"Cheyenne" im Kino:Gefangener seiner Schuldgefühle

Lesezeit: 4 min

Er spricht ganz langsam, als hätte der Drogenmissbrauch ihn aus der Spur gebracht, er reagiert verzögert und bewegt sich in Zeitlupe wie ein gebrechlicher Mann. Schon nach ein paar Szenen ist klar, dass das nur seine Masche ist, da versucht Cheyenne, seine beste Freundin Mary mit einem Kellner zu verkuppeln, und er ist nicht nur offensichtlich völlig klar im Kopf, er hat auch das Herz am rechten Fleck.

Ein paar Szenen später fragt ihm der Kellner ein Loch in den Bauch - und als er ihn anbellt, er solle das lassen, wird klar: Jede Geste, die Langsamkeit, der gebeugte Gang, sind Teil der Kunstfigur, hinter der sich der echte Cheyenne versteckt wie ein ängstlicher Teenager, ein Gefangener seiner Schuldgefühle.

"Cheyenne" ist eine Paraderolle für Sean Penn, in der er eigentlich alles zeigt, was er kann, sein komisches Potential, die Fähigkeit, einen zu Tränen zu rühren und mit einem einzigen Lächeln die Sonne aufgehen zu lassen - es gibt eigentlich nur einen einzigen Grund, als Zuschauer diesen Auftritt als Cheyenne nicht zu genießen: wenn man gegen Sean Penn schon von Haus aus etwas hat.

Ein Film voller wundervoller Rätsel und entrückter Bilder - genüsslich filmt Sorrentino in New York ein Konzert von David Byrne, dem Frontmann der Talking Heads, bei dem ein schwebendes, auf den Kopf gestelltes Sixties-Wohnzimmer den Konzertsaal überquert.

Manchmal ist Sorrentino das Drehbuch in poetischen Nonsens entglitten: "Es gibt viele Arten zu sterben, die Kunst ist weiterzuleben", das ist so ein Satz, der besser klingt, als er ist. Aber insgesamt ist "This Must Be The Place" eine schöne Reise, ein enigmatisches, versponnenes, widerspenstiges Roadmovie. Ein Film, der seltsame Augenblicke, bizarre Szenerien und merkwürdige Begegnungen sammelt wie manche Leute Hummelpuppen.

Einmal läuft Cheyenne, der selbst immer einen Trolley hinter sich her zerrt, dem Erfinder des Rollkoffers über den Weg, gespielt von Harry Dean Stanton - ein relativ neuer Zivilisationsgegenstand, den wir auch erst brauchen, seit wir uns dauernd in der Welt herumbewegen und dabei mehr als nötig mit uns herumschleppen.

Heimat ist eher ein Gefühl als ein Ort. "Cheyenne" ist vor allem ein Film über Selbstfindung und ein verzögertes Erwachsenwerden, über einen, der seine Angst vor dem Leben in den Griff bekommen muss. "This Must Be The Place", der Song von den Talking Heads, ist die Hymne, die sich durch Paolo Sorrentinos Film zieht - "home is where I wanna be". Als Cheyenne endlich angekommen ist bei sich selbst, ist alles anders - und auch der Rollkoffer, diese scheppernde Fußfessel der Zivilisation, ist verschwunden.

THIS MUST BE THE PLACE, Irland/Frankreich/Italien 2011 - Regie: Paolo Sorrentino. Buch: Paolo Sorrentino, Umberto Cantarello. Kamera: Luca Bigazzi. Musik: David Byrne, Will Oldham. Mit: Sean Penn, Frances McDormand, Judd Hirsch, Eve Hewson, Harry Dean Stanton, David Byrne. Delphi, 118 Min.

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