Ausschreitungen in Nordirland Parade der Gewalt

Tausende Protestanten randalieren, werfen Molotowcocktails oder greifen Polizisten mit historischen Schwertern an: Das Krawall-Wochenende in Belfast zeigt, wie zerbrechlich der Frieden in Nordirland immer noch ist. Die Protestanten fürchten die katholische Vision eines vereinten Irland - und sie fühlen sich wirtschaftlich abgehängt.

Von Christian Zaschke, London

Die Polizisten aus England, Schottland und Wales wussten wohl, dass es ungemütlich werden könnte in Belfast, weil es auf dem Höhepunkt der Marschsaison immer wieder Ärger gibt. Was sie nicht wissen konnten: dass es so ungemütlich werden würde wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Am Freitag und in der Nacht zum Sonntag haben Tausende Protestanten in der nordirischen Hauptstadt randaliert. Sie warfen Steine, Flaschen und Molotowcocktails, eine Gruppe attackierte die Polizei mit historischen Schwertern. In der Nacht zu Montag kam es erneut zu Ausschreitungen.

40 Beamte wurden bei den Krawallen am Wochenende verletzt. Der langjährige nordirische Vertreter im Londoner Parlament, Nigel Dodds, wurde bewusstlos ins Krankenhaus gebracht, nachdem er von einem Ziegelstein am Kopf getroffen worden war. Der Vize-Vorsitzende der regierenden konservativen Democratic Unionist Party hatte vergeblich versucht, die Randalierer an einer Straßensperre zu beruhigen.

Tausend Polizisten aus England, Schottland und Wales waren zur Verstärkung gekommen, weil die Polizei von Nordirland kein Risiko eingehen wollte. Viertausend Beamte waren am Wochenende im Einsatz, doch gelang es ihnen kaum, die Randalierer zu kontrollieren.

Provozierende Marschrouten

Von April bis August findet in Nordirland die Marschsaison statt. Beide Gruppen im Land marschieren: sowohl die protestantischen Unionisten, die wollen, dass Nordirland weiterhin Teil des Vereinigten Königreichs bleibt, wie auch die katholischen Nationalisten, die mehrheitlich für ein vereintes Irland eintreten. Die Gruppen tragen Banner und spielen traditionelle und religiöse Lieder. Höhepunkt der Saison ist der 12. Juli, an dem die Protestanten den Sieg Williams III. über den katholischen James II. im Jahr 1690 in der Schlacht am Boyne feiern.

Die Protestanten bestehen in der Regel darauf, entlang der Routen zu laufen, auf denen sie schon immer marschieren. Diese führen allerdings zum Teil unmittelbar an katholischen Vierteln vorbei. Die Bevölkerung dort fühlt sich provoziert. Das führte lange zu sehr genau vorhersehbaren Unruhen besonders in Belfast. Seit 1998 gibt es die "Parades Commission". Diese versucht, zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen zu vermitteln, indem sie festlegt, wo marschiert werden darf und wo nicht.

1998 ist auch das Jahr des Karfreitagsabkommens, in dem beide Lager Frieden schlossen, nachdem zuvor in den verharmlosend sogenannten Troubles in 30 Jahren mehr als dreitausend Menschen getötet worden waren. Ins Verhältnis zur Größe der Bevölkerung gesetzt, bedeutet diese Zahl, dass in Deutschland bei einem vergleichbaren Streit zweier Bevölkerungsgruppen im selben Zeitraum knapp 140.000 Menschen getötet worden wären.

Die Arbeit der "Parades Commission" führte zwar immer wieder zu Ärger auf beiden Seiten, aber sie führte auch zu Kompromissen und mehr Ruhe. In diesem Jahr hatte die Kommission verfügt, dass der protestantische Hauptmarsch in Belfast auf dem Hinweg direkt an einem katholischen Viertel vorbeiführen dürfe, nicht aber auf dem Rückweg. Das hat den konservativen protestantischen Oranier-Orden so erzürnt, dass er zum massenhaften Protest aufrief. Diesem Aufruf folgten Tausende Protestanten, und viele beteiligten sich an den gewaltsamen Ausschreitungen.

Das Wochenende hat gezeigt, wie zerbrechlich der Frieden in Nordirland immer noch ist. Die Ausschreitungen des Wochenendes stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit einer Entscheidung vom Dezember 2012. Damals hat der Stadtrat von Belfast beschlossen, dass der Union Jack, die Flagge des Vereinigten Königreichs, nicht mehr täglich über dem Rathaus zu sehen sein soll. Dort hatte die Fahne seit 1906 täglich geweht.

Nun wird sie an lediglich 18 Tagen im Jahr gehisst. Unter Protestanten hatte diese Entscheidung erst zu Empörung und dann zu gewaltsamem Protest geführt. Für sie war die Entscheidung eine zutiefst symbolische Handlung, die in ihren Augen bedeutet, dass die Nationalisten ihrem Ziel immer näher kommen: einem vereinigten Irland.

"Beschämend und schändlich"

Nachdem während der Troubles die katholische Minderheit lange systematisch benachteiligt worden war, gewannen die Protestanten zuletzt den Eindruck, dass nun sie es sind, die fortwährend zurückstecken müssen. Die vermeintlich harmlose Entscheidung der "Parades Commission" ist für sie in diesem größeren Zusammenhang nur ein weiterer Beweis dafür, dass sie benachteiligt werden. Viele junge Protestanten fühlen sich wirtschaftlich abgehängt. Die Jugendarbeitslosenquote liegt in Nordirland konfessionsübergreifend bei 23,8 Prozent.

Der nordirische Polizeichef Matt Baggott nannte die Ausschreitungen "beschämend und schändlich". Er kritisierte den Oranier-Orden scharf dafür, zu den Protesten aufgerufen zu haben: "Sie haben Tausende Menschen zum Protest aufgerufen und hatten keinen Plan und keinerlei Kontrolle. Das ist nicht verantwortungsvoll. Das passende Wort dafür ist: rücksichtslos." Der Orden hat mittlerweile dazu aufgerufen, die Proteste einzustellen.