Theater, Krieg und Corona:Schwundstufen in der Bubble

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Theater, Krieg und Corona: Christopher Rüpings Bochumer Inszenierung "Das neue Leben", eine musikalisch-performative Erkundung nicht gelebter Liebe auf den Spuren von Dante Alighieri.

Christopher Rüpings Bochumer Inszenierung "Das neue Leben", eine musikalisch-performative Erkundung nicht gelebter Liebe auf den Spuren von Dante Alighieri.

(Foto: Jörg Brüggemann /Agentur Ostkreuz)

Beim Berliner Theatertreffen feiert die Branche ihre Systemrelevanz in Krisenzeiten. Aber warum eigentlich feiert das Publikum nicht mit?

Von Christine Dössel

Kaum je gab es zur Eröffnung des Berliner Theatertreffens einen herzenswärmeren, so vorbehaltlos begeisterten Applaus wie in diesem Jahr. Nicht für eine künstlerische Darbietung, sondern für das Treffen als solches, das nach zwei digitalen Pandemie-Ausgaben wieder analog über die Bühne geht, in seiner ihm wesenseigenen Form als Branchen-Treff und Best-of-Schau, Diskussionsforum und Theaterfest. Als Spektakel der physischen Präsenz. Hallo miteinander, lange nicht gesehen, aber (fast) gleich wieder erkannt. Der Applaus galt zunächst also der eigenen Anwesenheit, aber dann schon auch dem Theater an sich, dessen Relevanz in den Eröffnungsreden so nachdrücklich beschworen wurde, dass man direkt misstrauisch werden konnte. Hat diese uralte Menschheitskunst das so bitter nötig?

Nach ihrer viel beklagten Schlechtbehandlung in der Pandemie und in Anbetracht der momentanen Krisen offenbar schon. Theater seien "Orte der Freiheit und Demokratie", betonte die scheidende Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer, sie reflektierten, "was die Menschheit am Leben hält". Und Kulturstaatsministerin Claudia Roth fügte auf ihre engagiert-überschwängliche Art ähnliche Bedeutungsfloskeln hinzu - Theater als "Ort gesellschaftlicher Debatten", als "treibende Kraft demokratischer Verständigung", als "Grundnahrungsmittel" -, um es schließlich "ohne Wenn und Aber" für "systemrelevant" zu erklären. Womit ihr die Herzen zuflogen, denn als schlechte Schauspielerin kam sie dabei nicht rüber, und das will was heißen in Theaterkreisen. Dass die coronabedingt geschlossenen Bühnen sie "fast körperlich geschmerzt" hätten, auch das nahm man dieser empathischen Politikerin ab.

Kurz wirkte das Theater wie die existenziellste, unerlässlichste Sache der Welt. Was es dann halt leider aber nicht ist.

Sonst würde es gerade jetzt, da "die Krisen sich überlappen wie tektonische Platten" (Roth), von den Menschen viel stärker aufgesucht, gewollt, gebraucht und vermisst. Das Gegenteil ist der Fall. Das Theater hat ein Zuschauerproblem. Die Leute rennen den Häusern nach zwei Pandemiejahren nicht etwa ausgehungert die Türen ein, sondern kommen nur zögerlich oder bleiben weg. Unter dem Hashtag "#Publikumsschwund" hat der erfolgsverwöhnte Regisseur und Theatertreffen-Liebling Christopher Rüping vor seiner jüngsten Inszenierung "Brüste und Eier" am Hamburger Thalia-Theater öffentlich auf das Phänomen verwiesen: Dies sei die erste Premiere von ihm, die nicht ausverkauft sein würde. Inwieweit dies auch an dem beknackten Titel (des Romans von Mieko Kawakami) gelegen haben mag, sei dahingestellt. Fest steht: Unter dem Schwund leiden derzeit alle. Selbst beim Theatertreffen, wo die Karten in der Regel immer sofort weg sind, lief der Vorverkauf schleppend. Gleiches gilt für die Mülheimer Theatertage: 40 Prozent weniger Karten im Vorverkauf als im gleichen Vergleichszeitraum 2019 meldet deren Leiterin Stephanie Steinberg. Was nicht heiße, dass diese Leute sämtlich wegbleiben. "Sie buchen einfach viel kurzfristiger."

