Soziologie Vor lauter Schulden in die Sklaverei

Die Täter achten doch aber darauf, dass es ihren Arbeitern nicht zu gut geht, damit sie sich nicht auflehnen können.

Sie tun etwas sehr Interessantes: Sie planen viel. Bei Sklaverei geht es nicht mehr um Besitz. Es gibt keine Quittung für den Menschen. Es geht nur um Kontrolle. Wie üben sie diese Kontrolle aus? Überwachung funktioniert am besten, wenn du in einer Beziehung zu deinem Opfer stehst. Wenn du weißt, wann die Person Geld braucht. Die Sklavenhalter sagten mir also: "Ich warte auf die Momente, in denen die Arbeiter schwach sind. Dann helfe ich ihnen. Dann schulden sie mir was." Sie achten darauf, dass ihre Arbeiter nicht zu viel Geld haben. Oder zu viel Zeit. Zu viele Ideen. Irgendetwas, was den Wunsch nach Freiheit in ihnen wecken könnte.

Es ist also ein bestimmtes Schema, nach dem sie vorgehen?

Ja. Schritt 1: Schwächen finden, um Kontrolle zu übernehmen. Schritt 2: Diese Schwäche aufrechterhalten, um die Kontrolle zu bewahren.

Zwangsheirat "Meine Geschichte ist traurig, aber ich bin es heute nicht mehr"
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Mit 13 wurde Latisha Förster zwangsverheiratet, so wie vermutlich Millionen anderer Frauen weltweit. Die Verwandten der Münchner Modedesignerin sind sich bis heute keiner Schuld bewusst.   Von Anna Hoben

In Ihrem Buch beschreiben Sie den Fall Gorals, eines Sklavenhalters, der seinem Arbeiter 20 Euro für zwei Jahre Arbeit zahlte, und ihn dann drei weitere Jahre unbezahlt bei sich behielt.

Oft sind die Opfer von Beginn an verletzlich, weil sie keine andere ökonomische Option haben. Es gibt für sie keine andere Methode, an diese 20 Euro heranzukommen, als sie zu leihen. Sobald sie verschuldet sind, haben sie keine andere Möglichkeit als die Sklaverei, um das Geld zurückzuzahlen. Sie haben nichts. In Indien gibt es so viele Menschen in absoluter Armut, sie haben diese 20 Euro einfach nicht. Zudem wissen sie nicht, was ihre Arbeit wert ist.

Es hält sie also eine Verschuldung, die längst abgedient sein müsste, in ihrer Situation.

Ich habe viele Arbeiter getroffen, die mir gesagt haben: "Ich schulde meinem Besitzer so und so viel Geld." Und ich fragte: "Woher weißt du das?" Und sie: "Es steht in dem Buch." Und ich: "Wo ist das Buch?" Und sie: "Im Haus." Ich: "Hast du es je gesehen? Kannst du lesen?" Sie: "Nein." Zehn Minuten später frage ich nochmal: "Hast du das Buch je gesehen?" Und sie: "Nein. Nie." Darum: Wenn dann einer sieht: Da wird eine Straße gebaut. Dein Telefon klingelt. Und du hörst von deinem Nachbarn: In der Stadt gibt es Arbeit. Dann gehst du.

In größerem Zusammenhang betreffen diese Mechanismen uns alle, die wir an unseren Computern sitzen.

Ja. Es geht um die Kompromisse, die wir alle eingehen. In meinem Buch geht es um Indien. Aber in Wirklichkeit geht es um uns alle, die direkt oder indirekt von diesen Umständen profitieren. Das gilt zum Beispiel auch für mein Hemd. Ich mag es, aber weiß ich, wie es hergestellt wurde? Nein. Dafür hab ich keine Zeit. Warum? Weil ich mit Ihnen rede. Ich habe keine Kriminellen interviewt. Ich habe normale Menschen interviewt. Und was diese normalen Menschen, die Täter sind, mir erzählt haben, lehrt mich, was es bedeutet, in einer sich verändernden Welt ein ethisches Leben zu führen. In Indien. In Amerika. In Deutschland. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren plötzlich verantwortlich. Weil sie neue Dinge über ein altes Verhalten erfuhren. Es geht nicht um Indien. Es geht um mich und darum, wer ich heute bin.

Das ist die Herausforderung.

Ja. Vor zwanzig Jahren wussten wir nichts über Sklaverei. Vor zehn Jahren wussten wir nichts über die Opfer und Überlebenden. Heute beginnen wir gerade erst, die Täter zu verstehen. Aber die Täter zu verstehen ist wichtig, wenn wir Sklaverei permanent beenden wollen. Ich denke, dass das möglich ist. Und ich denke, dass es nur möglich ist, wenn wir die soziale Natur der Ausbeutung verstehen.

Austin Choi-Fitzpatrick: "What Slaveholders think"

(Foto: Austin Choi-Fitzpatrick)