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"Der große Trip - Wild" im Kino:Auf dem Kreuzweg

Der große Trip - Wild

Ungeschminkt durch die Wildnis: Reese Witherspoon entflieht nach einer Zeit voller Sex und Drogen der Zivilisation. Dafür wurde sie zum zweiten Mal für einen Oscar nominiert.

(Foto: Twentieth Century Fox)

Reese Witherspoon lotet in "Der große Trip" Grenzerfahrungen aus. Aber so ambitioniert das Projekt ist, der Film wird schnell zur Nummernrevue. Und sein größtes Problem ist, dass sein Sujet schon ziemlich gut bearbeitet wurde.

Von Anke Sterneborg

Es gibt viele Gründe, der Zivilisation zu entfliehen und die Einsamkeit der Wildnis zu suchen, von Trauma-Verarbeitung bis Sinnsuche. Die Australierin Robyn Davidson wanderte 1977 mit vier Kamelen und einem Hund 2700 Kilometer von Alice Springs quer durch die Wüste bis an die Küste des Indischen Ozeans. Anfang der Neunzigerjahre suchte Cheryl Strayed Erlösung vom selbstzerstörerischen Pfad, den ihr Leben nach dem frühen Krebstod ihrer Mutter genommen hatte, auf den knapp 2000 Kilometern des Pacific Crest Trail, der von der Mojave-Wüste nach Oregon führt.

Solche existenziellen Erfahrungen sind allemal ein guter Stoff für autobiografische Berichte und ihre anschließenden Verfilmungen. Dass sie derzeit so oft zu Bestsellern und Erfolgsfilmen werden, zu denen auch diverse Jakobsweg-Wanderungen gehören, sowie dramatische Zuspitzungen wie "All is Lost", "The Life of Pi" und "127 Hours", muss man als Symptom einer immer rasanteren, komplizierteren, lauteren Welt deuten. Grenzerfahrungen in der Einsamkeit sind gefragt, wenn auch für die meisten Menschen eher aus zweiter Hand.

Die Verfilmungsrechte für Cheryl Strayeds Reisebericht hat sich Reese Witherspoon schon vor dem Erscheinungstermin im Jahr 2012 gesichert, offensichtlich mit dem Wunsch, ein bisschen mehr gefordert zu werden, als Hollywood ihr derzeit zugestehen mag. Als Regisseur für "Der große Trip" gewann sie den Kanadier Jean-Marc Vallée, der schon in "Dallas Buyers Club" die Biografie eines Überlebenskämpfers in Szene gesetzt hatte.

Das Drehbuch zu dieser episodisch aufgebauten Lebensreise schrieb Nick Hornby. Das Pech all dieser ambitionierten Filmemacher ist, dass John Curran mit "Spuren", seiner Verfilmung von Robyn Davidsons Wüstentrip mit Mia Wasikowska im Vorjahr, das Sujet schon ziemlich gut bearbeitet hat.

Oscar-Nominierungen für Reese Witherspoon und Laura Dern

In Strayeds Memoiren ist die physische Erfahrung auf dem unwegsamen Wanderweg mit Rückblenden auf ihr wechselhaftes Leben verwoben, das nach dem frühen Krebstod der Mutter (Laura Dern) ein wilder Selbstzerstörungstrip mit schnellem Sex und harten Drogen war. Im Kontrast zum hypnotischen Sog, den die australische Wüste in "Spuren" entwickelte, wirkt dieses Abenteuer manchmal wie eine Nummernrevue an einem persönlichen Kreuzweg entlang.

Reese Witherspoon ist das nicht anzulasten, sie spielt im wahrsten Sinne des Wortes ungeschminkt und wurde dafür zum zweiten Mal für einen Oscar nominiert, zusammen mit Laura Dern für die beste Nebenrolle als ihre Mutter.

Wild. USA 2014. Regie: Jean-Marc Vallée. Buch: Nick Hornby nach Cheryl Strayeds Memoiren: "Wild: Lost and Found on the Pacific Crest Trail". Kamera: Yves Bélanger. Schnitt: Martin Pensa, Jean-Marc Vallée. Mit: Reese Witherspoon, Laura Dern, Thomas Sadoski. Verleih: Fox Deutschland, 115 Minuten.

© SZ vom 19.01.2015/danl
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