Kino Der Fieberträumer

„Dieser Film handelt nicht von Vietnam, er ist Vietnam“: Francis Ford Coppola Ende der Siebzigerjahre bei den Dreharbeiten zu „Apocalypse Now“.

(Foto: Zm/Zoetrope/Kobal/REX)

Francis Ford Coppola wurde mit "Der Pate" und Apocalypse Now" zum Helden des New Hollywood. Jetzt wird der Regisseur 80. Wie kein zweiter kokettierte er mit dem Wahnsinn.

Von David Steinitz

Zu den lustigen Irrwegen der Filmgeschichte gehört die Anekdote, dass der amerikanische Regisseur Francis Ford Coppola und der deutsche Kabarettist Dieter Hildebrandt in ihren jungen Jahren aus Zufall einen Film zusammen gemacht haben - zumindest indirekt.

Hildebrandt schrieb Ende der Fünfzigerjahre das Drehbuch zu einer fidelen Schwarz-Weiß-Klamotte mit dem Titel "Mit Eva fing die Sünde an". Produziert wurde der Film von Wolf C. Hartwig, der später mit Lustmolchkunst wie "Schulmädchenreport" sein Geld verdiente.

In Kalifornien gab es zu dieser Zeit diverse Filmfabriken, die darauf spezialisiert waren, ausländische Filme billig einzukaufen, umzuschneiden und mit ein paar neu gedrehten Szenen aufzupeppen, um sie als B-Pictures in die US-Kinos zu bringen. Und so kam es, dass ein junger Filmenthusiast namens Coppola für eine Gage von 250 Dollar aus Dieter Hildebrandts Sittenkomödie um die sündige Eva den Softerotikfilm "The Bellboy and the Playgirls" (1962) bastelte.

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Dafür drehte er mit ein paar Mädchen zusätzliche Nacktszenen, und zwar in Farbe und in 3-D, was sich so mittelgut in die deutschen Schwarz-Weiß-Sequenzen einfügte. Als er Jahrzehnte später auf dieses Werk angesprochen wurde, erinnerte Coppola sich vor allem daran, dass eins der Mädchen ihm gestanden habe, dass sie erst 17 sei, woraufhin er ihr geraten habe, vor der Kamera den BH anzulassen.

Mit George Lucas plante er den Vatermord in Hollywood, ihr Vorbild: Die Nouvelle Vague

Das Endergebnis wurde, vorsichtig gesagt, kein Hit. Aber durch Coppolas erste Mashup-Übungen wurde der legendäre Guerrilla-Produzent Roger Corman auf ihn aufmerksam. Dieser ermöglichte ihm eigene Filme wie den Gruselhorror "Dementia 13" (1963). Diese Auftragsarbeiten waren die wichtigste Lehrzeit für Coppola. Er studierte zwar auch an der Filmschule der University of California, die heute Kultstatus genießt. Damals aber war sie eher ein Ort für Wehrdienstverweigerer, um dem Vietnamkrieg zu entkommen.

Die Sechzigerjahre waren auch in Hollywood eine Zeit des Umbruchs. Die großen Filmstudios wurden von alten Männern geführt, an denen der Neorealismus und die Nouvelle Vague, die Jugendbewegung und der technische Fortschritt komplett vorbeigegangen waren. Auf dem Studiogelände von Warner lernte Coppola einen Praktikanten namens George Lucas kennen. Unter den Filmdinosauriern um sie herum waren sie mit Abstand die Jüngsten und die Einzigen, die Bärte trugen. Gemeinsam gründeten sie die Produktionsfirma American Zoetrope, die es sich zur Aufgabe machte, den für die Sixties-Generation obligatorischen Vatermord in Hollywood zu begehen.

Genau wie die anderen Regisseure des New Hollywood - Spielberg, Scorsese, Bogdanovich, Friedkin & Co. - wollten Coppola und Lucas das Kino auf den Kopf stellen, so wie die Filmterroristen von der Nouvelle Vague es in Europa vorgemacht hatten. Die Filme sollten nicht länger in verstaubten Studiohallen spielen, sondern auf die Straße geholt werden. Und sie sollten nicht mehr von übermenschlichen Leinwandgöttern, sondern von echten Menschen handeln, von ihrer Verführbarkeit und ihren Abgründen.

"Der Pate" war eine reine Auftragsarbeit, auf die er anfangs keine Lust hatte

Die Ablehnung des alten Betriebs bedeutete aber nicht, dass Coppola großen Budgets abgeneigt gewesen wäre. Er gab schon viel Geld aus, als er noch gar keins hatte, und führte ein ausschweifendes Leben in San Francisco (Familie) und Hollywood (Arbeit). Sein Verhältnis zu Geld fasste er in diesem schönen Mantra zusammen: "Es bedarf keiner Fantasie, um im Rahmen seiner Mittel zu leben."

Coppola hatte viel Fantasie, und bald viele Schulden, was im Rückblick aber ein Glücksfall war. Denn als die Produzenten des Paramount-Studios unter den Jungregisseuren des New Hollywood jemanden suchten, der ihnen ein Projekt namens "Der Pate" inszenieren sollte, klopften sie bei Coppola an. Der hätte statt der Verfilmung des Romans von Mario Puzo viel lieber eine Geschichte aus eigener Feder adaptiert. Aber nicht zuletzt, weil George Lucas ihn drängte, mit dem angebotenen Gehaltsscheck die Schulden der Firma zu begleichen, sagte er zu.

Wenn man den filmhistorischen Weihrauch mal beiseitewedelt, den "Der Pate" (1972) heute umgibt, sieht man dem Film trotzdem an, warum Coppola nur mäßig Lust darauf hatte. Denn der Film, dessen statischer, düsterer Look vor allem vom Kameramann Gordon Willis geprägt wurde, entstammte dem Geist der schwerfälligen amerikanischen Studiotradition; und nicht dem pulsierenden Anarchistenkino von Antonioni und Godard, das Coppola verehrte. Außerdem stritt er sich mit Paramount über alles, worüber man sich bei so einer Produktion nur streiten kann. Nicht zuletzt über die Besetzung von Al Pacino als Juniorpate Michael Corleone, den das Studio zunächst auf keinen Fall haben wollte: "Sie sagten zu mir, Al erinnere zu sehr an eine Kanalratte."