Doku "Of Fathers and Sons" "Der Vater liebt seine Kinder - und opfert sie für seine Ideologie"

Eine Szene aus "Fathers and Sons": Für den Traum vom islamischen Kalifat werden schon die Kleinsten in Trainingscamps zu Kriegern ausgebildet.

(Foto: dpa)

Zwei Jahre lebte der Regisseur Talal Derki undercover bei Al-Qaida-Kämpfern in Syrien. Seine Dokumentation ist eine Studie über generationsübergreifende Gewalt.

Interview von Kathrin Heinrich

Warum schickt ein Vater seinen dreizehnjährigen Sohn in den Krieg statt in die Schule? Die Dokumentation "Of Fathers and Sons - Die Kinder des Kalifats" zeigt, wie Gewalt von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Der aus Syrien stammende und in Berlin lebende Regisseur Talal Derki hat dafür eine radikal-islamische Familie im Norden Syriens begleitet. Der Vater gehört zur dschihadistischen al-Nusra-Front, einer Abspaltung von al-Qaida. "Of Fathers and Sons - Die Kinder des Kalifats" wurde für den Oscar in der Kategorie "Bester Dokumentarfilm" nominiert (gewonnen hat dann allerdings der Film "Free Solo"). Im Gespräch erklärt Derki, wie er die Protagonisten für die deutsch-syrisch-libanesische Produktion gefunden hat und warum die Botschaft seines Films weit über den syrischen Bürgerkrieg hinausreicht.

SZ: Herr Derki, wie haben Sie das Syrien Ihrer Kindheit in Erinnerung?

Talal Derki: Es war friedlich und die Leute liebten einander. Auch wenn das Leben aufgrund der politischen und ökonomischen Situation früher schwierig war, es war trotz allem ein Zuhause. Ein Ort, an dem man sich sicher fühlte.

Ihre Dokumentation zeigt, dass davon nichts übrig ist.

Im Film sieht man nicht die Gegend, aus der ich stamme - ich bin aus Damaskus. Aber das ganze Land ist meine Heimat. Durch all die Gewalt, all die Katastrophen, verlieren wir unsere Geschichte und auch das Wesen des Landes - ich glaube nicht, dass das so bald zurückkommt.

In "Of Fathers and Sons - Die Kinder des Kalifats" porträtieren Sie Abu Osama, der zu der radikal islamischen al-Nusra-Front gehört, und seine jungen Söhne. Wie haben Sie die Familie gefunden?

Durch meine frühere Arbeit. Ab 2011 habe ich in Syrien erst den Film "Homs - ein zerstörter Traum" gedreht und dann als Kameramann für Nachrichtenagenturen gearbeitet. Ich habe viele Kameramänner vor Ort ausgebildet. Einer von ihnen hat die Kinder in einem Religionscamp ausfindig gemacht. Ein anderer Bekannter vom Film ist jetzt ein Anführer bei al-Qaida, er kannte den Vater und vermittelte, so dass ich bei ihm und seinen Kindern filmen konnte.

Die al-Nusra war mit der Dokumentation einverstanden?

Ich war natürlich undercover dort. Ich sagte ihnen, ich hätte erkannt, dass mein bisheriges Leben falsch war, und dass ich mich bei ihnen besser fühlte, weil ihr Glaube der richtige sei. Ich erzählte ihnen, dass ich sie unterstützen wollte und mit meinem Film die Dschihadisten-Bewegung verherrlichen würde.

Sie waren ganz alleine?

Ja, nur ich und ein Kameramann.

Wusste der Kameramann, dass Sie den radikal-islamischen Glauben nicht teilen?

Nein, ich wollte nicht, dass er Angst bekommt. Er ist religiös, aber ich will jetzt nicht über ihn sprechen, um ihm keine Probleme zu machen.

Wie lange haben Sie bei der Familie gelebt?

Wir haben über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren gedreht, ich war ungefähr 300 Tage dort.

Der syrische Regisseur Talal Derki stammt aus Damaskus - heute lebt er in Berlin.

