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Berlinale-Filme:Malicks Spätwerk - ein einziger Hilfeschrei

Sie rebelliert dagegen mit ihren eigenen Träumen, ihrer eigenen Bestimmtheit, ihrer eigenen Lust - aber in einer kleinen Gemeinschaft voller Abhängigkeiten und quasi-feudaler Verhältnisse setzt sie damit gleich die Existenz der ganzen Familie aufs Spiel. Das wird so zwingend erzählt, wie die prekärsten Verhältnisse nun einmal sind, im ewigen Kreislauf von Geburt und Tod, Saat und Ernte unter dem Vulkan, der dem Film seinen Titel gibt. Und es fühlt sich wirklich so an, als sei hier einmal kein Konzept von außen exekutiert worden, als seien die Maya hier selbst Erzähler ihres Volksglaubens, ihrer Traditionen, ihrer Geschichte.

Und so unbekannt und speziell diese Welt ist, so universal sind dann doch die Themen, mit denen besonders die Frauen zu kämpfen haben - und die sich dann über Zeit und Raum hinweg in Benoît Jacquots "Journal d'une femme de chambre / Tagebuch einer Kammerzofe" ebenso wiederfinden. Auch die Dienstverhältnisse um 1900, die Octave Mirbeau in seinem gleichnamigen Roman beschreibt, versehen den Körper einer mittellosen jungen Frau mit einem Tausch- und Moralwert, der Schwangerschaften zur Katastrophe erklärt und doch das ständige Angebot zu verschiedensten Formen der Prostitution enthält.

Léa Seydoux spielt die Hauptrolle in "Journal d'une femme de chambre/Tagebuch einer Kammerzofe".

(Foto: Carole Béthuel)

Die Kammerzofe Célestine, überzeugend gespielt von der bald allgegenwärtigen Léa Seydoux, die wegen aktueller Bondgirl-Verpflichtungen nicht nach Berlin kommen konnte, ist zwar auch Opfer der Verhältnisse, aber vor allem eine Studierende der Mechanismen von Machtausübung und Bigotterie, Sexualität und Wahrheit. Man ist ganz bei ihr, wenn sie den Ansatzpunkt sucht, ihre Ohnmacht in Macht zu verwandeln, unabhängig und frei zu werden, selbst um den Preis der Verbrechens - nur hätte man dafür wohl die weitschweifige Vorlage, die auch Meister wie Jean Renoir (in den Vierzigern, mit Paulette Goddard) und Luis Buñuel (in den Sechzigern, mit Jeanne Moreau) schon fasziniert hat, viel stärker fokussieren, sozusagen mit Gewalt in die Gegenwart holen müssen. Und diese Anstrengung unternimmt Benoît Jacquot dann doch nicht.

Kehrt man dann zu Terrence Malick zurück, hat sich auf der Leinwand nichts wirklich fortentwickelt: Wieder benetzt eine neue Frau ihre Zehen im Pool oder im Sand von Malibu, und wieder klagt Christian Bale, wie fremd er sich selbst noch immer ist. Das Auge ist nur vom Vorübergehen dieser Schönheit schon so müde geworden, dass es nichts mehr hält. Und irgendwann fängt man an, den Film wirklich sehr persönlich zu lesen: Dank seines amtlichen Status als Regiegott umschwärmen auch Malick selbst natürlich die Schönsten und Begehrtesten, siehe Bale, Blanchett, Pinto, Portman - und wie sein Held weiß er im Grunde nichts mit ihnen anzufangen.

Am Anfang der Filmtrilogie, die hier nun zu Ende geht, konnte man Malicks hemmungslosen Steadycam-Bilderrausch und seine dröhnenden Musikeinsätze - hier klingt mehrfach knallhart offensichtlich die Peer-Gynt-Suite an - noch als eine Art Verteidigung der Naivität lesen, eine Suche nach der verlorenen Unschuld des wunderschönen Kinobilds und einen Traum von der Rückkehr in eine vorzynische Visualität. Im Kontext dieser letzten, uferlosen Selbstbespiegelung aber drängt sich nun eine andere Deutung auf: Der Mann lebt in einer selbstgeschaffenen Hölle der Fühllosigkeit, aus der ihn selbst die Religion nicht mehr retten kann, und vielleicht ist sein ganzes Spätwerk ein einziger Hilfeschrei: Ich bin eine Legende - holt mich hier raus!

© SZ vom 09.02.2015
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