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Filmkomödie "Shiva Baby" auf Mubi:Gruppenbild mit Sugardaddy

Shiva Baby

Spießrutenlauf am kalten Buffet: Für Danielle (Rachel Sennott) in "Shiva Baby" wird eine Familienfeier zur Hölle.

(Foto: Mubi)

"Shiva Baby" von Emma Seligman nimmt mit böser Präzision eine Gesellschaft aufs Korn, die Frauen gnadenlos bewertet und bevormundet.

Von Anke Sterneborg

Alles in allem keine weltbewegenden Ereignisse, aber jeder Satz und jedes Bild sitzt. Knackige sieben Minuten reichen Emma Seligman in ihrem Debütfilm, um das Leben ihrer Titelheldin so schlank wie komplex zu skizzieren. "Moment mal! Wer ist gestorben?", erkundigt sich Danielle noch hastig bei ihrer Mutter, bevor sie ins dichte Menschengewimmel eintaucht, das für sie zum Spießrutenlauf wird.

Hier ein bisschen geheucheltes Mitgefühl, dort ein übergriffiger Kommentar zu ihrem Aussehen oder ihrem Gewicht, und vor allem immer wieder die peinlichen Fragen zum Stand ihres Liebeslebens, zu ihrem Studium und ihren Berufsplänen. "What's my soundbite again?", was sag ich noch mal, wenn jemand fragt, will sie von der Mutter wissen, die eifrig souffliert: "Dass du in den Abschlussprüfungen steckst und mehrere Termine für Bewerbungsgespräche hast." Unablässig werden die feinen Haarrisse in der gesellschaftlichen Fassade mit Ausflüchten und Notlügen zugespachtelt.

Im Kino sind Familienfeste traditionell vermintes Gelände, in Filmen wie "Das Fest" von Thomas Vinterberg, "Rachels Hochzeit" von Jonathan Demme oder "Im August in Osage County" von John Wells. Das gilt nun auch für die Trauerfeier in "Shivas Baby", nur dass es hier nicht um die ganz großen Verfehlungen und Dramen geht, sondern um ein fein gewebtes Netz aus alltäglichen Zumutungen für eine junge jüdische Frau, die im Begriff ist, sich von ihrer Familie zu lösen, aber noch keine klare Vorstellung von ihrer Zukunft hat, ein typischer Millennial mit überfürsorglichen Eltern. Aus der Diskrepanz zwischen ihren vagen Lebensplänen und den handfesten Erwartungen aller anderen entstehen immer neue Situationen, die dezent komisch oder zum In-den-Boden-Versinken peinlich sind. Mit anderen Worten: So wahrhaftig, dass es wehtut.

Die in New York lebende Kanadierin Emma Seligman macht keinen Hehl daraus, dass sie einen großen Teil der DNA mit ihrer Heldin teilt. Auch sie hat unsichere Zeiten erlebt, mit Angstzuständen und Panikattacken, mit queerer Selbstfindung, weiblicher Selbstbehauptung und jüdischer Identität. Schon rein äußerlich ähnelt sie ihrer Hauptdarstellerin Rachel Sennott, die Danielle schon im zwei Jahre davor entstandenen Kurzfilm mit demselben Titel verkörpert hat und mit dem perfekten Timing einer Stand-up-Comedienne an ihre Rolle geht. Das Erstaunliche ist, dass man weder queer noch jüdisch sein muss, um sich mit den Nöten von Danielle zu identifizieren. Je spezifischer eine Geschichte ist, desto universeller wird sie, das gilt hier auf besondere Weise.

"Shiva Baby" ist ein wirklich erstaunliches Debüt, dessen hohe Erzählkunst sich mit den einfachsten Mitteln und einem guten Schuss Stadtneurose à la Woody Allen, Greta Gerwig und Noah Baumbach entfaltet: eine gute Stunde in einem Haus, viele Menschen auf engem Raum, präzise Dialoge, die beiläufig hingeworfen oder hilflos gestammelt wirken, Schauspieler, die aussehen, als wären sie in einer Drehpause einfach nur sie selbst, eine Kamera, die sich unauffällig unters Volk mischt, als wäre sie ein weiterer Gast auf der Familienfeier, aber eben einer, der besonders aufmerksam zuschaut. Schon das kleine Theaterstück, das sich vor dem Büffet entfaltet, mit all den kleinen Ablenkungsmanövern und Übersprungshandlungen, ist ein Genuss.

Jedes Wort im Smalltalk dieser Familie kann ein Giftpfeil sein

Die Art etwa, wie Danielle aufsteigende Panik überspielt, indem sie fahrig mit Platten, Schüsseln und Löffeln hantiert, sich zerstreut den Teller volllädt, nur um im nächsten Moment wieder alles zurückzuschieben. Das wirkt wie improvisiert und fast dokumentarisch, ist aber gewiss das Ergebnis genauer Beobachtung und Planung. Man ahnt, dass Seligman an den Dialogen minutiös gefeilt, Freunden und Verwandten viele Marotten abgelauscht hat. Man kann nur staunen, wie viele kleine Giftpfeile man in 77 Minuten Smalltalk verschießen kann, all die spitzen Bemerkungen hinter vorgehaltener Hand, all die unverhohlenen Vorwürfe und aggressiven Rechthabereien. Keine einzige Schwindelei lassen die Eltern ihrer Tochter durchgehen, keinen Satz und keine Regung lassen sie unwidersprochen stehen - und meinen es doch immer nur schmerzhaft gut.

Jede kleine Geste, jede abgebrochene Bemerkung, jeder panische Blick erzählt von einer Gesellschaft, in der Frauen allzeit vermessen und beurteilt, infrage gestellt und gedemütigt werden. Dass Danielle nicht davon sprechen will, dass sie ihr Geld nicht als Babysitterin, sondern als Gelegenheitsprostituierte verdient, kann man ja noch verstehen. Obwohl sie dafür eine Erklärung hat, die nach weiblicher Selbstermächtigung klingt, nach Befreiung von gesellschaftlichen Konventionen, die Frauen in besonderer Weise bevormunden und einschränken. Von Danielles Bisexualität wollen die Verwandten nichts wissen, eine gescheiterte Liebesgeschichte wird als "funny business" abgetan, als Experiment, das jetzt bitteschön zu den Akten zu legen sei.

Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, wird Danielle noch mit zwei Überraschungsgästen konfrontiert, ihrer Ex-Freundin Maya, mit der sie eine unverarbeitete Liebe verbindet, und ihrem Sugardaddy Max, der mit einer sehr attraktiven Ehefrau und einem schreienden Baby auftaucht, von dem sie nichts wusste. Immer fester zieht Seligman die Schrauben an, immer näher rücken die Gesichter der Gäste, bis deren albtraumhafte Fratzen ihre Protagonistin im Bild einklemmen, immer lauter werden die unangenehm gezerrten Violinklänge des Soundtracks, die sich mit dem Babygeschrei vermischen: Familie kann der reinste Horror sein!

Shiva Baby, USA, Kanada, 2020 - Buch und Regie: Emma Seligman. Kamera: Maria Rusche. Mit: Rachel Sennot, Molly Gordon, Polly Draper, Fred Melamed. Auf Mubi, 77 Minuten.

© SZ/kni
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