Countdown (VIII) Nicola Sturgeon bekommt in Sturheit die volle Punktzahl

Wer gewinnt im Brexit Quartett? Eines hat sich zumindest erwiesen: Ideologen haben den längeren Atem.

(Foto: Jessy Asmus)

In einem Brexit-Quartett lägen Theresa May und die schottische Regierungschefin in der Kategorie "Sturheit" an der Spitze. Und dann gibt es noch eine Karte, die niemand haben will.

Brexitkolumne von Alexander Menden, London

In diesem Monat will die britische Regierung die Ausstiegsverhandlungen mit der EU eröffnen. Unser Londoner Kolumnist beschreibt, wie der bevorstehende Brexit jetzt schon den Alltag verändert.

Gäbe es ein Top-Ass-Quartett "Britische Politiker der Brexit-Ära", dann böten sich folgende Kategorien an: "Ideologischer Furor" (ganz stark: John "England den Engländern" Redwood, Michael "Die Leute haben genug von Experten" Gove,); "Opportunismus und Faxen" (ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Boris Johnson und Nigel Farage) und "Patriotischer Zwangsoptimismus" (der ehemalige Tory-Chef Iain Duncan Smith unterliegt hier knapp Brexit-Minister David Davis). Labour-Chef Jeremy Corbyn wäre eine dieser Karten, die niemand haben will, gewönne aber immerhin bei der aus Mitleid eigens für ihn eingerichteten Kategorie "Erdkundelehrer-Bart".

Top-Ass-Quartett: "Britische Politiker der Brexit-Ära"

Ginge es um "Sturheit", lägen zwei Politikerinnen an der Spitze: Premierministerin Theresa May und Nicola Sturgeon, die schottische Regierungschefin. May hat ihr "Brexit heißt Brexit"-Mantra monatelang mit einer jeden Widerspruch verdorren lassenden Gnadenlosigkeit vorgetragen. Sturgeon wirkt auf den ersten Blick marginal konzilianter; wenn man aber sah, mit welch stählerner Entschlossenheit sie das zweite schottische Unabhängigkeitsreferendum ankündigte, schwand jeder Zweifel: In dieser Frau in Pink hat Theresa May eine Gegenspielerin, die mindestens so dickköpfig ist wie sie selbst.

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Sie werde das schottische Parlament in der kommenden Woche um eine entsprechende Entscheidung bitten, sagt Nicola Sturgeon.

Die First Minister hat der Kollegin in Westminster den Independence-Fehdehandschuh mit so brillantem Timing, mit solcher Chuzpe hingeschmissen, dass es fast vergessen lässt, wie schwach ihre Position eigentlich ist. Sturgeon könnte sich das Gesicht blau anmalen wie Mel Gibson in "Braveheart", sie könnte im Parlament in Holyrood den Zweihänder über dem Kopf schwingen, es würde nichts ändern - wenn May es ihr nicht erlaubt, darf sie keine Volksabstimmung ansetzen.

Eine der vielen Lehren aus dem Brexit-Prozess lautet allerdings: Ideologen haben den längeren Atem; und in der Top-Ass-Kategorie "Ideologischer Furor" wäre Sturgeons Karte ebenfalls eine der besten. Während Theresa May einen EU-Austritt durchboxen muss, gegen den sie selbst Wahlkampf gemacht hat, ist für Nicola Sturgeon die schottische Unabhängigkeit ein Kindheitstraum. Sie ist eine Nationalistin und zugleich eine überzeugte Europäerin. Während May an der Brüsseler Front kämpft, wird die Erste Ministerin an ihrem Referendumsplan arbeiten. Am Ende wird ein Blick in die Karten sehr wahrscheinlich ergeben, dass sie bei Sturheit die höchste Punktzahl hat.