"Crazy Rich" im Kino Aschenputtel in Singapur

Verrückt, reich, asiatisch - eine Traumhochzeit in Singapur ist der Einstieg in eine fremde Welt.

(Foto: Warner Bros.)
  • In "Crazy Rich" findet eine Professorin heraus, dass die Familie ihres Freundes eine der reichsten Singapurs ist.
  • Der Film schenkt asiatischen Zuschauern ein seltenes Gefühl der Überlegenheit - und dem Rest der Welt viel Spaß.
  • Das Werk von Jon M. Chu läuft von Donnerstag an in deutschen Kinos.
Von Kathleen Hildebrand

Gleich am Anfang, im Prolog, klärt "Crazy Rich" die Fronten. London, 1995, es gießt in Strömen. Eine elegante asiatische Dame tritt mit ihren zwei Kindern und deren Nanny in die Lobby eines Londoner Luxushotels. Die Dame hat die beste Suite reserviert, aber der Snob an der Rezeption behauptet, das Hotel sei ausgebucht. "Very sorry", aber nicht-weiße Gäste sind hier nicht willkommen. Die Dame versucht es noch einmal, dann schnaubt sie, schreit in der nächsten Telefonzelle in den Hörer. Ein paar Minuten später gehört das Hotel ihr. "Very sorry", liebe überheblichen Westler, sagt diese auf sehr kapitalistische Weise befriedigende Szene, aber ihr habt keine Ahnung von Asien.

New York, 23 Jahre später. Die hübsche New Yorker Wirtschaftsprofessorin und Einwanderertochter Rachel Chu hat auch keine Ahnung. Nämlich davon, dass sie mit dem begehrtesten Junggesellen des Riesenkontinents liiert ist. Nick Young ist der erwachsen gewordene kleine Junge aus dem Prolog, und er sieht nicht nur fantastisch aus und benimmt sich sehr anständig. Er ist auch der Erbe eines gewaltigen Immobilienimperiums und damit sozusagen der Prinz William Asiens, nur eben mit sehr viel vollerem Haar und profunder Kenntnis der Street-Food-Szene von Singapur. In jenem reichen Stadtstaat wird später noch jemand am üppigen Mittagstisch scherzen, dass in Amerika gerade Kinder verhungern. Aber das ist dann schon bloß noch ein Presslufthammerschlag auf einen längst eingehauenen Nagel.

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Welche Filme sich lohnen und welche nicht

Diese Souveränitätsgesten sind nicht nur unterhaltsam, weil sie westlichen Zuschauern ihre eigene eingeschränkte Perspektive zeigen. Sie sind auch essenziell für das, was "Crazy Rich" sein will und nach Hollywood-Maßstäben sein muss: ein Eisbrecher für Filme mit asiatischstämmigen Hauptdarstellern, Regisseuren und Drehbuchautoren. Im für Rassismus hochsensiblen Amerika ist das für die asiatische Minderheit ein lang ersehntes Ereignis, denn solche Filme sind bislang extrem selten. Auch die Macher von "Crazy Rich", der auf dem gleichnamigen Bestseller-Roman von Kevin Kwan basiert, sollen darum gekämpft haben, dass man ihnen ihre Hauptfigur nicht doch noch in eine weiße Amerikanerin umschrieb.

Luxuspornografie aus der Welt der Hyperreichen

Was die asiatische Minderheit in den USA braucht, um sich auf der Leinwand angemessen repräsentiert zu sehen, ist also ein alles verändernder Erfolg. Auf "Crazy Rich" lastete derselbe Erwartungsdruck wie zuvor auf "Wonder Woman" und "Black Panther" - und mit einem 34-Millionen-Dollar-Eröffnungswochenende in den USA hat er die Prognosen sogar übertroffen. Wie dringend nötig solche Triumphe sind, ahnt man, wenn man sieht, dass der Film in Deutschland und den meisten Ländern der Welt nur unter dem Titel "Crazy Rich" in die Kinos kommt statt unter dem Originaltitel "Crazy Rich Asians". Es scheint, als glaubte außerhalb Amerikas, wo der Repräsentationsdiskurs gerade vehement Fahrt aufnimmt, niemand, dass man mit einem Film über Asiaten viele Zuschauer locken kann. Mit dem Versprechen auf Luxuspornografie aus der Welt der Hyperreichen aber schon.

Die klassische Aschenputtel-Geschichte von der bodenständigen Rachel, die sich plötzlich in der First-Class-Flugkabine, in bombastischen Singapurer Anwesen und gegenüber einer feindseligen potenziellen Schwiegermutter wiederfindet, wird deshalb mit so viel Pomp und Glitzerkonfetti erzählt, dass das globale Publikum mit der Identitätsthematik bloß nicht überanstrengt werden soll. Alle zwanzig Minuten feiert die Jeunesse Dorée eine große Party, mal auf einem extra angemieteten Frachtschiff im Meer, mal auf einer tropischen Palmeninsel, Gratisshopping in der Boutique des Sechs-Sterne-Resorts inklusive.

Doch der Regisseur Jon Chu vergisst in diesem hoch unterhaltsam inszenierten Spektakel nicht, wo das Herz seines Films schlägt. Das ist, Romcom hin oder her, nicht in der Liebesgeschichte zwischen Rachel und Nick. Es schlägt im Dreieck zwischen drei Frauen: Rachel, ihrer alleinerziehenden Mutter, die sich mit viel Einsatz in die amerikanische Mittelschicht hochgearbeitet hat - und der Matriarchin der schwerreichen Familie Young. Die spielt Michelle Yeoh stolz und streng, aber eben nicht als eifersüchtig feuerspeiende Drachenmutter, sondern als eine Frau, die im Namen von Tradition und Familienzusammenhalt viel geopfert hat und das auch von einer möglichen Schwiegertochter erwartet. Es ist diese ernste und für einen Mainstream-Blockbuster ungewöhnlich stark in einer fremden Kultur fundierte Dimension, die aus diesem herrlich bunten Film den Meilenstein macht, der er sein will.

Crazy Rich Asians, USA 2018 - Regie: Jon Chu, Kamera: Vanja Cernjul, Mit: Constance Wu, Henry Golding, Michelle Yeoh. Warner, 121 Minuten.

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