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Bildband "Kriegskinder":Wenn der Krieg zur Kindheit gehört

Sie sind die letzte Generation, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Fotografin Frederike Helwig sucht in Porträts von heute nach Kindheitserinnerungen von damals.

Von Ekaterina Kel

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Werner Weber (1939 in Dortmund)

Fotobuch Kriegskinder von Frederike Helwig und Anne Waak

Quelle: Frederike Helwig

Als Werner Weber klein war, hat er zusammen mit anderen Jungs einem Toten am Straßenrand Kieselsteine in den Mund geworfen. Mehr als sieben Jahrzehnte später blickt er in die Kamera der Fotografin Frederike Helwig. Zusammen mit der Autorin Anne Waak ist sie drei Jahre lang durch Deutschland gereist und hat 45 Menschen wie Werner Weber fotografiert. Eine Sache haben alle ihre Modelle gemeinsam: Sie sind Kinder der Tätergeneration, geboren kurz vor Ausbruch oder während des Zweiten Weltkriegs.

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Hannelore Bille (1936 in Berlin)

Fotobuch Kriegskinder von Frederike Helwig und Anne Waak

Quelle: Frederike Helwig

Mit Hilfe von Zeitungsanzeigen haben Helwig und Waak die Protagonisten für ihr Fotobuch gefunden. Sie sind zu den Menschen nach Hause gefahren, haben sie an den Orten getroffen, wo sie sich aufgehoben fühlen. Und die Frauen und Männer erzählten: von Ruinen, Leichen und toten Pferden am Straßenrand und von Bomben. "Kriegskinder" lautet der Titel des Buches, in dem die Porträts neben kurzen Textblöcken stehen. In einfachen Sätzen berichten die von den schwer verdaulichen Szenarien eines Kinderlebens im Krieg. Wie Hannelore Bille, die überall herumlief, um ihrer sterbenden Mutter unbedingt noch Limonade zu besorgen.

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Anneliese Rübesamen (1938 in München)

Fotobuch Kriegskinder von Frederike Helwig und Anne Waak

Quelle: Frederike Helwig

Die Poesie der Erinnerungen liegt dabei in der unmittelbaren Authentizität und dem Kinderblick, der durch die Zeilen wieder auflebt. Anneliese Rübesamen wollte zu ihrer Freundin auf die andere Straßenseite laufen, da hörte sie die feindlichen Flugzeuge. Die Wörter formen ihr Erlebtes nach: "Oben, in diesem strahlend blauen Himmel, die Bomber, silbern, in Formation, ganz hoch oben, ohrenbetäubend laut."

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Brigitte Böhme (1937 in Dortmund)

Fotobuch Kriegskinder von Frederike Helwig und Anne Waak

Quelle: Frederike Helwig

So manche Erinnerung scheint skurril, wie die von Brigitte Böhme. Als Kind beobachtet sie eine tote Frau, deren Leiche auf einem See schwimmt: "Ihr Rock hat sich aufgebläht, der Wind weht rein und sie segelt auf dem Teich entlang." Dieses Fragment steht als Textzeile ganz ungeschützt neben der Fotografie. Sie nimmt eine Pose für die Kamera ein, eine adrette, leicht lächelnde Person mit Schmuckbrosche aus Bernstein. Sofort sucht man nach den Spuren dieses verstörenden Erlebnisses in ihrem Gesicht. "Wir wollten die Erinnerung aus der Kindheit dem Leben heute gegenüberstellen", sagt Fotografin Frederike Helwig.

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Julia Glatzel (1939 in Karlsbad, heute Tschechien)

Fotobuch Kriegskinder von Frederike Helwig und Anne Waak

Quelle: Frederike Helwig

Bei vielen Text-Bild-Paaren fällt der Kontrast zwischen damaligem Schrecken und heutiger Unversehrtheit, ja Normalität ins Auge. Helwig und Waak wollten "einfach mal gucken, was kommt", wenn sie die Menschen nach den Erinnerungen an ihre Kindheit fragten. Einige Schilderungen kamen erschütternd und ehrlich daher, andere wiederum konnten ganz banal sein. Viele rührten gar nicht an ihren Traumata, so Helwig. Am Ende einer Erzählung hörte die Fotografin oft, dass die Kindheit eigentlich doch eine glückliche gewesen sei. Eine Verdrängung? "Es ist gut, Emotionen an die Oberfläche zu bringen, um das Reflektieren anzufangen", sagt Helwig.

