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Computerspiele:Was fehlt, ist schlicht der Autor

Deshalb gelten Computerspiele und andere digitale Medien nicht als Kulturgut. Es herrscht unter vielen Kritikern, Wissenschaftlern und Kulturschaffenden noch immer die Vorstellung, Digitales zähle nicht richtig. Einzelne Rehabilitierungsversuche, wie zum Beispiel der Suhrkamp-Wissenschaft-Band "Computerspiele. Eine Ästhetik" von Daniel Martin Feige, das Computerspielemuseum in Berlin, die Computerspielsammlung des Department of Architecture & Design im Museum of Modern Art in New York oder die große Spieleausstellung im Victoria & Albert Museum in London werden als modische Sonderfälle des Kulturbetriebes behandelt.

Games Kontroverse um Frauenhass bei Red Dead Redemption 2
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Computerspiele

Kontroverse um Frauenhass bei Red Dead Redemption 2

In dem beliebten Spiel kann man fast alles machen - auch Frauen töten. Sollten die Spielemacher eingreifen?

Die Berührungsängste des Kulturbetriebes spiegeln sich in der Gesellschaft. Von einem Wochenende auf dem Sofa und mit Serien von Netflix kann in jeder Runde erzählt werden, mit einem Wochenende, an dem "Red Dead Redemption 2" gespielt wurde, macht man sich verdächtig, asozial oder zurückgeblieben zu sein. Selbst wenn ein Spiel wie RDR2 von Kritikern auf der ganzen Welt gelobt und in der New York Times sogar zum "Kulturprodukt der Saison" erkoren wurde. Dem Spiel fehlt, um bei Foucault zu bleiben, der Autor, der das Werk in der Welt verortet.

Es gibt natürlich auch gute Gründe für diese noch immer weit verbreitete Skepsis gegenüber Computerspielen. Viele Spiele sind übertrieben gewalttätig und sexistisch. Dazu kommt, dass die Computerspielerszene ein großes Rassismus- und ein noch größeres Mobbingproblem hat. Es ist in Onlinespielen nicht ungewöhnlich, dass Frauen belästigt werden und dass sich Spieler rassistische oder rechtsradikale Gamertags, also Spielernamen, geben. Beschwerden deswegen werden von den großen Firmen meist mit Standardantworten abgetan, wenn sie überhaupt beantwortet werden. Meist verweisen die Unternehmen auf verschiedene Gesetzeslagen hin, nach denen, was in Deutschland strafrechtlich relevant ist zum Beispiel in den USA als freie Meinungsäußerung gilt.

Würde man Spiele als Kulturguternst nehmen, stünden Entwickler auch mehr in der Verantwortung

Auch handfeste Skandale versickern so meist hinter den Fassaden der Unternehmen. Vergangenes Jahr wurden bei dem Studio Riot Games Fälle von systematisch betriebener sexueller Belästigung durch Führungskräfte aufgedeckt. Riot Games ist einer der wichtigsten Entwickler im E-Sportbereich mit mehr als 2500 Mitarbeitern, aber die Nachricht blieb außerhalb der Fachpresse unbeachtet. Das wäre anders gewesen, wenn es sich nicht um eine Firma mit weitgehend anonymen Mitarbeitern handeln würde.

Dieses Nischendasein rettete ebenfalls vergangenes Jahr das Mittelalterspiel "Kingdom Come" knapp vor einem Rassismusskandal. Es sollten aus Gründen der historischen Authentizität keine Menschen mit dunkler Hautfarbe in dem Spiel vorkommen. Daniel Vávra, der Chefentwickler des Spiels, fiel vor Erscheinen mit einigen Tweets zu dem Thema auf und trug bei einem Interview auf der Gamescom 2017 ein T-Shirt der rechtsradikalen norwegischen Band Burzum. Kritik an Vávra und dem Spiel wurde in den meisten Fachmedien damit abgetan, dass man ja nicht wegen einer Person das ganze Spiel verurteilen könne. Es wäre ein Skandal, wenn ein Regisseur bei einem Filmfestival sein Werk in einem solchen T-Shirt und mit solchen Aussagen vorstellen würde. In der Computerspielszene ist es kein großes Problem, Vávra kam ungeschoren davon.

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Das liegt nicht daran, dass es in der Szene keinen Widerstand gäbe. Den gibt es. Es liegt eher daran, dass die gesellschaftlichen Mechanismen, die in einem solchen Fall für Aufmerksamkeit und eine öffentliche Diskussion sorgen würden, nicht zu greifen scheinen.

In vielen Punkten ist die Gamerszene nicht sehr reif. Sie verlässt sich auf eine Art gesellschaftlichen Welpenschutz, unter dem aber inzwischen nicht mehr jugendlicher Leichtsinn toleriert wird, sondern so ziemlich alles, von sinnloser Splatter-Gewalt bis zu offenem Hass. Wenn die Menschen hinter den Spielen stärker in den Vordergrund träten, würde sich das natürlich nicht sofort ändern. Aber es wäre ein wichtiger Schritt, Spiele als Kulturgut ernster zu nehmen und es würde auch den Entwicklern helfen, ihre gesellschaftliche Rolle ernster zu nehmen: Sie sollten an Debatten teilnehmen und sie sollten in den Medien präsenter werden, um, wie andere Künstler auch, ihre Werke zu diskutieren. Sie sollten den Entwicklerstudios ein Gesicht geben und für ihre Spiele einstehen und sich nicht hinter einem Firmenlogo verstecken.

Wenn ein Chefentwickler oder ein Team dafür bekannt ist, ein Spiel entwickelt zu haben, werden sie Sexismus und Fremdenhass auf ihrer Plattform mit Sicherheit anders begegnen, als wenn diese scheinbar nur von einem anonymen Unternehmen betrieben wird. Und es würde den Spieleentwicklern erlauben, anderen Künstlern wie Filmemachern und Schriftstellern auf Augenhöhe zu begegnen. Es wäre ein wichtiger Schritt für das Medium auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

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