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BP und die Briten:Satanische Gelder

Die Wut der Briten auf BP ist riesig, weil das Unternehmen Großbritannien vermeintlich so unverdient in Verruf gebracht hat. Und ausgerechnet das Tate Museum wird von BP gefördert.

Alexander Menden

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko belastet neben der Umwelt auch die Beziehungen zwischen den USA und Großbritannien. Die Briten sehen sich im Hinblick auf die Amerikaner gern in einer beratenden Rolle, wie sie die antiken Griechen vermeintlich für das römische Imperium spielten. Man fühlt sich durch Sprache, Geschichte und nicht zuletzt in der Ausrichtung der Wirtschaftspolitik enger mit den Vereinigten Staaten verbunden als mit den europäischen Partnern.

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Demonstranten schütten eine dunkle Flüssigkeit vor der Tate Modern aus, um gegen BP als Sponsor des Museums zu protestieren.  

(Foto: afp)

Da tat es natürlich besonders weh, als etwa die Stadt New Orleans angesichts der Ölkatastrophe kürzlich eine Kampagne mit dem Slogan startete: "Es ist nicht das erste Mal, das New Orleans die Briten überlebt hat". Und der "spritzende Geysir anti-britischer Rhetorik", den die Daily Mail-Kolumnistin Melanie Philipps bei Präsident Obama vor dessen jüngstem Treffen mit Premier David Cameron ausmachte, verbitterte gerade jene Briten, die den USA zugetan sind.

Warum müssen die Briten den Kopf herhalten?

Gern wird in Kommentaren darauf hingewiesen, BP stehe schon lange nicht mehr für "British Petroleum", sondern für "Beyond Petroleum". Warum müssen also gerade die Briten ihren Kopf dafür hinhalten, wenn ein multinationaler Konzern, der zufällig in London seine Zentrale hat, und dessen (mittlerweile in Amerika äußerst unbeliebter) Vorstandschef Tony Hayward zufällig Engländer ist, einen folgenschweren Fehler begeht?

Außer Zweifel steht, dass die Kritik an BP auf der Insel keineswegs leiser ist als anderswo. Die Wut auf das Unternehmen, das Großbritannien vermeintlich so unverdient in Verruf gebracht hat, ist groß. Das hat nun auch die Tate Britain in eine unangenehme Lage gebracht. Diese Woche feierte das Londoner Museum 20 Jahre der Förderung durch BP. Das nahm eine Protestgruppe zum Anlass, ihre eigene kleine Ölkatastrophe zu inszenieren: Sie schüttete vor dem Eingang der Tate Britain eine zähe, dunkle Flüssigkeit aus und bedeckte sie mit Vogelfedern.

Am gleichen Tag hatte ein Zusammenschluss von 171 Künstlern in einem offenen Brief an den Guardian scharfe Kritik an der Feier und der Fortsetzung der Sponsorenbeziehung zwischen Tate und BP geübt. "Diese Beziehungen ermöglichen es großen Ölgesellschaften, die umweltzerstörende Natur ihrer Aktivitäten mit der sozialen Legitimität zu maskieren, die mit solchen Partnerschaften assoziiert werden", so das Schreiben.

BP-Logo beschmutzt internationalen Ruf

Die Unterzeichner, darunter die Dramatikerin Caryl Churchill, der Karikaturist Martin Rowson, der Künstler Hans Haacke und der Musiker Matthew Herbert, bezeichnen sich als "Querschnitt von Menschen aus der Kunstszene, die der Ansicht sind, dass das BP-Logo den internationalen Ruf der Tate beschmutzt". Viele Künstler seien wütend über diese Partnerschaft. Der offene Brief zieht den Vergleich mit Tabakfirmen, die "vor wenig mehr als einem Jahrzehnt" noch als "achtbare Partner" öffentlicher Einrichtungen angesehen worden seien: "Das ist nicht länger der Fall. Wir hoffen, dass Öl und Gas schon bald in einem ähnlichen Licht gesehen werden."

Tate-Chef Nicholas Serota sagt zu den verschiedenen Protesten nur, dass in einem freien Land jeder demonstrieren dürfe. Der schottische Komponist und politische Rechtsausleger James MacMillan zürnt im Daily Telegraph ominöser Weise, es gehe den BP-Kritikern ja nur um "Grenzüberschreitungen". Guardian-Kritiker Jonathan Jones aber verteidigt das Recht der Tate, Geld von BP zu nehmen.

Angesichts der bevorstehenden Subventionskürzungen komme es vor allem darauf an, die Museen offen und den Eintritt gratis zu halten: "Wenn sie dafür Geld von Satan persönlich bekämen, sollten sie es tun." Die offensichtlichste Frage hat in der Diskussion allerdings noch niemand gestellt: Wenn die Förderung durch BP eine solche Schande darstellt, warum beginnt der Protest erst nach 20 Jahren?

© SZ vom 01.07.2010/luc
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