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Beyoncé:Beyoncés Marienbild: Der Messias wird kommen

Beyoncés Bild mit Babybauch sprengt alle Instagram-Rekorde, weil es uns vor ein Paradox stellt: Empowerment und unbefleckte Empfängnis, geht das zusammen?

Die Beziehung zwischen Beyoncé Knowles-Carter und dem Internet lässt sich in einem sehr kurzen Satz zusammenfassen: she slays. Dort, wo Beyoncé aufschlägt, vernichtet sie. Als 2013 ihr selbstbetiteltes Album "Beyoncé" plötzlich und ohne Ankündigung im iTunes-Store stand, brachen die Server von Apple zusammen. Nun reicht ein Bild ihres Babybauches, um den erfolgreichsten Instagram-Post aller Zeiten zu kreieren. Binnen eines Tages.

Das bedeutet: irrwitzig viele Likes in irrwitzig kurzer Zeit. Und das wiederum bedeutet, dass es hier offensichtlich um mehr geht, als um die freudige Promi-Nachricht von Zwillingen. Das beginnt mit der Ikonografie des Bildes. Beyoncé inszeniert sich als spärlich bekleidete Marienfigur unter hauchdünnem Schleier. Und wieder vernichtet sie damit.

Die emanzipierte Königin des Pop, eine heilige Maria?

Wie geschmackvoll der gigantische Blumenkranz im Hintergrund ist, darüber lässt sich streiten. Man kann sich das Bild in seiner überladenen Anmutung recht gut im staubigen Schaufenster eines Fotoladens in einer deutschen Mittelstadt vorstellen. Aber Ästhetik lässt sich nicht ohne den Rahmen denken, in dem sie stattfindet. Und in dem Rahmen, in dem es steht, verrät uns das Bild einiges über den Zustand der Popkultur im noch jungen Jahr 2017.

Beyoncés Babybauchbild konfrontiert die Betrachter mit einem Paradox: Die emanzipierte Königin des Pop, eine heilige Maria? Empowerment und unbefleckte Empfängnis - geht das zusammen?

Es geht. Pop und Religion sind schließlich gerade in der schwarzen Musiktradition eng miteinander verknüpft - im Blues, im Gospel, im Soul. Und 2016 war das Jahr, in dem die Spiritualität ihren Weg zurück ins innovative Herz des Pop gefunden hat. Auf zwei der interessantesten Alben des vergangenen Jahres, Kanye Wests "The Life of Pablo" und "Coloring Book" von Chance The Rapper, kollaborieren die beiden Künstler mit Kirk Franklin, einem der erfolgreichsten Gospel-Musiker der USA. Und während der eine auf dem "Ultralight Beam" eines göttlichen Traums schwebt, lässt sich der andere ein himmlisches Schwert reichen, um die Mauern von Jericho zum Einsturz zu bringen. Aus Hip-Hop wird Neo-Gospel.

Heilige und Hure, betrogene Ehefrau und strafende Weltenmutter. Wenn das mal keine Selbstermächtigung ist

Beyoncés Spiritualität wiederum beschränkt sich keineswegs auf die christliche Religion oder gar die jungfräuliche Mutter Gottes, so wie es ihr Instagram-Post nahelegt. Im Film zu ihrem Album "Lemonade" inszeniert sie sich mal als rachsüchtige Kriegs-, mal als westafrikanische Fruchtbarkeitsgöttin. Auf ihrer Homepage hat sie außerdem weitere Bilder veröffentlicht: Beyoncé als Venus. Beyoncé als spätrömische Herrscherin. Beyoncé als urbane Urlauberin und Familienmensch.

Das alles will sagen: Ihre Götterwelt ist eine polytheistische. Sie selbst vereint alles in einer Person: Heilige und Hure, betrogene Ehefrau und strafende Weltenmutter. Wenn das mal keine Selbstermächtigung ist. Und dazu noch eine hochgradig zeitgemäße Form von Spiritualität.

Bleibt die Frage nach dem Warum. Woher kommt dieser aktuelle Drang zur Spiritualität, zur göttlichen Inszenierung? Das ist tatsächlich die interessanteste Erkenntnis, die aus Beyoncés Babybauchbild zu gewinnen ist. Es steht für eine Zeitenwende in der Popkultur: die Rückkehr der gottgleichen Heldenfigur. Der postideologische Gleichklang der vergangenen zwei Jahrzehnte hat dazu geführt, dass die Figur des heroischen Retters, des Kämpfers für das Gute überflüssig geworden war. Das 21. Jahrhundert hat bislang zwar jede Menge Superstars produziert, Social-Media-High-Performer und Casting-Berühmheiten - aber kaum Helden.

Superschurken gebären Superhelden

Nun aber scheinen die Zeiten wieder so finster wie lange nicht mehr, die Bösen sind zurück. Zumindest aus Sicht des liberalen Künstler-Amerikas. Und wie immer, wenn die Welt - auch in echt, garantiert aber in der Popkultur - aus dem Gleichgewicht gerät, treten Gegenkräfte auf. Tiefes Dunkel bringt Lichtgestalten. Superschurken gebären Superhelden.

Das Ehepaar Knowles-Carter hat sich soeben endgültig zu Heilsbringern aufgeschwungen, zu Vorbildern und Helden für die Kämpfe, die da kommen mögen. Auch deshalb feiert das Internet die freudige Botschaft. Der Messias wird kommen, und das auch noch im Doppelpack. Acht Millionen Menschen gefällt das.

© sz.de/biaz/sks

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