Corona ist das eine. Das selbstreferenzielle Programm auf der Bühne das andere

Natürlich schlagen hier Corona-Effekte zu Buche. Die einen wollen sich aus Angst noch nicht wieder zwischen zu viele Menschen begeben, die anderen haben keine Lust auf Maske. Hinzu kommt die Macht der Entwöhnung - und der Umgewöhnung. Netflix ist in der Pandemie ein wichtiger Player geworden und das Sofa ein billiger Aboplatz. Gerade Menschen, die schauspielaffin sind, wissen auch gute Serien zu schätzen. Ein Problem ist zudem die Unzuverlässigkeit bei der Kartenbuchung. Durch die vielen Krankheitsfälle in den Ensembles und die dadurch bedingten Spielplanänderungen war zuletzt keine Premiere, keine Vorstellung mehr sicher.

"Den ganzen letzten Herbst über waren wir so gut wie ausverkauft", berichtet der Intendant des Thalia-Theaters Joachim Lux. "Ab Mitte Dezember ist die Nachfrage dann eingebrochen, und zwar punktgenau mit dem Bekanntwerden der Omikron-Variante." Seit dem Krieg in der Ukraine habe es einen weiteren deutlichen Einbruch gegeben. "Statt Entlastung ist für die Menschen noch dieser Hammer obendrauf gekommen. Also machen sie noch mehr den Oblomow." Heißt: Sie halten sich zurück und ihr Geld zusammen. Anders als sein Bochumer Intendantenkollege Johan Simons ("60 Prozent Saalbelegung, wenn man Glück hat") glaubt Lux nicht, dass das Publikum automatisch zurückkehren wird. Es gelte nun, "einen Teil davon zurückzugewinnen und vor allem ein neues zu gewinnen". Das werde ein Kampf.

Womit wir wieder beim Theatertreffen wären. Schaut man sich an, was dieses Festival als die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen eines Jahres vorstellt, zumindest nach Ansicht der siebenköpfigen Kritikerjury, dann ist das doch eine eher nerdige Spezialistenauswahl für den Diskurs in der Bubble. Es dominieren Nischen- und Kleinformate, performative Choreografien mit Musik (toll: "Slippery Slope"), thematische Anliegen wie Demenz ("All right. Good night"), Klassismus und Kinderarmut ("Ein Mann seiner Klasse"), sexualisierte Gewalt ("Like Lovers Do"). Mit Ewelina Marciniaks feministischer "Jungfrau von Orleans" aus Mannheim und Volker Löschs kapitalismuskritischer Ausdeutung des "Tartuffe" aus Dresden sind zwei radikale Zugriffe auf den klassischen Kanon abseits der großen Häuser vertreten.

Ein Netflix-Publikum, das gute Geschichten und vielschichtige Charaktere liebt, lässt sich so nicht vom Sofa locken

Als Opener gab es Rüpings Bochumer Inszenierung "Das neue Leben", eine musikalisch-performative Erkundung nicht gelebter Liebe auf den Spuren von Dante Alighieri, entstanden als Impromptu zwischen zwei Lockdowns. Nicht seine beste Arbeit. Workshopartiges Herumstochern eines Schauspielerquartetts auf übergroßer, unausgefüllter, Bilder verweigernder Bühne, wobei alle sich den (dünnen) Text teilen - wie das heute Mode ist -, und ihn mit Popsongs auffüllen, in diesem Fall von Meatloaf und Britney Spears, weil dann ja immer was geht. Erst wenn die Pest ins Spiel und mit ihr auf der Bühne ein gigantisches Leuchtpendel in Schwung kommt, gewinnt die Sache theatralisch an Fahrt, um am rührenden Feelgood-Ende doch noch ihren Anspruch "Trost zu spenden" einzulösen. Was dann viel mit dem Auftritt der fabelhaften Viviane De Muynck und den Lebensweisheiten zu tun hat, die diese coole alte Dame des belgischen Theaters den vier Dante-Performern um die Ohren haut.

Das sind sicherlich alles ehren- und sehenswerte Arbeiten, als Tableau aber strahlt diese Zehner-Auswahl soviel Glamour, Sexyness und Attraktionspotenzial aus wie ein Stundenplan für den Postdramatik-Nachhilfekurs. Schauspielertheater? Fehlanzeige. Ein Must-see wie die sensationelle Lina Beckmann als "Richard III."? Nicht dabei. Und Kirill Serebrennikows schon aus politischen Gründen bemerkenswerte Hamburger Tschechow-Inszenierung "Der schwarze Mönch" ist zwar nach Paris und Avignon eingeladen, nicht aber nach Berlin.

