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Datenskandal:Den Datenkapitalismus organisieren wie den Handel mit Emissionsrechten

Facebook-Chef Mark Zuckerberg sagte schon vor Jahren, dass Privatsphäre nicht länger eine "soziale Norm" sei. Die "Privatsphäre"-Einstellungen auf Facebook sind lediglich ein Hahn, mit dem man den Datenfluss in einer überwachungskapitalistischen Fabrik regulieren, aber nicht abdrehen kann. Fragen der Privatsphäre oder des Datenabflusses an Drittparteien wie Cambridge Analytica sind in diesem Kontext bloß externe Effekte wie Umweltverschmutzung oder der Klimawandel, die in den Bilanzen der Tech-Konzerne gar nicht auftauchen und für die sie nicht oder nur bedingt geradestehen. Doch müssten Plattformbetreiber für Datenlecks verantwortlich gemacht werden, so wie Ölplattformen für austretendes Öl haften?

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Wenn die Emission persönlicher Daten externe Effekte wie Treibhausgase sind, müsste man das Problem freilich auch ökonomisch lösen. In der Wirtschaft gilt das Verursacherprinzip. Gewiss, die Daten produziert der Nutzer, aber es wäre unbillig, dem Einzelnen eine Verantwortung aufzubürden, wo seine Daten landen. Das liegt nicht in seinen Händen, weil er sie im Moment der Produktion bereits abtritt. Vielmehr müssten die Internetkonzerne dafür Sorge tragen, dass die Daten, die sie mit Algorithmen zu Informationen raffinieren, sicher sind. Es gibt schon länger Überlegungen, Technologieunternehmen wie Ölkonzerne zu regulieren und Datenverschmutzung der Umweltverschmutzung rechtlich gleichzustellen.

Erstens: Datenschutz ist eine globale Aufgabe, die alle angeht

Der Datenschützer Marc Rotenberg, Präsident der Datenschutzorganisation EPIC (Electronic Privacy Information Center), sagte schon in den Neunzigerjahren, als der Siegeszug des Internets noch gar nicht absehbar war, in einem Interview mit der New York Times, dass der Schutz der Privatsphäre im Informationszeitalter mehr wie der Umweltschutz im Industriezeitalter zu denken sei. Man könne es nicht lösen, sondern nur managen. Aus dieser Analogie lassen sich vier Schlüsse ziehen.

Erstens: Datenschutz ist eine globale Aufgabe, die alle angeht. Wer Informationen von sich preisgibt, gibt auch Daten von anderen (Freunden und Familie) von sich preis, mit denen wir interagieren und die dies unter Umständen gar nicht wollen. Zweitens: Das gestrige Biedersinnargument "Ich habe nichts zu verbergen" ist genauso egoistisch wie der Spruch "Was geht mich die Umwelt an?", weil es die informationellen Interdependenzen verkennt. Drittens: Jeder sollte darauf achten, wie viel Daten er emittiert. Viertens: Zu viele Daten können das Informationssystem verschmutzen, wie das Problem der Fake News zeigt. Die Inflation der (Meta-)Daten hat dazu geführt, dass wir immer weniger Informationen über die Information haben und Wahrheit entwertet wird.

Diese Überlegungen münden in der Erkenntnis, dass eine rein juridisch verfasste Datensparsamkeit beim Schutz von Persönlichkeitsrechten nicht ausreicht, sondern dass wir in einem Moment, wo das Internet der Dinge allmählich auch den menschlichen Körper ans Netz nimmt (zum Beispiel mit smarten Herzschrittmacher oder smarten Pillen), so etwas wie einen ökologischen Umgang mit Daten brauchen, der a priori überlegt, ob Daten überhaupt emittiert werden müssen oder sie auf digitalen Müllhalden zu unserem Nachteil recycelt werden.

Vielleicht sollte man den Datenkapitalismus wie den Emissionsrechtehandel organisieren, wo jeder Emittent nur eine bestimmte Datenmenge freisetzen darf und Schürfrechte an einer Börse handeln kann. Das hätte über den Charme einer Marktlösung den Vorteil, dass man Datenschutz nicht von der Nutzung, sondern von der Generierung her denkt und ihr Grenzen setzt. Nur so lässt sich langfristig die Integrität von Informationen und Informationsträgern sichern. Selbst wenn nur die Hälfte der menschlichen Information aus dem Medium Körper ausgelesen wird, ist das Konzept der Identität verbraucht - und zwar unwiederbringlich.

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