Sachbuch-Blockbuster:Woke im Westen

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Rollt über alles hinweg: Rubens' Allegorie "Triumph des Glaubens". (Foto: © Fine Art Images/Heritage Images/picture alliance)

Tom Holland hat mit "Herrschaft" einen opulent instrumentierten, historiografischen Blockbuster geschrieben.

Von Gustav Seibt

Wo sind wir denn da? Eine befestigte Stadt wird belagert, ein Gelehrter mit langem Bart befehligt die Verteidigung. Die Feinde sind so zahlreich, ihre Zurüstungen so bedrohlich, dass der Untergang unausweichlich erscheint. "Als die Belagerungsmaschinen auf die Befestigungsanlagen der Stadt zukrochen und Fußsoldaten unter Peitschenhieben vorrückten, wurde ein Stadttor eingenommen." Der alte weise Mann, "nur mit einer Stola angetan, mit keinem Schild, Panzer oder Helm bewehrt, ritt hinaus". Ohne Waffen stellte er sich den Feinden entgegen. "Obwohl um ihn herum Pfeile pfiffen und Steine flogen, gelang es ihm wundersamerweise, die Angreifer aufzuhalten. Das offene Tor wurde gesichert."

Und Rettung aus der Ferne nahte auch schon. Ein im Thronsaal seines Vorgängers gekrönter König, "berühmt für seine Frömmigkeit, seinen kriegerischen Heldenmut und eine beachtliche Brustbehaarung", hatte von der Invasion erfahren. "Zornentbrannt ritt er gen Süden, um dem Feind die Stirn zu bieten. Mit ihm kamen dreitausend schwer gepanzerte Reiter und der kostbarste Schatz seines Reichs: die Lanze, welche die Seite Christi durchbohrt hatte."

Gut, damit ist klar, dass wir doch nicht in "Der Herrn der Ringe" sind, obwohl es unbedingt so klingt. Die Lanze sagt dem Kenner, dass der Brustbehaarte der deutsche König Otto I. ist, der im Sommer 955 herangaloppiert, um dem Augsburger Bischof Ulrich beim Abwehrkampf gegen die Ungarn zu helfen. Der Sieg auf dem Lechfeld wird durchschlagend. Schon drei Seiten später ist der König der barbarischen Invasoren bekehrt worden und lässt sich christlich krönen: "Kein heidnischer Ritus konnte es mit der Salbung eines getauften Königs aufnehmen. Der Herrscher spürte das zähflüssige klebrige Öl auf seiner Haut, wie es in die Poren eindrang, bis in die Tiefen der Seele sickerte, und er wusste sich durch diese Erfahrung mit David und Salomo, mit Karl dem Großen und Otto verbunden."

Wir sind trotz allem nicht in einem Film, sondern im Buch eines Historikers

Leider fehlt an dieser Stelle eine passende Parsifal-Musik, denn wir sind trotz allem nicht in einem Film, sondern im Buch eines Historikers. Tom Holland, sein Verfasser, hat mit "Herrschaft. Die Entstehung des Westens" (Klett-Cotta Verlag, 620 Seiten, 28 Euro) den am fettesten instrumentierten seiner historiografischen Blockbuster geschrieben. Und obwohl es fast durchgehend in diesem romanhaften Stil leiblicher Vergegenwärtigung verfährt, ist es doch ein sehr weiträumiges und ernsthaftes Buch. Es überspannt annähernd 2500 Jahre, von den Perserkriegen der Griechen bis zu "Me Too".

Bezeichnenderweise wird "Dominion" auf Englisch mit zwei unterschiedlichen Titeln angeboten, für das fromme amerikanische und das unfromme englische Publikum: Einmal lautet der Untertitel "How the Christian Revolution Remade the World", das andere Mal "The Making of the Western Mind". Einmal ist von christlicher Revolution, das andere Mal vom Werden des westlichen Geistes die Rede. Auf Deutsch kann es nur noch neutraler sein, fast als läsen wir ein Buch von Heinrich August Winkler.

Und tatsächlich hat "Herrschaft" einen Anspruch, der Winklers noch umfangreicherer, nämlich vierbändiger "Geschichte des Westens" (2009 bis 2015) nahekommt. Es geht um eine Totale, eine Selbsterklärung dieses Westens. Dass Holland in einem Sprachraum schreibt, in dem das ehrgeizigste Konkurrenzwerk nicht einmal in die Fußnoten gelangt, nur weil es auf Deutsch vorliegt, soll nebenbei notiert werden. Auffällig ist es doch, weil Holland bei aller Saftigkeit der Erzählweise durchaus wissenschaftliche Professionalität beweist. In vielen Abschnitten ist sein Buch auf der Höhe der Forschung, soweit sie in der Hauptsprache des Westens, dem Englischen, zugänglich ist.

