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"Das Vorspiel" im Kino:Ein Hang zur Tyrannei

Nina Hoss in "Das Vorspiel".

Erste Geige: Nina Hoss als Anna in "Das Vorspiel".

(Foto: Port-au-Prince/24 Bilder)

Nina Hoss spielt im Musikthriller "Das Vorspiel" von Regisseurin Ina Weisse eine Geigenlehrerin kurz vor dem Ausbruch.

In der Theorie ist Anna ein warmherziger Mensch. Ein Junge, Alexander, hat auf der Geige vorgespielt, um an dem Musikgymnasium aufgenommen zu werden, an dem sie arbeitet. Er ist nicht perfekt, aber, so argumentiert Anna, das muss er ja auch nicht sein. Um ihm die Technik beizubringen, die Haltung, das Tempo, dafür sei sie ja da. Aber da ist etwas Distanziertes in ihrem Tonfall, das zu den Worten gar nicht recht passt. Eine widersprüchliche Frau, die allen irgendwie entfremdet bleibt, vor allem sich selbst.

Nina Hoss spielt Anna, und man kann sich gar nicht vorstellen, dass eine andere Schauspielerin es gekonnt hätte. Sie verbindet die Gegensätze mühelos, mit wenigen Worten und Gesten zeichnet sie diese Frau, in der irgendeine schreckliche Erinnerung verkapselt ist und die ihren eigenen Ansprüchen nie gerecht wird. Mit der Prüfungsszene beginnt Ina Weisses Film "Das Vorspiel", ein Psychodrama, spannend wie ein Krimi, in dem die Geigerin sich selbst quält und dabei immer wieder andere erwischt - aber mehr aus Versehen. Es ist Winter, und es liegt Kälte über den Bildern; Anna sieht immer so aus, als würde sie verzweifelt versuchen, sich warmzuhalten, ohne dass es ihr gelingt.

Anna Bronsky tritt selbst nicht mehr auf, sie ist eine ganz ähnliche Figur wie die gescheiterte Musikerin, die Corinna Harfouch in "Lara" von Jan-Ole Gerster spielte. Aber sie konzentriert ihren Ehrgeiz nicht auf das eigene, sondern ein fremdes Kind. Anna wird Alexander unterrichten, immer mit diesem Unterton, aber auch in der festen Überzeugung, dass er gut sein kann. Ihren eigenen kleinen Sohn unterrichtet sie nicht mehr. Das hat jene Lehrerin übernommen, die beim Vorspiel am lautesten gegen Alexanders Aufnahme argumentiert hat.

Anna tritt noch einmal auf, aber es ist klar, dass sie nervlich nicht im Stande ist, ein Konzert durchzuhalten

Weisses kleiner Musikerthriller kreist um seine Hauptfigur, um ihre innere Zerrissenheit. Annas Mann Philippe (Simon Abkarian) nimmt ihre neurotischen Versuche, das allerbeste Essen im Restaurant zu bestellen, ganz ruhig hin, gibt ihr dann am Ende das Steak, das er ganz ohne zu überlegen für sich selbst bestellt hat. Aber man weiß nicht so recht, ob das Liebe ist oder Gleichgültigkeit. Anna betrügt ihn mit einem Musiker. Und dann ist da ja noch der gemeinsame Sohn, der offensichtlich beschlossen hat, das Geigenspiel fortzusetzen, aber seine Mutter zu hassen. Und man weiß auch nicht, warum Anna ihre Rolle als Superlehrerin immer mehr entgleitet.

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Vielleicht will sie gar nicht das Beste für Alexander, sondern bloß auftrumpfen gegenüber der Kollegin, die ihren Sohn unterrichtet. Und dieser Sohn, ist er das Opfer der übertriebenen Ambitionen seiner Mutter, oder eher ein Teufelsbraten?

Es bleibt hier erst einmal vieles in der Schwebe, die Regisseurin Ina Weisse skizziert ihre Figuren, und dann erst erfüllt sie diese mit einer eigenen Geschichte und mit Leben. Aber es gibt auf keine der Fragen, die sie in ihrem Film stellt, eindeutige, einfache Antworten; dazu sind die Emotionen, Traumata, Spannungen innerhalb der Familie ja auch viel zu komplex.

Anna tritt dann doch noch einmal auf, und es ist bald klar, dass sie nervlich nicht im Stande ist, ein Konzert durchzuhalten. Die Szene danach ist ein gutes Beispiel für Ina Weisses meisterlich ökonomische Erzählung. Annas Mutter ist gestorben, als sie noch klein war, der Vater ist ein Tyrann, und es reicht ein einziger Satz, Annas Verhältnis zu ihm auf den Punkt zu bringen. Nachdem Annas Versuch, wieder öffentlich zu spielen, gescheitert ist, besucht sie ihren Vater. Er habe davon gehört, sagt ihr Vater, wie ihr Auftritt gelaufen sei. Kurze Pause, dann setzt er nach: "Deine Mutter hat ihre Krankheit immer als Mangel an Disziplin empfunden." Der Hang zur Tyrannei liegt in der Familie, und auch die Selbstkasteiung; Anna ist Täter und Opfer gleichermaßen.

So ist "Das Vorspiel" letztlich ein Essay über die Disziplin, ihre Vorzüge und ihre Grenzen - und vor allem darüber, was mit jemandem passiert, der alles immer unterdrückt. Das ist wie bei einem Vulkan. Die Lava sammelt sich im Innern - bis sie keinen Platz mehr hat.

Das Vorspiel, Deutschland/Frankreich 2019 - Regie: Ina Weisse. Drehbuch: Ina Weisse und Daphne Charizani. Kamera: Judith Kaufmann. Schnitt: Hansjörg Weißbrich. Mit: Nina Holly, Simon Abkarian, Ilja Monti, Jens Albinius, Serafin Gilles Mishiev, Sophie Rois, Thomas Thieme, Winnie Böwe, Thorsten Merten. Verleih: Port-au-Prince/24 Bilder, 99 Minuten.

© SZ vom 23.01.2020
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