Charlotte Gainsbourg im Interview "Ich fühle mich nie wie eine Amerikanerin"

Mehr Französin als Britin: Charlotte Gainsbourg bei der Premiere von "Independence Day: Wiederkehr" im Juni.

(Foto: picture alliance / AP Images)

Vom Arthouse-Kino in den Mainstream: Charlotte Gainsbourg spricht über den Dreh mit Roland Emmerich. Und darüber, warum Blockbuster wie "Independence Day: Wiederkehr" keine Aussage haben.

Interview von Paul Katzenberger

Sie gilt als eines der stärksten Gesichter des französischen Kinos, doch nun spielt Charlotte Gainsbourg erstmals in einem Hollywood-Blockbuster mit - in der Fortsetzung von Roland Emmerichs "Independence Day". Mit 44 Jahren blickt Gainsbourg schon auf eine mehr als 30 Jahre währende Karriere als Schauspielerin zurück. Seit ihrer ersten Rolle in dem Liebesdrama "Duett zu dritt" von 1984 an der Seite von Catherine Denevue hat sie es zu einer Ikone im Charakterfach gebracht, um die anerkannte Regisseure des zeitgenössischen Arthouse-Kinos buhlen. In ihrem Mainstream-Debüt "Independence Day: Wiederkehr" spielt sie die französische Psychologin Dr. Catherine Marceaux, die Telepathie und außerirdische Sprachen erforscht.

SZ.de: Madame Gainsbourg, Sie haben viele anspruchsvolle Rollen verkörpert - in Filmen von Lars von Trier über Alejandro González Iñárritu bis hin zu Wim Wenders. Jetzt bekommt man Sie in einem echten Blockbuster zu sehen. Was hat Sie dazu veranlasst, auf dieses Terrain vorzustoßen?

Charlotte Gainsbourg: Weil es aufregend war. Ich war überrascht, als Roland mich anrief. Ich las das Drehbuch, und mir wurde klar, dass er keinesfalls von mir forderte, mich als Person oder Schauspielerin zu verraten. Dass es ihm sogar darum ging, dass ich mich mehr oder weniger selbst darstelle - als französische Außenseiterin. Es ist doch ein großes Abenteuer, sich in dieser Hinsicht zu entwickeln: von einem sehr kleinen französischen Film über deutlich größere Produktionen hin zu diesem Studiofilm mit gigantischem Budget.

Worin steckt der Reiz, eine Außenseiterin in Hollywood zu sein?

Eine Außenseiterin war ich nur in meiner Rolle. Am Set fühlte ich mich hingegen überhaupt nicht so. Zum einen sind Roland und ich auf derselben Wellenlänge, weil wir beide Europäer sind. Außerdem habe ich die Zeit mit Jeff (Darsteller Jeff Goldblum, Anm. d. Red.) sehr genossen, weil es großen Spaß macht, ihn um sich zu haben. Er macht die ganze Zeit Witze und singt dabei. Insofern waren meine anfänglichen Sorgen unbegründet, dass das ganze Projekt wegen seiner schieren Größe entmenschlicht sein könnte.

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Sowohl Roland Emmerich als auch Sie leben in Amerika. Sind Sie beide nicht schon amerikanisiert?

Roland hat sich die Denkweise eines Europäers sehr bewahrt. Ich lebe zwar in New York und liebe diese Stadt, doch ich fühle mich nie wie eine Amerikanerin. Ich empfand mich durch Roland verstanden, zum Beispiel, weil er all die Filme kannte, in denen ich schon mitgewirkt habe.

Wie unterschied sich für Sie die Arbeit in einem Blockbuster von der in einem Arthouse-Film?

Vom Schauspielerischen her war es gar nicht so viel anders, und ich hatte Spaß mit meinen Szenen. Abgesehen vielleicht davon, dass es an manchen Tagen für mich nur sehr wenig zu tun gab, weil das Technische so dominiert hat. Natürlich war der Aufwand für die Spezialeffekte und die Postproduktion gigantisch, doch daran war ich nicht mehr beteiligt.

Der erste "Independence Day" wurde als extrem amerikanisch und nationalistisch kritisiert. In der Fortsetzung kämpft nun die ganze Welt mit vereinten Kräften gegen die Aliens. Diente ihre Figur einer Französin, die als einzige mit einem britischen Akzent spricht, auch dem Zweck, den Film etwas weniger nationalistisch erscheinen zu lassen?

Ich glaube nicht, dass Roland das durch mich bezwecken wollte. Ich habe ihn sogar gefragt, ob ich englisch mit einem französischen Akzent sprechen solle, doch ihm war das nicht wichtig. Ich sollte einfach ich selbst sein. Was meine Rolle angeht, hatte er sich an dem Sprachwissenschaftler orientiert, den François Truffaut in Steven Spielbergs "Unheimliche Begegnung der Dritten Art" spielte, was ich natürlich als große Ehre empfand.

Hat "Independence Day: Wiederkehr" eine Aussage, die über die reine Unterhaltung hinausgeht?

Das glaube ich nicht. So ein Film hat keine Aussage, außer vielleicht so menschlich wie möglich zu sein, weil er die Zuschauer ja emotional berühren will.

Nach der Brexit-Abstimmung haben viele britische Medien mit der Bildsprache aus "Independence Day" gespielt. Sie sind sowohl Britin als auch Französin. Was sagen Sie zum Brexit?

Ich empfinde mich mehr als Französin denn als Britin. Ich wurde ja nur in London geboren, aber geprägt worden bin ich durch mein Aufwachsen in Frankreich. Als Französin denke ich aber sehr europäisch und insofern bedauere ich die Entscheidung der Briten, aus der EU auszutreten.

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