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Dokumentarfilm "Aznavour by Charles":Ich habe euch auch gesehen

Objekt von Blicken, Subjekt des filmischen Blicks: Der Film "Aznavour by Charles" zeigt den Chansonnier mit seinem eigenen Filmmaterial.

(Foto: Arsenal Filmverleih)

Dass Chanson-Legende Charles Aznavour sein Leben lang Amateurfilmer war, wusste kaum jemand. "Aznavour by Charles" komponiert aus seinem Material eine besondere Biografie.

Von Kathleen Hildebrand

Was für ein Moment muss das gewesen sein. Marc di Domenico, französischer Drehbuchautor und Regisseur, war schon lange mit Charles Aznavour befreundet. Irgendwann führte der kleine, drahtige, schon sehr alte Mann ihn in ein kleines Zimmer in seinem Haus. Ein Zimmer, das er zuvor noch niemandem gezeigt hatte. Es war eine Schatzkammer. Ein Räumchen, voll mit Filmrollen, Super 8, 16 Millimeter - Aufnahmen, die Aznavour selbst gemacht hatte seit jungen Jahren. Tagebücher, Reisejournale in Filmform, von denen kaum jemand wusste, dass sie existierten. Di Domenico durfte sie sichten, mitnehmen. "Vielleicht kannst du etwas daraus machen", sagte Charles Aznavour.

Di Domenico konnte. Weil man das als Filmemacher schaffen muss, wenn einem eine französische Ikone, die Chanson-Legende Aznavour, so einen Schatz übergibt. Und weil die Filmaufnahmen des Sängers, der auch als Schauspieler mit den Großen seiner Zeit gearbeitet hat, von einer überraschenden Qualität sind. Aznavour ist Amateur, aber durchaus einer mit Willen zur Professionalität. Mit einem Blick für Bildausschnitte, für Einstellungen, Menschen. Seine Bilder mögen wackeln, für Menschen, die zur Seekrankheit neigen, ist der Film streckenweise vielleicht eine Zumutung - Aznavour filmt von einem Pferdewagen aus, von Schiffen, Booten oder aus dem Zug. Aber immer ist das, was man durch seine Linse sieht interessant, lebendig, filmisch.

1948 schenkte Edith Piaf, für die er damals Lieder komponierte, Aznavour eine Paillard-Bolex-Kamera, die er sein Leben lang behielt. Mit ihr hielt er bis 1982 in unzähligen Stunden Filmmaterial sein Leben fest - seine Reisen, seine Lieben, das glamouröse wie das normale Leben. Di Domenico wirft die Zuschauer gleich hinein in diesen herrlichen bunten Fundus, transportiert sie in eine andere Zeit. Man sieht: den Piccadilly Circus in London, junge langhaarige Männer auf der Straße, einen Mann mit Turban, der seinen Mantel ausschüttelt, dann Frauen mit Turban in Dakar, lachende Kinder in kleinen Booten auf dem Ubangi-Fluss im Kongo und in Paris das berühmte Olympia-Konzerthaus backstage. Küsschen für die Frauen, die Anspannung vor dem Auftritt, den noch geschlossenen Vorhang. Und ab und zu sieht man auch ihn, weil jemand anders seine Kamera gehalten hat: Charles Aznavour, den Mann mit den buschigen Augenbrauen, mit einer riesigen Sonnenbrille, im Anzug, rauchend.

Text und Filmmaterial entfalten eine Melancholie, wie man sie aus Aznavours Chansons kennt

"Ich habe ständig gefilmt, überall", sagt Aznavour aus dem Off zu diesen Bildern, wobei es natürlich nicht Aznavour selbst ist, der da spricht. Man vergisst das leicht, weil der französische Schauspieler Romain Duris ("Der wilde Schlag meines Herzens") mit einer so angenehmen Präsenz spricht, was Aznavour geschrieben hat in seinen Autobiografien, und was er gesagt hat in Gesprächen mit di Domenico. Die Montage aus Text und Filmmaterial funktioniert hervorragend. Sie entfaltet eine Melancholie, wie man sie aus Aznavours kraftvoll geschmetterten, aber immer sehnsüchtigen Chansons kennt. Da sind die Liebesbeziehungen, die nicht von Dauer waren, zum Beispiel die mit Evelyne "mit dem Gesicht eines Fuchses", ebenfalls Sängerin, die ein konventionelleres Leben wollte als er. Und schließlich die Lebensliebe Ulla, "die blonde Seite meiner selbst", mit der er von 1967 bis zu seinem Tod 2018 verheiratet war.

Aznavour filmte auch seine Frauen - hier seine zweite Ehefrau, die Schwedin Ulla Ingegerd Thorsell.

(Foto: Arsenal Filmverleih)

All das ist schön gefilmt und herrlich poetisch erzählt. Was den Film aber heraushebt über eine gelungene Found-Footage-Biografie ist die Art, wie Aznavour über den Film als Alltagswerkzeug nachdenkt. Aus ganz unerwarteter Ecke kommt hier eine kleine Philosophie des Filmens, die erkennbar an der Nouvelle Vague geschult, aber sehr persönlich unterfüttert ist. Warum also filmt Aznavour? "Manchmal", sagt er mit Romain Duris' Stimme, "peitscht einem die Gegenwart ins Gesicht, sie hat keine Zeit, zu Text oder Musik zu werden. Die Kamera fängt sie ein."

Vor allem der Anfang von di Domenicos Film ist quasi ein kleiner Essay über das Filmen, über die Spontaneität, die aber für die Ewigkeit gedacht ist. Über die Motivation, damit zu beginnen - welches Bild, welche Bewegung war es, die einen dazu brachte, die Kamera anzuschalten? Und was sagt der Wunsch zu filmen über den Menschen hinter der Kamera aus? Will er auf Distanz bleiben? Oder den Dingen besonders nahekommen, sie festhalten und später studieren? Letzteres tat Aznavour nach eigener Aussage übrigens nie. Er filmte wie einer, der gierig auf das Leben ist, sah sich die Bilder später aber nie wieder an: "Ich lebe in der Gegenwart."

Vielleicht lag die Faszination des Filmens für ihn aber auch in der Möglichkeit zum "Gegenschuss". Aznavour war als Bühnenmensch und Schauspieler, auf seinen Konzerten, Tourneen und vor der Kamera immer ein Objekt der Blicke der anderen. Mit der Kamera war es plötzlich er selbst, der blickte. "Euer Blick hat aus mir Aznavour gemacht", sagt er am Ende, "euer Blick auf mich." Aber: "Ich habe euch auch gesehen."

Aznavour by Charles - F 2019. Regie und Buch: Marc di Domenico. Mit: Romain Duris. Arsenal, 83 Minuten.

© SZ/kni
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