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Peter Brötzmann (1941 in Remscheid)

Fotobuch Kriegskinder von Frederike Helwig und Anne Waak

Quelle: Frederike Helwig

Die Menschen im Heute zu dokumentieren, reichte der Fotografin nicht aus. Von Anfang an ist ihr klar gewesen, dass ihre Fotografien nach Texten verlangen. In "Kriegskinder" steht Erinnerung neben Gegenwart, beides sind Facetten eines Menschen, dem der Betrachter auf mehreren Ebenen begegnen kann: Indem er nach der Erinnerung im Bild sucht, zum Beispiel. Zeigen sich in diesen Falten womöglich Spuren der Trauer, des Schmerzes, des Schreckens?

Als die 1968 geborene Helwig selbst Mutter wurde, habe sie sich verstärkt für die Generation ihrer eigenen Eltern interessiert. "Mir war nie so richtig bewusst, was sie vom Krieg mitbekommen haben." Was Peter Brötzmann ihr erzählte, beginnt fast anekdotenhaft: Als seine Mutter beschlossen hat, zu fliehen, vertauschte sie in der Hektik des Aufbruchs seinen linken und seinen rechten Schuh. Kilometerweit musste er in den verkehrt angezogenen Schuhen laufen, die Bombenangriffe auf den Treck, Entlausungsduschen und die dünne Suppe in den Flüchtlingslagern erwähnt er nur in Halbsätzen. Beim Lesen stolpert man über die Schilderungen, weil sie so unvermittelt kommen. Für Brötzmann aber haben sich die Schuhe und die Suppen beide ins Gedächtnis eingeprägt.

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Gisela Zirn (1939 in Dortmund)

Fotobuch Kriegskinder von Frederike Helwig und Anne Waak

Quelle: Frederike Helwig

Es stecke viel zwischen den Zeilen, wenn die heute über 70-Jährigen erzählten, erinnert sich die Fotografin. Die Erziehung erlaube vielen bis heute nicht, offen über ihre Traumata zu sprechen. Nicht umsonst stammen Sätze wie "Reiß' dich zusammen" und "Du musst jetzt tapfer sein" aus dieser Generation. Statt Schuldgefühle zu unterdrücken und Erinnerungen an Hungersnöte zu verdrängen, sei es an der Zeit, verantwortungsvoll mit der eigenen Geschichte und der Geschichte der Eltern, die zur Tätergeneration gehörten, umzugehen. Helwig redet vom Konzept des "Passing down trauma", auf Deutsch das Weitergeben traumatischen Erlebnissen von Generation zu Generation. Die Fotografin lebt seit 25 Jahren in London, manche Begriffe fallen ihr mittlerweile zuerst auf Englisch ein.

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Wolf-Dieter Glatzel (1941 in Berlin)

Fotobuch Kriegskinder von Frederike Helwig und Anne Waak

Quelle: Frederike Helwig

Was hat mein Großvater oder Urgroßvater im Krieg eigentlich gemacht? Eine Frage, die durch Helwigs künstlerischen Ansatz wieder ins Bewusstsein rückt. Der Betrachter könne beim Blättern im Fotobuch Empathie entwickeln, hofft die Fotografin. Ein emotionaler Zugang zu den alt gewordenen Kindern von damals sei wichtig. Denn das Mitgefühl fördere im besten Fall die Frage nach der Vergangenheit in der eigenen Familie. Wenn es einen Dialog zwischen Generationen innerhalb einer Familie anregt, wenn subtile Schuldgefühle von bewusster Verantwortung abgelöst werden, dann sei sie mit dem Bildband in die richtige Richtung gegangen, so Helwig.

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Rotraud Klein-Moquay (1938 in Wustow)

Fotobuch Kriegskinder von Frederike Helwig und Anne Waak

Quelle: Frederike Helwig

Bewusst hat Helwig darauf verzichtet, ihre eigenen Eltern zu porträtieren. "Das Buch soll nicht autobiografisch sein." In "Kriegskinder" sind nur Deutsche zu sehen, darunter viele Vertriebene aus dem Gebiet des heutigen Polens oder Tschechiens. Sie sind damit aufgewachsen, dass ihre Väter und Mütter möglicherweise Täter waren, sich mitschuldig gemacht haben oder vielleicht Verbrechen begingen, ohne darüber zu reden.

Die Porträts und Geschichten sind vom 2. Februar an bis zum 8. April in der Galerie fhoch3 in Berlin zu sehen.

Frederike Helwig und Anne Waak: Kriegskinder, Hatje Cantz Verlag, Berlin 2017, 104 Seiten, mit englischem Begleitheft, 35 Euro

© SZ.de/kel/cag/dd
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