Neues Album von Beyoncé Beyoncé erzählt aus Sicht der Verlierer - aus Sicht der schwarzen Frau

Beyonce smiles after performing during the half-time show at the NFL's Super Bowl 50 football game between the Carolina Panthers and the Denver Broncos in Santa Clara Beyonce smiles after performing during the half-time show at the NFL's Super Bowl 50 football game between the Carolina Panthers and the Denver Broncos in Santa Clara, California February 7, 2016. REUTERS/Lucy Nicholson

(Foto: REUTERS)

Man muss Beyoncés Album nicht auf Anspielungen zum Zustand der Ehe mit Jay-Z abklopfen. "Lemonade" hat eine unüberhörbare Botschaft.

Albumkritik von Julian Dörr

Die Überraschung ist nicht neu, aber die Wut. In der Nacht von Samstag auf Sonntag hat Beyoncé ihr neues Album "Lemonade" veröffentlicht - exklusiv beim Streaming-Anbieter Tidal und begleitet von einem einstündigen Musikvideofilm beim Sender HBO. Der Release als Event - an diese Popstar-Taktik haben wir uns spätestens nach Rihanna und Kanye gewöhnt. Die Wut aber in Beyoncés Stimme ist neu.

"Who the fuck do you think I am?", donnert sie den Hörern in "Don't Hurt Yourself" entgegen. Die Platte hat sich da gerade warmgelaufen, aber Beyoncé ist schon bis an ihre Grenzen gegangen. Die Stimme: erst rau, dann schrill, dann bricht sie. Das ist neu, das ist stark. Der Song ist ein kleiner, fies verzerrter Blues-Stampfer aus dem Roots-Rock-Baukasten von Jack White. Eines wird hier schon deutlich - das ist keine gewöhnliche Mainstream-Pop-Platte. "Lemonade" ist vielmehr ein großes amerikanisches Album, das die Geschichte aus der Sicht der Verlierer erzählt: aus der Sicht der schwarzen Frau.

Beyoncé will die ganz große Geste der Selbstermächtigung

Im Film - und man muss "Lemonade" zwingend als audio-visuelles Gesamtkunstwerk wahrnehmen - wird der lärmende Wutausbruch von "Don't Hurt Yourself" durchschnitten von einer Malcom-X-Rede:

The most disrespected person in America is the black woman. The most unprotected person in America is the black woman. The most neglected person in America is the black woman.

Schon ihr Song "Formation", der nun als Coda am Ende des Albums steht, und ihr Super-Bowl-Auftritt in Black-Panther-Uniform deuteten an: Beyoncé will die ganz große Geste der Selbstermächtigung, genauer: der weiblichen, schwarzen Selbstermächtigung.

"The past and the present merge to meet us here", hieß es im Trailer zum TV-Event "Lemonade". Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen. Besser kann man die künstlerische Vision von Beyoncés sechstem Studioalbum nicht beschreiben. Es geht knietief rein in die Geschichte - persönlich, musikalisch, gesamtgesellschaftlich. "Lemonade", der Film, ist mythologisch überhöht, eine symbolisch aufgeladene Katharsis. Es gibt verzehrende Feuer und reinigende Sturzbäche. Zuweilen wirken diese Aufnahmen, als hätte Terrence Malick eine Episode von True Detective gedreht. Die Bilder sind in die Ästhetik der Southern Gothic getaucht, jener verdrehten Form der Südstaaten-Romantik, die mehr Horror ist als Liebe.

Musikalisch strecken sich Beyoncé, ihre Produzenten und Kollaborateure weit in die große amerikanische Songgeschichte, die ja vor allem eine Geschichte schwarzer Musik ist. Auf "Lemonade" finden sich Spuren vom bereits erwähnten Blues, über vom Gospel berührte Soul-Balladen bis zum Country-Schwank. Dem R'n'B nähert sich Beyoncé gleich von zwei Seiten: einmal transatlantisch-elektronisch-dekonstruiert mit James Blake ("Forward"), einmal rotlichtschwer mit dem Promiskuitäts-Poeten The Weeknd ("6 Inch").

Für die nötige Black-Lives-Matter-Gravitas kommt Kendrick Lamar

Am eindrucksvollsten funktioniert die Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart in "Freedom". Zu psychedelischem Sixties-Beat feuern die Marschtrommeln. Beyoncé ist wieder - oder immer noch - wütend: "Freedom, Freedom, cut me loose!" Der Song pulsiert, dann setzt Kendrick Lamar ein, um "Freedom" die nötige Black-Lives-Matter-Gravitas zu geben. Im Film stehen diesem Ausbruch die Bilder der trauernden Mütter von Eric Garner, Michael Brown und Trayvon Martin voran.

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"Lemonade" ist ein Werk mit klarer und kompromissloser Vision, im Film trägt Beyoncé zwischen den Songs Gedichte der somalisch-britischen Dichterin Warsan Shire vor - es geht um die Körperlichkeit der Frau, um Wut, Hilflosigkeit und Untreue.

"Lemonade" ist ein politisches Statement, es will sichtbar machen, was so lange im Verborgenen litt. "Lemonade" ist aber auch - das hat "Formation" bereits angedeutet - Beyoncés Versuch, mit ihrer eigenen Vergangenheit klarzukommen.

"Texas, Texas", flüstert die Frau aus Houston zu Beginn von "Daddy Lessons". Ihr Vater habe sie zu einer Soldatin gemacht, heißt es da. Dann geht es um das Recht zu kämpfen und das Recht, Waffen zu tragen: "Daddy made me fight, it wasn't always right. But he said, girl, it's your second amendement." Womit wir beim zutiefst patriotischen Kern von "Lemonade" angelangt wären. Auch wenn die schwarze Frau bislang auf der Seite der historischen Verlierer stand, es ist an der Zeit sich zu erheben - und Amerika wieder groß zu machen.

Beyoncé ist also nicht nur eine abwechslungsreiche und trotz historischer Verästelungen wirklich erfrischende Pop-Platte gelungen, sondern vor allem ein starker emanzipatorischer Akt. Den man ganz und gar nicht auf Anspielungen zum Zustand der Ehe mit Jay-Z abklopfen muss - so wie es viele Kritiker schon getan haben. "I can taste the dishonesty, it's all over your breath", lauten die ersten Worte des Albums. Auch wenn diese und andere Zeilen explizit darauf hindeuten mögen: eine Scheidung im Hause Carter-Knowles wird es wohl nicht geben. Denn am Ende von Beyoncés Reise der vergessenen Frau schließt sich der Kreis. Die letzten versöhnlichen Worte von "All Night" und "Lemonade" sind: "Oh, I missed you, my love."

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