(Foto: AFP)

Warum haben Sie sich selbst so lange der Gefahr ausgesetzt, entdeckt zu werden?

Ich musste dieses Phänomen verstehen. Was mit Syrien passiert ist. Wie eine syrische Stadt zur Hauptstadt des IS werden konnte. All diese Menschen, die plötzlich religiös sind und ihre Kinder im Kampf einsetzen - diese ganze Gehirnwäsche.

Und verstehen Sie nun, wie die Gewalt von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird?

Ich weiß jetzt, dass man das vermeiden kann - egal in welchem Land. Wenn wir die Kinder schützen und ihnen eine friedliche Kindheit geben, werden sie als Erwachsene nicht zu Kämpfern.

Sie haben die Familie begleitet, aber man sieht nur den Vater und die Söhne - wo sind eigentlich die Frauen in Ihrem Film?

Die Frauen sind die größten Opfer dieser Gesellschaft. Es gibt sie zwar, aber sie leben in abgetrennten Gruppen und dürfen nicht mit Fremden reden, das verbietet ihnen ihr fundamentalistischer Glaube. Die Mutter der Familie war immer hinter einer Wand, sie kochte und putzte, aber ich habe nie ihr Gesicht gesehen. Ich wollte nur ein Audio-Interview mit ihr machen, aber der Ehemann sagte: "Auf keinen Fall, das ist gegen unsere Tradition."

Ihr Film zeigt diese Familie ohne zu kommentieren oder zu kritisieren.

Es geht nicht um meine Meinung. Ich war als Beobachter dort - mit der Mission, zu verstehen und den Menschen draußen zu zeigen, wie das dortige Leben aussieht. Ich wollte der Motivation auf den Grund gehen, der Gehirnwäsche, die hinter verschlossenen Türen vorgeht. Das große Paradox ist die Beziehung zwischen dem Vater und seinen Kindern: Er liebt sie - man sieht das im Film - und gleichzeitig opfert er sie für seine Ideologie, indem er sie sehr jung in den Kampf schickt.

Abu Osama umringt von seinen Söhnen.

(Foto: dpa)

Ist es wichtig, dass der Film in Syrien spielt?

Nein, es war von Anfang an klar, dass es nicht um Syrien geht, oder um den Bürgerkrieg. Es geht mir um die Philosophie und das Erbe der Gewalt. Darum, die Kinder zu schützen und die Extremisten zu verstehen. Das könnte überall passieren. Es gibt überall Menschen, die an Gewalt und Hass glauben, die kämpfen und streiten wollen. Deshalb zeige ich in meinem Film auch keine direkte Gewalt, sondern das tiefe psychologische Trauma, das durch die Gespräche deutlich wird.

Am Anfang des Films erzählen Sie, dass Ihr Vater Sie als Kind dazu anhielt, Ihre Albträume aufzuschreiben, damit sie nicht zurückkämen. Haben Sie mit "Of Fathers and Sons" einen Albtraum festgehalten?

Ja, das ist mein größter Albtraum: der Hass und das Erstarken der Extremisten.

Können Sie jemals nach Syrien zurückkehren?

Nein, das wäre Selbstmord. Für mich wird es für immer beim Exil bleiben. Ich habe mich an das Wort Exil gewöhnt. Meine Philosophie ist, dass Zuhause überall dort ist, wo man Frieden spürt. Für mich ist dieses Zuhause Berlin. Ein Ort, der verschiedene Kulturen akzeptiert und sie zusammenfügt, sodass Neues entstehen kann - das ist die Kraft von Berlin.

"Of Fathers and Sons - Die Kinder des Kalifats" startet am 21. März in den deutschen Kinos.

Kino Der enthauptete Vogel

"Of Fathers an Sons" im Kino

Der enthauptete Vogel

In seinem Dokumentarfilm "Of Fathers and Sons - Die Kinder des Kalifats" hat Talal Derki unter Lebensgefahr einen Terroristen und seine Söhne gefilmt.   Von Martina Knoben