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Bildband "Confrontier":Die Berliner Mauer ist überall

Die Parole "Die Mauer muss weg!" ist dem Kontext der deutschen Wiedervereinigung entwachsen, längst gilt sie auf der ganzen Welt. Denn seit Ende des Kalten Krieges sind weltweit mehr Grenzen zementiert als eingerissen worden - in den USA, in Palästina oder im Irak. Der Fotograf Kai Wiedenhöfer hat die Wiederauferstehung der Mauer dokumentiert.

Von Johannes Spengler

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Bildband "Confrontier":Jerusalem, Sportplatz der Al-Quds-Universität, Palästina 2005

Der Bildband "Confrontier" von dem Fotografen Kai Wiedenhöfer

Quelle: Steidl Verlag

Die Parole "Die Mauer muss weg!" ist dem Kontext der deutschen Wiedervereinigung entwachsen, längst gilt sie auf der ganzen Welt. Denn seit Ende des Kalten Krieges sind weltweit mehr Grenzen zementiert als eingerissen worden - in den USA, in Palästina oder im Irak. Der Fotograf Kai Wiedenhöfer hat die Wiederauferstehung der Mauer dokumentiert.

"Über einer neun Meter hohen Mauer kann man sich nicht die Hände reichen." Dieser Satz stammt ausnahmsweise nicht von einem Schriftsteller, Philosophen oder Politiker. Er kommt von einem Rentner aus den besetzten Palästinensergebieten, von einem Menschen also, der seinen Alltag im Schatten einer Mauer verbringt. Seit 2003 verschanzt sich der israelische Staat hinter einem gewaltigen Bollwerk aus Beton. Doch die Grenze zwischen Israel und Palästina ist weltweit nicht die einzige, an der in den vergangenen Jahrzehnten wieder Mauern errichtet wurden, wie Kai Wiedenhöfer, der in Berlin als freier Dokumentarfotograf arbeitet, in seinem neuen Bildband "Confrontier" zeigt.

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Bildband "Confrontier":Belfast, Kirk Crescent, Nordirland 2006

Der Bildband "Confrontier" von dem Fotografen Kai Wiedenhöfer

Quelle: Steidl Verlag

Auch in Europa gehören solche Grenzen zum Alltag: Seit dem Ausbruch des Nordirlandkonflikts in den sechziger Jahren sind protestantische und katholische Stadtviertel in Belfast durch sogenannte Peace Lines voneinander getrennt. Offiziell herrscht zwar seit 1997 Frieden, doch die Troubles schwelen noch immer. Erst im Juli kam es zu heftigen Straßenschlachten, als Protestanten den Sieg Williams III. über den katholischen James II. im Jahr 1690 in der Schlacht am Boyne feierten. Bei Umfragen geben die Bewohner von Belfast deshalb regelmäßig an, dass die Mauern ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

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Bildband "Confrontier":Nogales, Mexiko/USA 2008

Der Bildband "Confrontier" von dem Fotografen Kai Wiedenhöfer

Quelle: Steidl Verlag

Ob Mauern wirklich für mehr Sicherheit sorgen ist allerdings stark umstritten. Auch Wiedenhöfer sieht das skeptisch: "Sie dienen bloß dazu, ein psychologisches Signal zu senden und zu beruhigen." Der 1125 Kilometer lange Grenzwall zwischen Mexiko und den USA sei ein gutes Beispiel dafür. "Das ist doch nicht mehr als eine Bremsschwelle", sagt Wiedenhöfer. "Die Leute überqueren die Mauer in 30 bis 45 Sekunden. Letzten Endes ist der Grenzzaun bloß dafür da, den amerikanischen Bürgern zu zeigen, dass etwas getan wird, um sie zu 'beschützen'", so der Fotograf.