Holland definiert den Westen christlich, mit einer Entschiedenheit, die man lange nicht mehr gesehen hat

Von den beiden Untertiteln ist der fromme der informativere. Holland definiert den Westen christlich, mit einer Entschiedenheit, die man lange nicht mehr gesehen hat. Seine These ist in einem Satz: Die hegemoniale Stellung des Westens in der Welt mag materiell so angefochten sein wie schon lange nicht mehr, er beherrscht sie aber unvermindert durch seine Begriffe. Und diese die Welt ordnenden Begriffe sind immer noch christlich.

Das gilt sogar für den innerwestlichen Widerstand gegen das Christentum. Aufklärung, Laizität, Menschenrechte, rationale Wissenschaft, Gleichheit der Geschlechter - sie alle führt Holland auf christliche Grundlagen zurück, auf die Zwei-Reiche-Lehre etwa, die verlangt, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, aber Gott, was Gottes ist. Religion als Gewissensangelegenheit, als etwas Innerliches, als Konfession, nicht mehr als Ritus oder als Gesetz - das zwingt der Westen auch anderen Religionsräumen auf, wenn er Glaubensfreiheit oder Pluralismus einfordert.

(Foto: N/A)

Die Gleichheit der Geschlechter ist eine späte Folge des Sakraments der Ehe. Homosexualität wurde erst vom Christentum aus einer Praxis der Triebabfuhr an Sklaven zu einer Sünde geadelt, dabei aber auch erst als Liebe unter Männern definiert. Der Aufstand der Frauen gegen männliche Übergriffe in der "Me Too"-Bewegung setzt den Aufruf zu sexueller Enthaltsamkeit fort, "der sich durch die gesamte Geschichte der Kirche gezogen hatte".

Kommunismus? Urchristliches Gleichheitsideal. Menschenwürde? Christliche Gottesebenbildlichkeit

Alle christlichen Verbrechen fanden sogleich ihre Kritik aus dem Geist Christentum, beispielsweise die kolonialistische Zwangsbekehrung in Mittelamerika. Wo immer Aufklärung und Verweltlichung einzutreten scheinen, taucht Hollands Christentum als der Igel auf, der erklärt: "Ich bin allhier." Kommunismus? Urchristliches Gleichheitsideal. Menschenwürde? Christliche Gottesebenbildlichkeit. Voltaires Kampf gegen die Herrschsucht der Kirche? Ein christlicher Mitleidsimpuls.

Der Ausgangspunkt all dieser Genealogien ist der Skandal von Golgatha, der Gott, der wie ein Sklave auf die schändlichste Weise zu Tode gefoltert wurde. Die Ungeheuerlichkeit dieses Vorgangs konturiert Holland im Kontrast zu den Grausamkeitskulturen des alten Orients, zu den sklavenhaltenden Städten Athen und Rom. Die Schreibweise Hollands, ihre durchgehende Betonung des Körperlichen, nicht zuletzt seine Aufmerksamkeit für die Geschichte der Sexualität, erweist sich selbst als etwas Christliches. Man kann an barocke Propagandagemälde mit Martyrien und zum Himmel gewendeten Tränenblicken denken. Mit dem Christentum wurde das Mitleid zu einer welthistorischen Macht, samt seiner zuweilen genießerischen Wahrnehmung von Grausamkeit.

Holland würdigt die subtilen deutschen Debatten zur Säkularisierung keines Blickes

Holland beschreibt keinen Vorgang von Säkularisierung, bei dem etwas Neues in alte Grundrisse kommt. So könnte man Heinrich August Winklers Idee des Westens lesen, dessen "normatives Projekt" von Rechtsstaat, Menschenrechten, Pluralismus und Demokratie auch auf christlichen Fundamenten ruht, vor allem der Trennung von weltlicher und geistlicher Gewalt; aber dann ist sie doch etwas Neues, eine Revolution mit den Daten 1776 und 1789. Holland dagegen beschreibt Metamorphosen und Bereicherungen einer Substanz, die seit dem Heiligen Paulus festliegt und alles Folgende als Keim schon enthält. Traurig, aber wenig überraschend: Holland würdigt die subtilen deutschen Debatten zur Säkularisierung, die einst Karl Löwith, Carl Schmitt und Hans Blumenberg führten, keines Blickes, dabei wären sie auf Englisch zugänglich.

