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Serie "Welt im Fieber" - Japan:Natto ist neuerdings ausverkauft

Coronavirus - Japan

Menschen kaufen in einem Supermarkt im Bezirk Shinjuku in Tokio ein.

(Foto: kyodo/dpa)

Unsere Autorin würde den Leuten an der Kasse ihres Supermarkts gern ihre Dankbarkeit zeigen, doch ihr Mundschutz verdeckt jedes Lächeln.

Gastbeitrag von Sayaka Murata

Das Virus trifft die ganze Menschheit. Einige Orte erfasst es früher, andere später. Sechs Literaten aus sechs Ländern führen eine globale Chronik. Heute: Japan

Seit Verhängung des Ausnahmezustands ist eine Woche vergangen. Ich sitze zu Hausee und gehe nicht raus, außer um Lebensmittel einzukaufen. Dafür habe ich eine Vorliebe für meinen Balkon entwickelt, den ich bisher nur zum Wäscheaufhängen benutzt habe. Jetzt stelle ich bei schönem Wetter einen Stuhl hinaus und hänge dort meinen Gedanken nach. Die Sonne, die ich sonst immer mit Sonnencreme und Sonnenschirm abwehre, ist mir auf einmal lieb und teuer. Es gibt nichts Tröstlicheres für mich, als auf dem Balkon zu sitzen und in den Himmel zu schauen.

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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Der Konbini in meiner Nachbarschaft hat weiterhin 24 Stunden am Tag geöffnet, und wenn möglichst wenig Leute unterwegs sind, setze ich eine Maske auf und gehe einkaufen. Sandwiches, Onigiri, Yakitori, Salat. Natto, meine Lieblingsspeise, ist neuerdings oft ausverkauft. In dem Konbini, in den ich meist gehe, hängen vor den Kassen große transparente Plastikplanen, unter denen die Kunden den Angestellten, die einen Mundschutz tragen, die Ware hindurchreichen. Menschen, die in Apotheken, Supermärkten und Convenience Stores arbeiten, so liest man, seien schon ganz erschöpft von der täglichen Fragerei nach Masken und Toilettenpapier. Gern würde ich ihnen meine Dankbarkeit stärker zeigen, doch mein Mundschutz verdeckt jedes Lächeln.

Ich schätze mich glücklich, meinen Beruf zu Hause ausüben zu können. Von einer Freundin weiß ich, dass sie und ihr Mann nicht freibekommen und welche Sorge es ihnen bereitet, ihre Kinder in der Kita abzuliefern, um dann mit der Bahn ins Büro zu fahren, wo sämtliche Schreibtische mit hohen Pappwänden umgeben wurden, hinter denen es heiß und stickig ist.

Der Bericht meiner Freundin beunruhigt mich. Was ist mit den überfüllten Bahnen? Es heißt zwar, die Waggons, die früher so voll waren, dass man buchstäblich keinen Fuß auf die Erde bekam, seien nun leerer, dennoch fahren viel mehr Menschen zur Arbeit, als man sich vorstellt, und der Gedanke an ihre Angst ist schmerzlich und bedrückend. Meine Eltern kann ich nicht sehen und bin froh, wenn ich hin und wieder höre, dass es ihnen gutgeht.

Veränderungen sind häufig beängstigend, doch nun überwiegt die Angst, dass sich nichts ändern könnte. Besonders quälend finde ich momentan, dass wir ungeachtet unseres ständig wachsenden Gefühls von Bedrohung nichts ändern können.

Sayaka Murata, geboren 1979 in Japan, ist Schriftstellerin. Sie hat selbst in einem Konbini, einem japanischen 24-Stunden-Laden, gearbeitet. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt der Roman "Die Ladenhüterin" (Aufbau Verlag). Natto ist ein traditionelles japanisches Bohnengericht, Onigiri sind Reisbällchen. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.

© SZ vom 17.04.2020/khil
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