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Bildband "Confrontier":Naco, USA/Mexiko 2008

Der Bildband "Confrontier" von dem Fotografen Kai Wiedenhöfer

Quelle: Steidl Verlag

Auch in den USA selbst reift die Erkenntnis, dass der löchrige Grenzwall nicht hält, was er verspricht. Umstritten ist das Projekt vor allem, weil der Erhalt der Anlage in den kommenden 20 Jahren laut New York Times geschätzte 6,5 Milliarden Dollar kosten wird. Und, weil trotz der Milliardenausgaben für Sicherheitstechnik und -personal die Gewalt, die im mexikanischen Grenzgebiet herrscht, längst auf die USA übergeschwappt ist. Janet Napolitano, derzeitige Heimatschutzministerin, sagte bereits im Jahr 2007: "Zeigt mir eine 15 Meter hohe Mauer und ich zeige euch eine 16 Meter hohe Leiter."

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Bildband "Confrontier":Panmunjeom, demilitarisierte Zone, Korea 2009

Der Bildband "Confrontier" von dem Fotografen Kai Wiedenhöfer

Quelle: Steidl Verlag

Dass der Bau einer Mauer langfristig nicht zu der Lösung eines Problems beitragen kann, beweist auch die Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Bei einem Besuch in der Demilitarisierten Zone (DMZ) zwischen den beiden Staaten nannte der ehemalige US-Präsident Bill Clinton das Grenzgebiet den "furchteinflößendsten Ort auf der Welt." Seit 1953 stehen sich hier Soldaten beider Seiten am 38. Breitengrad gegenüber, getrennt durch einen Minengürtel, Selbstschussanlagen und Befestigungen. Der ursprüngliche Konflikt werde durch den Mauerbau nicht gelöst, erklärt Weidenhöfer, sondern zementiert und letzten Endes sogar verschärft. Wie die andauernden Provokationen aus Nordkorea zeigen.

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Bildband "Confrontier":Bil'in, Westjordanland, 2010

Der Bildband "Confrontier" von dem Fotografen Kai Wiedenhöfer

Quelle: Steidl Verlag

Zu einer friedlichen Einigung kann es bloß dann kommen, wenn beide Seiten miteinander reden. Hinter Mauern aber wachsen Vorurteile. "Man hat nichts mehr miteinander zu tun", sagt Wiedenhöfer. "Als ich 1989 in Jerusalem war, haben viele Palästinenser in Israel gearbeitet, sogar Hebräisch gesprochen. Die Menschen hatten eine Vorstellung voneinander." Heute sei das anders: "Ein Kind, das heute in Gaza aufwächst, weiß nichts über Israel. Was es sieht, das ist ein Merkava-Kampfpanzer, eine Drohne oder eine F-16 und vielleicht einen Soldaten aus der Entfernung."

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Bildband "Confrontier":Bagdad, Dora Expressway, Irak 2012

Der Bildband "Confrontier" von dem Fotografen Kai Wiedenhöfer

Quelle: Steidl Verlag

Doch gerade als vorübergehende Lösungen sind Mauern im vergangenen Jahrzehnt wieder verstärkt eingesetzt worden. So wie hier in Bagdad, wo sogenannte Blastwalls sunnitische und schiitische Stadtviertel voneinander trennen. Die Betonblöcke sollen die Bewohner der Viertel vor Bombenattentaten schützen, seitdem die Gewalt zwischen den religiösen Gruppen bereits kurz nach dem Einmarsch der US-Truppen 2003 eskaliert ist.

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Bildband "Confrontier":Bagdad, Sadr City, Irak 2012

Der Bildband "Confrontier" von dem Fotografen Kai Wiedenhöfer

Quelle: Steidl Verlag

Obwohl der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki im August 2009 den Abriss der Blastwalls angekündigt hat, befinden sich viele der drei Meter hohen Betonbarrieren immer noch an Ort und Stelle. Was vorher gemischte Stadtviertel waren, sind heute Ghettos. "Jede Konfession hat sich in ihre Burg zurückgezogen", erläutert Wiedenhöfer. Die Gesellschaft ist entlang der konfessionellen Grenzen gespalten und durch die Abschottung voneinander ist der Konflikt vertieft worden, beide Seiten haben sich radikalisiert.

