr geht es um Verstehen und Erkenntnis. 

Diese Haltung vertrete auch sie, sagte Margarete von Trotta im Frühjahr 2012, um die Motivation für ihren Film auf der historischen Grundlage zu erklären: "Ich möchte nicht verurteilen, ich möchte wissen, wo etwas herkommt." Sollte der Film mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle im Februar 2013 um den Oscar konkurrieren, wäre er einem breiten Publikum in Deutschland erst seit kurzem bekannt - er soll erst im kommenden Januar in die Kinos kommen.

Hannah Arendt (Barbara Sukowa) im Bus während des Eichmann-Prozesses.

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Deutsche Nominierungen für den Oscar 2013:"Hotel Lux" von Leander Haußman

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Quelle: Constantin Film Verleih

Die Einfälle dieser Komödie zünden selten in lautem Gelächter, es geht um ein ernstes Thema: Das Moskauer Hotel Lux war seit 1921 Unterkunft und Fluchtpunkt für kommunistische Emigranten, die den Schutz der Sowjetunion suchten, um der Repression in ihren Heimatländern zu entgehen - unter den Deutschen zum Beispiel die Herren Wehner und Ulbricht.

Der Schutz allerdings endete mit den Massenverhaftungen, die Stalin zwischen 1936 und 1938 durchführen ließ, und die auch durch das Hotel Lux trafen.

Der Film wiederum sucht diese Atmosphäre der allgegenwärtigen Paranoia, um den Hotelaufenthalt einmal im Detail zu betrachten. Modellgast ist Hans Zeisig, gespielt von Michael Herbig, der dem Komödianten Bully Herbig in dieser Rolle vergleichsweise wenig Raum gibt. 

Und das, obwohl Herbig diverse Identitäten annimmt und sich gelegentlich sogar einen Stalin-Schnauzer anklebt. All das aber sind nur Verkleidungen eines Komödianten, der in diesem Film die Menschheit auf der Flucht repräsentiert, auf der Flucht und gleichzeitig bei einem Hochseilakt.

Plötzlich wird er zum Wahrsager Stalins, womit er sich zwar ein wenig Sicherheit erkauft, aber auch eine sehr zweischneidige Aufgabe einhandelt - jetzt muss er den Diktator in allen Fragen des Terrors beraten. Diese Sitzungen verlaufen konspirativ, bei laufenden Wasserhähnen, Stalin auf dem WC-Deckel sitzend, der Übersetzer bald erschossen hinterm Duschvorhang. Weltgeschichte, einmal konsequent durch die Klobrille gesehen.

Keineswegs verschlüsselt lässt Regisseur Leander Haußmann in seinem Film eine sympathische Sehnsucht nach Lubitsch, nach Chaplin, womöglich nach Buñuel erkennen; nach Regisseuren also, die die Mittel der Komödie genutzt haben, um einen Kommentar zu politischen Systemen abzugeben. So etwas hätte man hierzulande gern schon in den sechziger Jahren gesehen, mitten im deutschen Verdrängungskino. Vielleicht hätte das die deutsche Filmgeschichte etwas kapriziöser gestaltet. Ob einer im Strudel gefährlicher politischer Umwälzung unpolitisch bleiben kann - das ist eine der Fragen, die in "Hotel Lux" gestellt wird. 

Die beiden Komödianten Siggi Meyer (Jürgen Vogel, links) und Hans Zeisig (Bully Herbig) in der Maske. 

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Deutsche Nominierungen für den Oscar 2013:"Abschied von den Fröschen" von Ulrike Schamoni

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Quelle: SZ

"Der Professor hat mir das Schlimmste ausgemalt, aber ich hoffe, dass es nicht so weit kommen wird." Ulrich Schamoni sprach diesen Satz am 25. November 1996 in die Kamera. Diagnose: Leukämie.

Der 56-jährige Medienunternehmer und frühere Regisseur beginnt ein Videotagebuch, das er bis zu seinem Tod am 9. März 1998 führen wird. 170 Stunden Homemovie-Material, aus dem seine Tochter Ulrike das anrührende Porträt "Abschied von den Fröschen" geschaffen hat. Es folgt Leitmotiven, beispielsweise mit Szenen aus den Spielfilmen des Vaters und Archivaufnahmen.

Mel Brooks erscheint in der Villa, eine Wochenschau der Sechziger verkündet: "Am Pool der Schamonis trifft sich der Junge Deutsche Film!"

Der junge Ulrich räkelt sich auf dem Sofa und erklärt kokett: "Ich würde gern etwas tun für den Fortschritt der Menschheit."

Er war berühmt für seine Beschwörungen der Dolce Vita. Er wusste, dass Müßiggang der Quell aller schöpferischen Phantasie ist. Im Gruppenbild des Jungen Deutschen Films war er der Chef-Exzentriker.

"Abschied von den Fröschen" folgt den Jahreszeiten. Die Schatten der Krankheit werden immer länger und dunkler, aber Schamonis Wille, mit trockenem Witz dagegenzuhalten, bleibt ungebrochen.

Einmal geht er an den Plattenspieler, legt Beethovens "Eroica" auf. Am Nachbargrundstück veranstalten Bagger und Planierraupen einen Höllenlärm: "Dagegen komme ich mit meinem Furtwängler nicht an." Den Oscar hatte er damals wahrscheinlich nicht im Sinn - doch um diese höchste Auszeichnung für einen Filmschaffenden konkurriert er jetzt womöglich post mortem mit seinem Material.

