Berlinale Alone in Berlin - besser als sein Ruf

Ganz so miserabel, wie die Gerüchteküche es prophezeite, ist die deutsch-französisch-britische Koproduktion nicht geworden. Die authentische Geschichte eines Berliner Arbeiter-Ehepaars, deren Sohn im Zweiten Weltkrieg fällt und das daraufhin Pamphlete gegen Hitler und seine Nazis in der Stadt verteilt, war bereits in der Vorlage von Fallada aus dramaturgischen Gründen sanft romantisiert worden.

Künstlerische Entscheidungen treiben den Film in die Lächerlichkeit

Diese Romantisierung des Stoffs setzt der Schweizer Regisseur Vincent Perez kräftig fort. Er baut "Alone in Berlin" zu einem richtigen Melodram aus, was streckenweise auch ganz anständig funktioniert. Wären da nicht einige saublöde künstlerische Entscheidungen, die den Film unfreiwillig komisch machen.

Die schlimmste: Da es sich um eine Koproduktion mit Schauspielern aus verschiedenen Herkunftsländern handelt, man dem Film aber trotzdem anmerken soll, dass er in Berlin spielt, sprechen alle Englisch mit deutschem Akzent. Und zwar nicht nur die deutschen Schauspieler wie Daniel Brühl, der einen fiesen Kommissar spielt. Sondern auch die englischsprachigen Hauptdarsteller Emma Thompson und Brendan Gleeson. Sie haben sich einen absurden Sauerkraut-Sound zugelegt und sprechen mit bemüht germanischem Einschlag. Sänk ju very matsch.

Wirklich gute Filme beleben die Stimmung auf der Berlinale

Dass darüber keine allzu große Festivaldepression ausbrach, lag an zwei anderen Filmen. Zunächst an der sehr schönen Schriftsteller-Komödie "Genius", die kurz darauf im Wettbewerb zu sehen war. Der Film ist das Kinodebüt des gefeierten britischen Theatermachers Michael Grandage und erzählt vom legendären New Yorker Lektor Maxwell Perkins (Colin Firth), der in den whiskeyvernebelten Zwanzigern F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und Thomas Wolfe herausbrachte.

Gerade zu Letzterem, der wild und wahnsinnig von Jude Law gespielt wird, verband ihn eine tiefe Freundschaft. Wie die beiden Männer im Zigarettenrauch von Perkins' Büro an Manuskripten arbeiten, an Sätzen und Wörtern feilen - das inszeniert Regisseur Grandage als irren und absurden Trip, nicht nur in die überdrehten Zwanziger, sondern auch in die Geheimnisse der Sprache.

Das ist keine kleine Kunst, scheitern Schriftstellerbiografien doch oft daran, dass ein Mann an einer Schreibmaschine noch keinen spannenden Film macht. Große Hilfe dürfte bei der dramaturgischen Taktung dieses schwierigen Stoffes der Drehbuchautor John Logan geleistet haben, der zuletzt mit "Skyfall" die James-Bond-Reihe zu neuen Höhen geführt hatte.

Lee hat aus der klassischen Komödie "Lysistrata" ein buntes Hip-Hop-Musical gemacht

Ein Sexstreik in Chicago, damit die Männer aufhören zu morden: Teyonah Parris in Spike Lees "Chi-raq", einer sehr freien "Lysistrata"-Variation.

(Foto: Festival)

Der andere Erheiterungsbeitrag im Wettbewerb - außer Konkurrenz - war Spike Lees Musical "Chi-raq": eine sehr freie Hip-Hop-Variation der griechischen Komödie "Lysistrata" von Aristophanes. Darin verhandelt er die brutalen Ghettokriege in Chicago, der US-Stadt mit der höchsten Mordrate - und zwar in Form eines knallbunt durchchoreografierten Spektakels mit Samuel L. Jackson als Erzähler. Lees Pointe: Alle Chicagoer Frauen - allen voran seine Lysistrata (Teyonah Parris) treten in einen Sexstreik, damit die dauerlynchenden Herren endlich zur Räson kommen mögen. Motto: "No Peace. No Pussy."

Ganz so heiter wird es aber nicht weitergehen, weshalb sich die Festivalflüsterpost jetzt um Folgendes dreht: Werden Jury-Präsidentin Meryl Streep und ihre Co-Juroren durchhalten, wenn morgen im Wettbewerb das philippinische Kino-Essay "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" zu sehen ist? Der dauert pinkelpausenunfreundliche acht Stunden.