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Coronavirus:Wenn Kultur nur noch online geht

Coronavirus - Leipziger Buchmesse abgesagt

Die Leipziger Buchmesse wurde abgesagt, das geplante Bühnenprogramm jedoch ins Netz und ins Radio verlegt.

(Foto: dpa)

Aufgrund der Coronavirus-Krise werden viele Veranstaltungen digitalisiert und ins Netz verlegt. Das führt zu einer Aufsplitterung des Publikums - und neuen Fragen.

Es liegt natürlich nahe, Kulturveranstaltungen in Zeiten von Corona-Verordnungen zu retten, indem man sie digitalisiert. Auch wenn das ein Kraftakt ist. Die Veränderungen für die Kultur an sich könnten dabei langfristiger sein als die Krise selbst.

Zum "International Film Festival and Forum on Human Rights" kommen zum Beispiel jedes Jahr um die 40 000 Besucher nach Genf, um Filme über Menschenrechte anzusehen und Zentralfiguren aus dem Kampf um sie zu erleben. Das Festival darf in diesem Jahr nicht stattfinden, weil Veranstaltungen mit mehr als tausend Gästen in der Schweiz bis zum 15. März verboten sind, und das Festival vom 6. bis 15. März stattfindet. Weswegen die Veranstalter sich sehr kurzfristig entschlossen, das Festival zu virtualisieren. Das heißt: Filme und Podiumsdiskussionen werden im Internet übertragen (fifdh.org). Auch der Wettbewerb findet statt. Die Jury guckt online und stimmt in einer Videokonferenz ab.

48 Stunden brauchte das Team, um alles umzuorganisieren. Das ist beeindruckend und ein Punktsieg für die digitalen Technologien. Festivalleiter Bruno Giussani sieht sogar einen Vorteil in der Krise. In seiner virtuellen Form kann das Festival mit seinen Anliegen sehr viel mehr Menschen auf der ganzen Welt erreichen.

Auch die Leipziger Buchmesse versucht, etwas vom Programm zu retten. Die diesjährigen Preise für Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung sollen am 12. März im Programm von Deutschlandfunk Kultur bekannt gegeben werden. Und mithilfe der Fernsehsender MDR und ARD wird das geplante Bühnenprogramm von der Messe ins Netz und ins Radio verlegt. Solche Beispiele häufen sich. Im La Fenice in Venedig spielte das Dafne-Streichquartett vor leerem Saal - und Kameras. Und in Südkorea präsentierte die K-Pop-Band BTS ihr neues Album mit einer Telekonferenz im Netz.

Jede Digitalisierung von Kultur bedeutet eine Aufsplitterung des Publikums in einsame Nutzer vor ihren Bildschirmen

Die Coronavirus-Krise treibt auf diese Weise eine Entwicklung voran, gegen die es eigentlich erheblichen Widerstand gibt. Denn jede Digitalisierung von Kultur bedeutet auch eine Aufsplitterung des Publikums in einsame Nutzer vor ihren Bildschirmen.

Auch Festivalleiter Bruno Giussani ist sich dessen bewusst. Eine Veranstaltung zum Thema Menschenrechte ist allerdings ein Spezialfall. Botschaft und Anliegen sind da größer als das Bedürfnis nach gemeinsamem Erleben. Hinzu kommt, dass er im Vorteil ist, weil er in seinem anderen Job als Co-Kurator des Ideenfestivals Ted Conference über viel Erfahrung im Umgang mit einer größtmöglichen Anzahl von Kanälen verfügt, da die Ted mit Netz-Videos und Online-Gemeinschaften immer schon teilweise virtualisiert war. Aber Kultur funktioniert anders.

Was also, wenn der Kulturbetrieb nun wie auch andere Branchen merkt, dass man mit digitalen Mitteln sehr viel weniger Aufwand betreiben muss? Die verwaisten Flughäfen und leeren Jets dieser Tage zeigen schon, dass das Dienstreisenwesen in Zukunft sehr viel spartanischer ausfallen könnte, weil das nicht nur für die Umweltbilanz, sondern auch für die Kostenstrukturen besser wäre.

"Dies ist der Moment, an dem wir uns auch Gedanken darüber machen müssen, ob wir in den letzten 15 Jahren bei der Digitalisierung von Kultur nicht viele falsche Wege gegangen sind", sagt Giussani. "Der Austausch in 140 Zeichen ist reines Reagieren auf Schlüsselreize." Kann die Zwangsdigitalisierung der Kultur in diesen Tagen also auch ein Neuanfang der Digitalisierung an sich sein? Weil man Wege finden muss, Gemeinschaftsgefühle und Erlebnisse anders zu organisieren? Fragen, auf die es derzeit, wie auf so viele andere, noch keine Antworten gibt.

© SZ vom 07.03.2020/cag
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