Micky Maus:Gesetz des Dschungels

Micky Maus: Linda Zervakis mit dem Heft beim "Triell" der Kanzlerkandidaten von SPD, CDU und Grünen am Sonntag.

Linda Zervakis mit dem Heft beim "Triell" der Kanzlerkandidaten von SPD, CDU und Grünen am Sonntag.

(Foto: Screenshot/Joyn/Ehapa Verlag)

Bunt und in Heftform: 1951 erschienen die ersten Disney-Comics in Deutschland - eine Revolution. Und anscheinend sind die Hefte in Sachen Klimaschutz weit fortschrittlicher als die CDU.

Von Fritz Göttler

Ich hab dir was Schönes mitgebracht, man kennt diesen Satz und die Situation der Verheißung, die er beschwört, aus der Kindheit, wenn die Tante kommt, zum Nachmittagskaffee. Die "Tante", das ist in diesem Fall die Moderatorin Linda Zervakis, die Situation das dritte Triell der Kanzlerkandidaten und -kandidatin am vorigen Sonntag. Sie hat ein altes Micky-Maus-Heft dabei, und der, den sie damit zu beglücken versucht, ist Armin Laschet, Kandidat der CDU. Ein Heft aus dem Jahr 1993, verbunden mit Teenager-Erinnerungen der Moderatorin. "Das hat drei Mark neunzig gekostet. Meine Eltern hatten früher einen Kiosk, deswegen hab ich mich daran erinnert." Es geht auf dem Titelbild des Heftes um die Regenwälder, schon damals war klar, dass deren Abholzung schädlich ist fürs Klima.

Vor fast 30 Jahren hat sich die Micky Maus schon mit dem Klimawandel beschäftigt, erklärte Linda Zervakis: "Herr Laschet, in der CDU werden anscheinend nicht so viel Comic-Hefte gelesen ..." Das brisante Thema wurde von der Partei offenbar irgendwie verschlafen, und auch jetzt scheint sie in Sachen Klimaneutralität eher zu bremsen. Armin Laschet weist darauf hin, dass es im Jahr des Micky-Maus-Heftes einen CDU-Umweltminister gab, Klaus Töpfer, und betont: "Die weltweite Veränderung des Klimas ist eine Bedrohung, die wir global beantworten müssen."

Micky Maus: Das Micky-Maus-Heft vom 12. August 1993, mit dem Linda Zervakis Armin Laschet in Sachen Klimaschutz aus der Reserve lockte.

Das Micky-Maus-Heft vom 12. August 1993, mit dem Linda Zervakis Armin Laschet in Sachen Klimaschutz aus der Reserve lockte.

(Foto: Ehapa Verlag)

Vor wenigen Wochen ist die deutsche Micky Maus siebzig geworden, das heißt, 1993 waren die Hefte auf dem Markt sicher und erfolgreich etabliert, viele Ausgaben wurden damals in Millionenauflage gedruckt. Die Zeit lag da schon weit zurück, da Comics als niederer Schund und jugendverderbend verpönt waren. (Man kaufte sie im Krämerladen gegenüber der Schule und schmuggelte sie nach Hause, an den Augen der Eltern vorbei. Und musste dann betreten die stirnrunzelnde Missbilligung akzeptieren, wenn der entsprechende Stapel beim Putzen entdeckt wurde.) Sie waren die ersten bunten Comics in Deutschland und die ersten, die es überhaupt in Heftform gab. In den Fünfzigerjahren hatten die Geschichten noch häufig einen märchenhaften Ton (die Abholzung des Regenwaldes war erst viel später ein Thema), vor allem wenn die Comics in den Paralleluniversen von Entenhausen spielten, etwa der Waldwelt von A- und Behörnchen. Die Comics waren anfangs auch ein richtig teurer Spaß: 75 Pfennig pro Heft, das lag über dem damaligen durchschnittlichen Stundenlohn. Trotzdem wurden schon von den ersten Ausgaben um die 130 000 Exemplare verkauft. Es dauerte dann auch nicht mehr lange, und die Comics waren voll rehabilitiert, wurden Kult und Sammlerstücke. (Eine Frage am Rande: Woher hat Zervakis das Heft, stammt es aus der eigenen Sammlung? Und wie offen waren Zervakis' Eltern in Sachen Comics?)

Man möchte nicht annehmen, dass die Comic-Lektüre in der SPD oder bei den Grünen intensiver wäre als in der CDU - die Parteien haben alle eine ähnlich solide gutbürgerliche Basis - und ob Kandidatin Baerbock und Kandidat Scholz souveräner reagiert hätten auf den Micky-Maus-Coup - als Coup wird die Aktion inzwischen netzweit gefeiert. Der Wahlkampf wird mit einer verbissenen Ernsthaftigkeit geführt, die Krisen sind einfach gewaltig und die Perspektiven sehr düster, Klimakatastrophen, Migranten, ein Bundestag mit fast tausend Abgeordneten. Für manche ist auch ein bisschen Subversion also verpönt. Roger Köppel, Chefredakteur der Schweizer Weltwoche, monierte im Bild-Talk: "Wenn in einem Kanzler-Triell die Micky Maus als Referenzpunkt für Politik genommen wird, dann haben wir das Endstadium erreicht."

© SZ
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Die deutschen Fernseh-Trielle sind zwar langweilig, aber wenigstens bleibt die Demokratie unbeschädigt. In Österreich wird bei Fernsehdebatten gern gewettert und geschimpft. Nach Laschets Gepolter fragt man sich jedoch: Wird die Union bald so weit gehen wie die ÖVP?

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