Aber die Bücher Hollands mit ihren computerspielhaften Titeln ("Rubikon", "Millenium", "Dynastie") richteten sich schon immer an ein globales Unterhaltungspublikum, das dicke Bücher auf Interkontinentalflügen verschlingt. Und da kommt "Herrschaft" nun gerade recht zum 25. Jahrestag von Samuel P. Huntingtons "Kampf der Kulturen" (englisch "Clash of Civilizations"). Unter dem Titel "Der bedrohte Westen", hat die Historikerin Cora Schmidt-Ott in den "Zeithistorischen Forschungen" soeben eine aufschlussreiche Neulektüre vorgelegt ( https://zeithistorische-forschungen.de/3-2020/5893).

Huntington reagierte, so Schmidt-Ott, auf die neue Multipolarität nach dem Ende des Kalten Kriegs mit eine Doppelbewegung: Einerseits konturierte er den "Westen" als Kultur oder Zivilisation unter mehreren anderen und verabschiedete damit Ansprüche auf Universalität; anderseits warb er für eine entschiedene Selbstbehauptung dieses Westens im globalen Wettstreit. Man könnte das als kämpferischen Relativismus beschreiben: Der "Westen" ist nicht mehr allein an der Spitze, er hat also im Kalten Krieg auch nicht definitiv "gesiegt", denn längst ist asiatische und muslimische Konkurrenz erwachsen. Doch umso mehr hat er Anlass, so der konservative Huntington, sich auf sich selbst zu besinnen, auch im Kampf gegen innere Spaltungen, etwa durch Identitätspolitik und Multikulturalismus.

Doch natürlich birgt auch der Westen noch wiederkehrende Reste des überwundenen Bösen

Diesen Ball nimmt Hollands Buch auf, indem es den Westen als immer noch religiös bestimmte Kultur beschreibt, deren Begriffe und Unterscheidungen aber längst global anschlussfähig wurden. Hinter den glühenden Farben der Erzählung steht eine Botschaft, eine Art Propaganda fide. Wer immer den Westen heute kritisiert, tut es mit den Mitteln des Westens, nämlich dem erst von ihm etablierten Grausamkeitstabu, der christlichen Liebe zu den Leidenden und Geschundenen. Dieses Bild des Westens zeigt eine starke Lokalfarbe - viel farbiger ist es als Winklers "normatives Projekt" -, zugleich ist ein universaler Anspruch mit neuer Unmittelbarkeit formuliert. Der woke Westen - er sieht auf einmal ein wenig aus wie der "Triumph der Eucharistie" von Peter Paul Rubens.

Doch natürlich birgt auch der Westen noch ein wenig Dualismus in sich, wiederkehrende Reste des überwundenen Bösen. Es zeigt sich in Darwins Evolutionstheorie und Nietzsches Feier einer von der Krankheit des Mitleids befreiten Existenz. Hier sieht Holland, der den beiden Denkern durchaus Gerechtigkeit widerfahren lässt, die Einfallstore für Missverständnisse, die im Rassismus und der absoluten Grausamkeit der Lager des 20. Jahrhunderts kulminierten.

Doch Antwort kam aus England, aus Hollands Studienort Oxford. Dort lehrte und schrieb J. R. R. Tolkien, der Verfasser von "Der Herr der Ringe", des erfolgreichsten Romanwerks des 20. Jahrhunderts. Dieser Erfolg nimmt in Hollands Buch eine geradezu heilsgeschichtliche Beweiskraft an. Denn Tolkien hat eine im Kern christliche Parabel vom Sieg über das Böse geschrieben und damit das eigentliche Gegenwerk zu den Verheerungen seiner Zeit. Tolkien ist in Hollands motivischer Erzähltechnik ein Wiedergänger christlicher Kirchenväter wie Beda Venerabilis.

Und bevor man sich darüber lustig macht, kann man fragen, ob diese fromme Sprache in der Welt der religiös bestimmten "Kulturen" auf diesem Erdball nicht besser verstanden wird als ein sich abstrakt gebender Universalismus. Tom Holland hat jedenfalls ein neues Kapitel im fruchtbaren Austausch zwischen Historiografie und schöner Literatur aufgeschlagen.

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