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Regisseur Bong Joon-ho:Klassenkämpfer mit unverkennbar eigenem Stil

Oscars night, the biggest event in the movie industry's calendar

Bong Joon-ho ist der Überraschungssieger bei den Oscars 2020.

(Foto: RICHARD HARBAUGH/AFP)

Seine Filme zeichnet ein klares Bewusstsein für Machtstrukturen und das Wirken des Kapitalismus aus. Nun hat Bong Joon-ho für "Parasite" vier Oscars gewonnen.

Die Einträge ins Geschichtsbuch kommen Schlag auf Schlag an diesem denkwürdigen Abend in Hollywood. Als der südkoreanische Filmemacher Bong Joon-ho zum ersten Mal auf die Bühne gerufen wird, geht es noch um das beste Originaldrehbuch für seinen Film "Parasite" - das war der erste Oscar für das Land Korea überhaupt. Beim zweiten Mal war der beste internationale Film dran, damit hatten alle gerechnet. Beim dritten Man hielt er den Oscar für die beste Regie in Händen, eine kleine Sensation, und beim vierten Mal, zum Finale des Abends, kam der Hauptpreis dazu - für den besten Film überhaupt. Damit geht Bong Joon-ho in die Annalen ein. Kein nicht-englischsprachiges Werk hat zuvor diese scheinbar unüberwindliche Hürde geknackt.

Wer ist dieser Mann, der selbst cineastische Schwergewichte wie Martin Scorsese und Quentin Tarantino in diesem Jahr auf die hinteren Plätze verwiesen hat? Sein Werk spiegelt die Entwicklung des südkoreanischen Kinos hin zu globaler Durchschlagskraft, es vereinigt schwarzen Humor, unsentimentale Gesellschaftsanalyse, historisches Bewusstsein für die Wunden des geteilten Landes, knallige Genreszenen, Actionelemente und sogar Monstereffekte. Anders gesagt, der 50-Jährige mit dem Mondgesicht und dem bubihaften Lockenkopf ist mit allen Wassern des Kinos gewaschen, bewahrt sich aber erfolgreich einen unverkennbar eigenen Stil.

Als jüngstes von vier Geschwistern wurde Bong Joon-ho 1969 in Daegu geboren, einige Kindheitserinnerungen haben mit den amerikanischen Soldaten, ihren Militärbasen und ihrer Siegerattitüde zu tun. In seinem späteren Horrorthriller "The Host" sind es dann auch arrogante Amerikaner, die Chemieabfälle einfach im Fluss verklappen und dadurch erst ein tödliches, Godzilla-artiges Monster erschaffen. Die Behörden reagieren mit paramilitärischen Abriegelungen und setzen Gas gegen die aufgebrachten Bürger ein - eine weitere Szene, die aus der eigenen Biografie heraus inspiriert ist. In seinem Studium Ende der Achtzigerjahre erlebte Bong Joon-ho die Geburt der südkoreanischen Demokratie aus Studentenprotesten und Straßenschlachten - Tränengas und Molotow-Cocktails gehörten zum Kampf dazu.

All seine Filme zeichnet ein klares Bewusstsein für Macheet- und Klassenstrukturen und das Wirken des Kapitalismus aus, dass kann sich in seinen Science-Fiction-Werken bis zu handfesten Dystopien steigern. In dem Film "Okja", für den Netflix ihm völlig freie Hand ließ, werden genetisch modifizierte Riesenschweine zu misshandelten Fleischlieferanten, und ein Mädchen setzt alles daran, sein geliebtes Hausschwein aus dem einem gigantischen Schlachthaus zu befreien, das auffällig an ein Konzentrationslager erinnerte. In "Snowpiercer" wiederum, auf Englisch für den internationalen Markt gedreht, rast ein Zug durch eine unbewohnbar gewordene, vereiste Welt - und die Geknechteten in der Holzklasse liefern sich blutige Gefechte mit den Privilegierten im vorderen Teil des Zuges.

Der Film "Parasite", der jetzt bei den Oscars abgeräumt hat und zuvor schon die Goldene Palme in Cannes gewann, markiert eine Rückbesinnung auf das Korea der Gegenwart, deshalb ist der internationale Erfolg umso bemerkenswerter. Bong Joon-ho erzählt darin eine alltäglichere, aber nicht weniger packende Geschichte. Eine Familie von bauernschlauen Gelegenheitsarbeitern um Bongs komödiantisch begabten Lieblingsschauspieler Song Kang Ho verschafft sich Jobs bei einer Millionärsfamilie im Villenviertel von Seoul, das beginnt mit gefälschten Referenzen und endet mit der Komplettübernahme des Hauses, was auch wieder in einen absurden Klassenkampf mündet. Wie unerreichbar so ein Villenleben auf legalen Weg wäre, hat Bong Joon-ho genau errechnet: "Meine Unterklassen-Familie hätte dafür exakt 547 Jahre arbeiten müssen", sagt er.

© SZ.de/cag
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