Theater, Krieg und Corona: Soziales Elend vom Schauspiel Hannover: "Ein Mann seiner Klasse" nach dem Roman von Christian Baron in der leisen Erzählregie von Lukas Holzhausen.

Soziales Elend vom Schauspiel Hannover: "Ein Mann seiner Klasse" nach dem Roman von Christian Baron in der leisen Erzählregie von Lukas Holzhausen.

(Foto: Katrin Ribbe)

Ein theaterentwöhntes Netflix-Publikum, das gute Geschichten und vielschichtige Charaktere liebt, ist auf diese Weise eher nicht aus dem Home-Modus zu locken. Es schlägt sich da in der Auswahl eine generelle Entwicklung im Theater nieder: die zum Dramaturgenstrebertum und zur Blasenbildung im Namen des Korrekten, Woken und Guten. Sie geht einher mit einer Tendenz zum Tunnelblick und oft auf Kosten des Spielerischen, Freien, Verrücktschönen. Oder auch einfach nur: der Anschlussfähigkeit. Denn das Theater hat ja richtige und wichtige Themen, es spricht die Zuschauer damit aber oft nicht an. Und warum? Weil es viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist.

Es hat ja aber auch alle Hände voll zu tun, zumindest wenn es zukunftsfähig bleiben und seinem avantgardistischen Anspruch als gesellschaftlicher Impulsgeber gerecht werden will. Was da alleine innerbetrieblich im Argen liegt, kam während der zweitägigen, ans Theatertreffen angedockten Konferenz "Burning Issues" in der Akademie der Künste zur Sprache, wo - hauptsächlich von Frauen, viele davon People of Colour - über die "brennenden Fragen" diskutiert wurde. Heiße Eisen wie Geschlechtergerechtigkeit, Machtmissbrauch, Diversität, Inklusion, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Reform patriarchaler Strukturen - all das, woran das Theater institutionell krankt und worüber seit der "Me Too"-Bewegung niemand mehr hinwegsehen kann.

Gegründet 2018 als Graswurzelbewegung von der Schauspielerin Lisa Jopt und der damaligen Schauspielchefin Nicola Bramkamp am Theater Bonn - damals noch als konspiratives Treffen unter Ausschluss von Männern -, geht es bei den "Burning Issues" längst um mehr als um Genderfragen und Teilhabe. Die Buzzwords lauten "Intersektionalität", "marginale Perspektiven", "Empowerment", "Nachhaltigkeit" (denn das Theater muss jetzt auch noch die Welt retten), und über allem steht als Ziel eine grundsätzliche "Transformation". Die Intendantin Sonja Anders und die körperlich behinderte Schauspielerin Alrun Hofert berichteten von ihrer Erfahrung, aus dem Schauspiel Hannover ein diverses Theater zu machen. Strukturelle Debatten und Critical-Whiteness-Workshops sind dort Teil der künstlerischen Arbeit. Amelie Deuflhard, die Hamburger Kampnagel-Chefin, hatte die Coaching-Frau für den "Change-Prozess" an ihrem Haus dabei. Diese riet allen zu einer "illusionslosen Hartnäckigkeit". Der Berliner Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert wurde von den drei schwarzen Kulturagentinnen und Aktivistinen Clementine Burnley, Sandrine Micossé-Aikins und Ella Steinmann rhetorisch derart unter Druck gesetzt, dass der nächste Berliner Intendanzposten sicher nicht mehr ohne Ausschreibung und Findungskommission vergeben wird. Jedenfalls nicht ohne Aufschrei.

Dranbleiben, internationale Vernetzung, Mentoring, Sitzungsstrukturen ändern, Chefs einbinden ("talk to your peers"), Druck ausüben, Maßnahmenkataloge erstellen, und bitte die Achtsamkeit nicht vergessen! Die To-do-Liste ist inzwischen immens. Und wichtig. Aber wo bleibt die Kunst? Die Inhalte sollten auf dieser Liste ganz oben stehen. Das zu schaffen, ist das heiße Thema der Saison. Denn stell dir vor, das Theater löst alle Probleme - und keiner geht hin.

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