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Bildband "Confrontier":Nikosia, Lidimis Street, Zypern 2012

Der Bildband "Confrontier" von dem Fotografen Kai Wiedenhöfer

Quelle: Steidl Verlag

Von allen Lösungsansätzen für einen Konflikt scheint der Bau einer Mauer der einfachste. Wie schwer es allerdings ist, sie wieder einzureißen, zeigt Zypern: Seit 1974 ist die Insel zwischen dem griechischen Süden (die Republik Zypern) und dem türkischen Norden (die Türkischen Republik Nordzypern) geteilt, mit einer Grenze, die auch direkt durch die Doppelhauptstadt Nikosia/Lefkoşa verläuft. Beruhigt hat sich die Lage trotzdem nicht. Entlang der 180 Kilometer langen Grünen Linie sind auch heute noch 862 Blauhelmsoldaten stationiert, um den Frieden zu sichern.

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Bildband "Confrontier":Ceuta, Via Publica Arroyo de las Bombas, Spanien 2009

Der Bildband "Confrontier" von dem Fotografen Kai Wiedenhöfer

Quelle: Steidl Verlag

Beruhigen sollen sie, ein Zeichen setzen und Sicherheit vorgaukeln, wo vielleicht gar keine ist. Vor allem dienen Mauern aber dazu, ein Problem unsichtbar zu machen. So wie hier in der spanischen Exklave Ceuta an der nordafrikanischen Küste. Ceuta und auch Melilla sind die ersten Anlaufpunkte für Armuts- und Bürgerkriegsflüchtlinge aus der Mitte Afrikas. Sie hoffen, hier europäischen Boden betreten zu können. Stattdessen stehen sie vor einer Hightech-Festung mit Kameras und Bewegungsmeldern. Die Überquerung des Mittelmeers bleibt dann ihr einziger Ausweg. Wie viele Flüchtlinge auf See ums Leben gekommen sind, ist unklar: Schätzungen zufolge sollen allein 2011 1500 Menschen verschollen oder ertrunken sein.

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Bildband "Confrontier":Berlin, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Deutschland 2011

Der Bildband "Confrontier" von dem Fotografen Kai Wiedenhöfer

Quelle: Steidl Verlag

Letzten Endes steht keine Mauer auf ewig, da ist sich Wiedenhöfer sicher. Er selbst war beim Fall der Berliner Mauer dabei und beschreibt das Ereignis als die positivste politische Erfahrung seines Lebens. "Die Berliner Mauer steht dafür, dass ein friedlicher Wandel möglich ist", sagt der Fotograf. Ihre Bedeutung hat sich also mit der Zeit verändert: Vom Fanal des Kalten Krieges hin zum Symbol einer friedlichen Revolution.

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Bildband "Confrontier":Berlin, West Side Gallery, Deutschland 2013

Ausstellung "Wall on Wall" von Kai Wiedenhöfer an der Berliner Mauer

Quelle: Kai Wiedenhöfer

Dass der Fall der Berliner Mauer so etwas wie ein Vorbild für friedliche Revolutionen auf der ganzen Welt sein kann, dafür steht die Ausstellung "Wall on Wall". Entlang der West Side Gallery (die Rückseite der East Side Gallery) sind die Fotografien Wiedenhöfers an den Überresten der innerdeutschen Mauer angebracht. Die Botschaft: Die Berliner Mauer ist überall. Zuerst mag das entmutigend klingen, es vermittelt aber auch die Hoffnung auf einen gewaltlosen Umbruch, wie er in der DDR stattgefunden hat.

Die Ausstellung "Wall on Wall" läuft bis zum 13. September in Berlin.

Der Bildband "Confrontier" von Kai Wiedenhöfer wird im Oktober im Steidl Verlag erscheinen.

© Süddeutsche.de/jspe/cag/leja

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