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Daniel Day-Lewis:"Ich ängstige mich mehr als gewöhnlich"

Daniel Day-Lewis über seine Rolle im Musical Nine, flaue Gefühle und seinen Ruf als obsessiver Sonderling.

Der stille Brüter, der obsessive Arbeiter - Daniel Day-Lewis gilt in der Filmbranche zwar als brillanter Schauspieler, aber nicht gerade als einfacher Mensch. Entsprechend groß ist die Aufregung um ihn herum. Tritt man dem Mann dann schließlich selbst gegenüber, scheint er aber ganz unkompliziert zu sein. Nichts erinnert an die vom ihm verkörperten Filmfiguren - mit präzise gewählten Worten und ausgesuchter Höflichkeit präsentiert er sich als echter britischer Gentleman.

SZ: Vor zwei Jahren kündigten Sie mal wieder eine Auszeit von der Schauspielerei an. Was ist passiert?

Daniel Day-Lewis: Rob Marshall ist passiert! Er kann einen mit Charme und Warmherzigkeit davon überzeugen, dass man Fähigkeiten besitzt, von denen man selbst noch gar nichts ahnte. Ich hatte eine Reihe guter Ausreden, um nicht wieder zur Arbeit zu müssen - er hat sie alle zerpflückt.

SZ: Zweifeln Sie nach zwei Oscars ernsthaft noch an Ihren Fähigkeiten?

Day-Lewis: Selbstverständlich! Ich ängstigte mich sogar mehr als gewöhnlich vor "Nine", weil ich davor noch nie in einem Film tanzen oder singen musste. So recht bin ich noch immer nicht davon überzeugt, dass ich es beherrsche... Aber dieser Impuls der Furcht, gepaart mit Vorfreude und Entdeckungslust, ist nichts Negatives für mich, sondern ein Aphrodisiakum. Ohne flaues Gefühl im Magen könnte ich einem Film nur meine leere Hülle geben und hätte selbst keine Freude daran.

SZ: Ist dieses Gefühl noch so stark wie vor 25 Jahren bei "Mein wunderbarer Waschsalon"?

Day-Lewis: Ja - wenn er sich denn einstellt. Es kommt inzwischen nur sehr viel seltener vor, dass alle Elemente dieser seltsamen Alchemie zusammenkommen. Ich genieße es immer noch sehr, mich für einen begrenzten Zeitraum in einer kreativen Arbeit zu verlieren und mein Selbst zu vergessen. Aber ich habe in meiner Karriere eben auch schon viel Neugier gestillt. Des Geldes wegen zu arbeiten, oder mich nur zu wiederholen, käme für mich nicht in Frage. Zum Glück kann ich mir den Luxus erlauben, wählerisch zu sein.

SZ: Sie gelten ja als ein Typ, der schon mal für Monate auch nach Drehschluss in einer brutalen Rolle verschwindet. Würden Sie das Method Acting nennen?

Day-Lewis: (tiefes Seufzen) Jeder Schauspieler besitzt eine individuelle Methode - und ich habe wohl oder übel vor langer Zeit eine gefunden, die zu mir passt. Doch das bedeutet nicht, dass ich für die Dauer der Dreharbeiten in einem Kokon existiere. Ganz im Gegenteil ist es elementar, vor und hinter der Kamera offen für Kollegen zu bleiben und aus der Kommunikation zu schöpfen. Ich ziehe es dabei vor, in meiner Figur zu bleiben. Aber diese Technik ist nicht besser oder schlechter als jede andere. Mir behagt die Ernsthaftigkeit nicht, mit der das oft untersucht wird. Es ist alles nur ein Spiel mit der Vorstellungskraft - und mich vergnügt dieses Spiel außerordentlich.

SZ: Für "Nine" haben Sie begonnen, Kette zu rauchen, weil Ihre Filmfigur das auch tut. Könnte es Ihnen passieren, dass Sie sich wirklich verlieben, wenn Sie einen verliebten Mann spielen müssen?

Day-Lewis: Bitte erlauben Sie mir, dass ich diese Frage für allzu indiskret halte und über die Antwort ehrlich gesagt auch gar nicht nachdenken möchte.

Im Video: Leonardo DiCaprio droht den Verstand zu verlieren. Daniel Day-Lewis hat so viele Hollywoodschönheiten um sich, dass er sich nicht entscheiden kann. Und Tim Burton ist mal wieder für einen sehr seltsamen Film verantwortlich. Um alles das geht es diese Woche in den neuen Kinofilmen.

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SZ: Können Sie sich als Zuschauer noch in Filmen verlieren?

Day-Lewis: Nicht bei meinen eigenen Arbeiten - wann immer ich mal einen älteren Film mit mir sehe, erkenne ich mich nicht so recht wieder, sondern frage mich, was wohl damals die Gedanken und Motive dieses jungen Schauspielers waren (lacht). Doch das Medium hat für mich nichts an Faszination verloren. Ich staune selbst, wie mich Geschichten noch in den Bann schlagen können, obwohl ich den Herstellungsprozess so genau kenne. Selbst im schlechtesten Film finde ich immer ein Bild, einen Moment, der mein Adrenalin steigen lässt. Allerdings lese ich nichts vorab und vermeide Trailer. Wir wissen heute einfach zu viel über Filme, bevor wir sie sehen. Es ist traurig, wie dadurch der Zauber des Entdeckens geschmälert wird.

SZ: "Nine" zelebriert in jedem Bild italienisches Lebensgefühl und ist als Hommage an Fellinis "8 1/2" gedacht. Haben Sie eine besondere Beziehung zum italienischen Kino, nachdem Sie auch eine Zeitlang in Florenz lebten?

Day-Lewis: Ich könnten Ihnen keinen Lieblings-Regisseur nennen, weil ich Bewertungslisten einfach hasse. Aber die Regisseure aus der Periode, in der auch "Nine" spielt, haben ein bemerkenswertes Kapitel Filmgeschichte geschrieben: Fellini, Visconti, Rossellini, Pasolini. Ihre Errungenschaften werden nicht mehr erreicht werden, weil sie eng mit dem gesellschaftlichen Klima im Nachkriegseuropa verknüpft waren. Manchmal gibt es großartige, fruchtbare Zeiten für eine bestimmte Kunstform. Damals war der Moment für Italien.