Der junge Ulrich Schamoni auf der Récarniere.

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Deutsche Nominierungen für den Oscar 2013:"Die Kriegerin"

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Quelle: Ascot Elite Filmverleih / Alexander Janetzko

David Wnendts Neonazi-Film "Die Kriegerin" zeichnet ein Bild der rechtsradikalen Subkultur in einer ostdeutschen Kleinstadt: Der Sex findet unter einer großen Hakenkreuzflagge statt, brutal verprügelt werden gleich zu Beginn vietnamesische Zugfahrgäste von einer Neonazi-Clique, und deren Partys erscheinen wie Initiationsriten in eine höllische Skinhead-Religion aus Hass, Gewalt und Vulgarität.

Mitten drin: Die beiden jungen Heldinnen, Marisa (Alina Levshin) und Svenja (Jella Haase), die durch ein wild bewegtes Szenario jagen und dabei durchaus einige Momente eindrucksvoller darstellerischer Intensität finden. 

Doch Wnendts Drama wurde vorgeworfen, zu wenig über die näheren Zusammenhänge zu vermitteln. Wie funktionieren die Neonazi-Strukturen am Ort, personell und ideologisch? Wie kann es sein, dass ein 15-jähriges Mädchen - Einserschülerin und einem bürgerlichen Milieu entstammend - plötzlich Hass-Punk "geil" findet? Die Erklärungen fallen in "Die Kriegerin" etwas platt aus: Der 15-jährigen Svenja wird ein supersadistischer Stiefvater irgendwie zum "Nazibraut"-Verhängnis, der 20-jährigen Marisa eine hilflose alleinerziehende Mutter und ein Altnazi-Großvater.

"Die Kriegerin" ist bereits etliche Male prämiert worden, unter anderem erhielt David Wnendt den Regienachwuchspreis des Bayerischen Filmpreises 2011 und die bronzene Lola beim Deutschen Filmpreis 2012. Für ihre Verkörperung der Marisa wurde Alina Levshin mit dem Deutschen Filmpreis für die beste Hauptdarstellerin 2012 ausgezeichnet.  Vielleicht sind die vielen Preise ein gutes Omen für eine Oscar-Nominierung.

Neo-Nazis in Ostdeutschland: Sandro (Gerdy Zint, links) und Marisa (Alina Levshin).

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Deutsche Nominierungen für den Oscar 2013:"Schutzengel" von Til Schweiger

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Quelle: Warner Bros. GmbH

Als Regisseur trat Til Schweiger bislang in Komödien ("Kokowääh", "Zweiohrküken") in Erscheinung - nun versucht sich der Schauspielstar (international u.a. bereits in "Inglourious Basterds" aufgetreten) an einem Action-Drama: Die junge Nina (gespielt von Schweigers Tochter Luna) wird Zeugin eines furchtbaren Verbrechens. Der mächtige Geschäftsmann Thomas Backer (Heiner Lauterbach) will die Mitwisserin aus dem Weg räumen und hat eine Reihe von Killern auf sie angesetzt.

Da kommt der ehemalige KSK-Soldat Max (Til Schweiger) gerade recht, um sie zu beschützen. Das Verhältnis der beiden zueinander ist allerdings problematisch: Max ist Einzelgänger, und die Vollwaisin Nina hat sich noch nie einem Erwachsenen anvertraut. Mit der Zeit wächst das Vertrauen zwischen Schützer und Beschützter. Hilfe bekommen sie schließlich durch Sara, die Ex-Freundin von Max (Karoline Schuch), die sich im Verlauf der Flucht durch ihre Position als Staatsanwältin nützlich machen kann.

Der Film läuft in Deutschland Ende September an, dann wird auch klar sein, ob er Deutschland im kommenden Februar bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles vertreten wird.

Luna und Til Schweiger

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Deutsche Nominierungen für den Oscar 2013:"This ain't California" von Martin Persiel

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Quelle: SZ

Sie lebten die Utopie der reinen und unbegrenzten Skater-Bewegung und das mitten in einem autoritären Regime. "This ain't California" von Marten Persiel soll eine Dokumentation über die Skateboardszene in der DDR der achtziger Jahre sein, über die freie Zirkulation und freie Liebe.

Auf der Berlinale 2012 lief Persiels Film und wurde mit dem Dialogue-en-Perspective-Preis ausgezeichnet - "für seine visuelle Kraft und seinen stilsicheren Schnitt", wie die Jury ausführte. Weitere Preise gab es in München und Cannes, obwohl nach der Premiere des Films auf der Berlinale Zweifel aufkamen, wie dokumentarisch die Geschichte der Hauptfigur - des jugendlichen Skaters Denis "Panik" Paracek - tatsächlich ist.

Zu perfekt erschien die Bildsprache der heutigen Zeit zu entsprechen, als dass sie tatsächlich der DDR der achtziger Jahre entstammen könnte. Gestellte Szenen in Dokumentationen sind zwar kein Problem, so lange darauf hingewiesen wird, doch diese Transparenz fehle bei  "This ain't California", wurde den Machern des Films vorgeworfen.

Dass diese Diskussion die Chancen für eine Oscar-Nominierung schmälert, kann nicht ausgeschlossen werden. Aber vielleicht lassen sich die Experten von "german films" auch von der unerhört neuen ästhetischen Erfahrung der Ostberliner Szene-Veteranen beeindrucken, die der Film transportiert.

© Süddeutsche.de/pak/ihe/bavo

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